Seltsame Tage – Arno Schmidt und Darmstadt 1955–58

Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegszeit, über ihn und sein Werk wird bis heute kontrovers diskutiert: Arno Schmidt (1914-1979). Studierende des Fachbereichs Gestaltung der h_da, des Fachbereichs Architektur der TU Darmstadt und des Instituts für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt haben mit einer Ausstellung, Workshops und Vorträgen an Arno Schmidt und seine Darmstädter Jahre erinnert. Titel des fachübergreifenden Gemeinschaftsprojekts: „Seltsame Tage“. Im Zeitraum vom 11. Oktober 2019 bis 5. Januar 2020 fanden neben der Ausstellung auf dem Campus Stadtmitte der TU und im Ausstellungsbereich der Universitäts- und Landesbibliothek auch Lesungen, Events und Workshops im Schauraum der Hochschule Darmstadt am Hochhaus des h_da-Campus Schöfferstraße statt. Das h_da-Team aus Kommunikationsdesign-Studierenden vom Fachbereich Gestaltung wurde geleitet von der Typografie-Dozentin Su Korbjuhn.

  • Arno Schmidt lebte seit September 1955 bis zu seinem Umzug nach Bargfeld bei Celle 1958 in der Inselstraße 42 in Darmstadt. Im Stadtlexikon Darmstadt ist zu lesen: „Die Darmstädter Jahre waren geprägt von Zweifeln, ob eine Existenz als freier Schriftsteller möglich sei, waren aber auch sehr produktiv. Hier entstanden der Zyklus von Erzählungen „Aus der Inselstraße“, mehrere Radio-Essays, die Fouqué-Biografie, der „Darmstädter Schlüsselroman“, die Gelehrtenrepublik“, „Tina oder über die Unsterblichkeit“ und „Goethe und Einer seiner Bewunderer“. Obwohl Schmidt in Darmstadt herzlich empfangen wurde, fühlte er sich „in der Barbarei“ nicht wohl und betrieb seinen Umzug in das geliebte Heide-Flachland, um ohne die „widerlichste Cliquenwirtschaft“ ungestört in seinem „Bücherhag“ schreiben zu können. Nur zu Eberhard Schlotter entstand ein engerer Kontakt, der zu gemeinsamen künstlerischen Projekten führte, u.a. „Das zweite Programm“. Bild: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

  • Mit ihm lebte auch seine Frau Alice Schmidt in der Darmstädter Inselstraße. Über sie sagt die „Seltsame Tage“-Projektleiterin Su Korbjuhn am h_da-Fachbereich Gestaltung: „Arno Schmidts schriftstellerisches Tun wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Sie war seine Muse, reflektierte mit ihm seine Texte und dokumentierte detailliert ihr gemeinsames Leben. Ohne ihre Tagebuchaufzeichnungen wäre die Darmstädter Zeit Arno Schmidts heute überhaupt nicht so erlebbar.“ Bild: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

  • Typografie-Dozentin Su Korbjuhn befasst sich in praktischen Lehrprojekten schon länger mit Arno Schmidt. Zum hundertsten Geburtstag des Autors 2014 bespielten Studierende der Gestaltung unter ihrer und Professorin Sabine Zimmermanns Leitung eine Litfaßsäule mit Kunstaktionen. Die Arbeit am aktuellen Projekt „Seltsame Tage“ ist mit über einem Jahr auch wieder über einen längeren Zeitraum angelegt. „Wir wollen die Aktualität und Präsenz eines Schriftstellers herausarbeiten, der sich zu Lebzeiten etwa mit Fragen zur Umwelt, Kriegsgefahr oder Nachhaltigkeit beschäftigt hat“, so Korbjuhn. „Arno Schmidt ist unbequem und komplex. Er ist eine Herausforderung für seine Leser. Daher habe ich Hochachtung vor den rund 50 Studierenden von Hochschule Darmstadt und TU Darmstadt, die sich seit einem Jahr über eigene wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten mit dem Werk Arno Schmidts auseinandersetzen. Die Ergebnisse zeugen von tiefer Reflektion und großer Kreativität. Sie ermöglichen das Werk Arno Schmidts ganz frisch und mit allen Sinnen zu erfahren. Die Studierenden selbst gewinnen dabei unschätzbare praktische Erfahrungen mit der Arbeit in fachübergreifenden Teams. Impulse des Kommunikationsdesigns, der Architektur sowie der Sprach- und Literaturwissenschaft führen sie auf individuelle Weise zusammen.“ Bild: Stefan Bayer

  • Die Hauptausstellung in der Halle 2 des Campus Stadtmitte der TU Darmstadt … (Bild: Felix Schöppner)

