Vielfältige Städte sind widerstandsfähiger

Astrid Schmeing lehrt seit 2009 an der h_da als Professorin für Stadtbaugeschichte, Städtebau und Entwerfen. Die Architektin arbeitete zuvor unter anderem für das "UN Studio" in Amsterdam und das "Büro am Lützowplatz" in Berlin. 2016 erschien ihr Buch "Die Siedlung in der Stadt", in dem sie detailliert analysiert, wie ausgewählte Siedlungen entwickelt und umgebaut werden könnten. Im impact-Interview liefert sie Antworten auf die Frage, wie die Corona-gerechte Stadt aussieht. Gleichzeitig warnt sie davor, den aufgenommenen Schwung in der nachhaltigen Neugestaltung des urbanen Raums zu verlieren.

impact: Frau Schmeing, im Moment sprechen wir viel über die Krisenfestigkeit, die Resilienz von Städten. Wird diese in Zukunft der Stadtplanung eine noch stärkere Rolle spielen?

Schmeing: Ich denke, dass ganz viele Themen schon vor Corona da waren. Das gilt auch für Resilienz. Darüber haben wir vor allem in Bezug auf Klimaschutz diskutiert. Das hängt auch damit zusammen, dass wir weniger über Stadtneubau sprechen als über Stadtumbau. Beim Neubau kann ich immer so bauen, wie es jetzt gerade für die Epoche passt. Beim Umbau brauche ich eine halbwegs resiliente Grundstruktur, damit die Stadt sich überhaupt an die immer neuen Ansprüche anpassen kann. Was dazu kommt aktuell: Die Anpassungen müssen oft, wie jetzt bei Corona, sehr schnell passieren.

impact: Sind wir denn schnell genug - zumindest hier in Deutschland?

Schmeing: Ich glaube schon. Es ließen sich viele Dinge enorm schnell umstellen. Der öffentliche Raum wird ganz anders genutzt und belebt. 

impact: Was macht eine resiliente Stadt aus?

Schmeing: Schwere Frage. Eine Stadt, die schon verschiedene Angebote beinhaltet, lässt sich vermutlich schneller umbauen als eine Stadt, die nach modernem Ideal funktionsgetrennt geplant worden ist und in die Fläche geht. Also etwa: Wohnen hier, arbeiten da. Andererseits entdecken wir bei Einfamilienhaus-Gebieten, die zwischendurch aufgrund der mangelnden Nachhaltigkeit gar nicht mehr auf der Agenda standen, aktuell wieder neue Qualitäten. Eine Resilienz besteht auch aus Vielseitigkeit.

impact: Weltweit wachsen die Städte. Ein Teil der Resilienz liegt ja auch darin, dass wir die Menschen aus Gründen des Infektionsschutzes voneinander trennen können. Geht das überhaupt und falls ja, was ist noch verhältnismäßig und was nicht?

Schmeing: Wir haben jahrzehntelang für eine dichte Stadt plädiert. Daran würde ich auch noch festhalten, weil das Thema Nachhaltigkeit und Flächenverbrauch relevant bleiben. Wir brauchen Lösungen, die sowohl die Anforderungen des Infektionsschutzes berücksichtigen als auch die Nachhaltigkeit gewährleisten. Wenn die Menschheit immer weiter wächst und sich ausbreitet, bleiben am Ende nicht genügend Naturräume übrig. Deshalb sollten sich die Städte dicht entwickeln. Vielleicht nicht so dicht wie in anderen Ländern. In Deutschland haben wir eine mäßige Dichte. Man braucht zugleich genügend Grünraum. Dann können die Leute etwa im Park spazieren gehen, ohne sich auf die Füße zu treten. Ich finde es gerade auch sehr interessant, dass die Autos im öffentlichen Raum zurückgedrängt werden, sodass die Gastronomie ihre Tische weit genug auseinanderstellen kann, zusätzliche Radspuren geschaffen werden oder dem Fußgänger mehr Raum gegeben wird.

impact: Ab wann ist denn eine dicht bebaute Stadt problematisch?

Schmeing: Da ist es schwer, konkrete Zahlen zu nennen. Klar ist: Schwierig ist es, wenn die hygienischen Standards nicht gehalten werden können. Dies war zum Beispiel auch schon beim Stadtwachstum der industriellen Revolution der Fall. In den Großstädten sind Seuchen wie Typhus oder Colora aufgetreten. Insbesondere im 20. Jahrhundert wurden die Städte als Gegenmaßnahme massiv entdichtet. Selbst wenn wir heute von der kompakten Stadt sprechen, ist diese in ihrer Dichte kaum mit jener der Industrialisierung zu vergleichen. Zudem haben heute mit dem Konstrukt der Kleinfamilie, mit Bädern in der Wohnung, fließend Wasser und durchschnittlich 47 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf ganz andere Lebensbedingungen, die Social Distancing und Hygiene durchaus ermöglichen. Es ist eher die psychische Dimension, die uns zu schaffen macht. Immer alleine oder im Rahmen der Familie in der Wohnung zu sitzen, womöglich ohne Balkon, ist schwer. Man spürt, dass die Menschen ein Bedürfnis nach frischer Luft und anderen Menschen haben, es zieht sie in den öffentlichen Raum. Dieser muss genügend Platz bieten. In Städten wie Darmstadt halte ich den öffentlichen Raum momentan für ausreichend. Schwierig war es im März und April zum Beispiel in Berlin, wo sogar einige Parks gesperrt waren.

impact: Aktuell wird oft die Gutverdienerin im sanierten Altbau der vierköpfigen Familie im Plattenbau gegenübergestellt. Die erste hat kaum Probleme, im Homeoffice zu arbeiten