  • … zeigte historische Objekte aus dem Leben des Autoren Arno Schmidt und seiner Frau Alice… (Bild: Felix Schöppner)

  • … und ordnete sein Werk literaturwissenschaftlich ein. Diese historische Perspektive kombinierte das Veranstaltungsteam mit Werken aktueller Künstlerinnen und Künstler, die sich über mehrere Wochen durch einzelne Aspekte aus Arno Schmidts Leben inspirieren ließen und eigene Aktionen und Kunstwerke erschufen. (Bild: Felix Schöppner)

  • Den Anfang machte für eine Woche im Oktober 2019 der Künstler Jonas Höschl im Schauraum der Hochschule Darmstadt. Höschl untersuchte, angeregt durch die Collagen-Arbeit Arno Schmidts, über eine Neuanordnung von Bildunterschriften die fotografische Rhetorik einer Lokalzeitung anhand der Berichterstattung über den suspendierten Oberbürgermeister der Stadt Regensburg. (Bild: Felix Schöppner)

  • Es folgte ein dichtes Programm in Kooperation mit Kunstschaffenden und einschlägigen Institutionen. Darunter auch die installative Malerei Lisa Ingrid Nürnbergers im Schauraum… (Bild: Felix Schöppner)

  • Sowie des Reviews ihres Portfolios Studierenden der Gestaltung. (Bild: Felix Schöppner)

  • Das Darmstädter Institut für Neue Technische Form gab sich mit einer Auswahl seiner Designklassiker die Ehre im h_da-Schauraum, … (Bild: Felix Schöppner)

  • …darunter auch eine Reihe von bekannten Stuhlmodellen. (Bild: Felix Schöppner)

  • Ein Kulturprojekt zu Arno Schmidt wäre natürlich nicht vollständig ohne Lesungen und Vorträge. (Bild: Felix Schöppner)

  • Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma lasen am h_da-Fachbereich Gestaltung auf der Darmstädter Mathildenhöhe Arno Schmidts Geschichten aus der Darmstädter Inselstraße, nebst Auszügen aus Alice Schmidts Tagebüchern. (Bild: Felix Schöppner)

  • Als Kennerin Alice Schmidts, die Arno Schmidts Wunschvorstellung einer Autorenfrau – „stumme Anbetung, die auch Maschine schreiben kann“ – keineswegs entsprach, lernte das Publikum Susanne Fischer kennen. Als Geschäftsführender Vorstand der Arno Schmidt-Stiftung Bargfeld arbeitete Fischer in ihrem Vortrag „Genie-Assistenz“ humorvoll die Rolle Alice Schmidts heraus. (Bild: Felix Schöppner)

  • Alice Schmidt redigierte, verhandelte mit Verlagen, dokumentierte ihr Leben als Schriftsteller-Ehepaar in Tagebüchern und motivierte ihren Mann in Schaffenskrisen. So auch als es um einen Kurzgeschichtenwettbewerb ging: „Alice „sieht nur die 1000,- Mark; und piesackt mich zu Tode! Ich … schreibe vor Verzweiflung ein …. Zusammengestoppeltes Machwerk … - hoffentlich ist nun Ruhe“, beschrieb Arno Schmidt den Streit in seinem Tagebuch.“ (Bild: Felix Schöppner)

  • Ein Portrait Arno Schmidts, illustriert von Aljoscha Elsaesser, Student am h_da-Fachbereich Gestaltung

  • Design-Student Vincent Brod nannte seinen Linolschnitt zu einer literarischen Figur Arno Schmidts „Frau Lehmann sieht alles“

  • „Das Ausstellungsprojekt „Seltsame Tage“ bezieht im Herbst 2019 die Darmstädter Innenstadt mit ein. Im Rahmen eines „Parcours“ genannten Rundgangs können Interessierte in zahlreichen Darmstädter Geschäften unterschiedliche Exponate besichtigen, die auf Arno Schmidt und seine Zeit Bezug nehmen. Das Bekleidungsgeschäft „Henschel Darmstadt“ zeigt einen Mantel von Alice Schmidt, den sie 1956 in der Darmstädter Innenstadt gekauft hatte. Bild: Felix Schöppner

  • Das Schaufenster der Blumenhandlung „fleur in“ Bild: Felix Schöppner

  • Der „Georg-Büchner-Buchladen und Zweitausendeins“ Bild: Felix Schöppner

  • Das Schaufenster des Optikers „Klar“ mit alter Schreibmaschine und einer Brille im Stil der 50er Jahre. Bild: Felix Schöppner 

    Alle Partner und Unterstützer des Projekts unter https://seltsametage.de/#parkour

Kontakt

Martin Wünderlich-Dubsky
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.16-38084
E-Mail: martin.wuenderlich@h-da.de

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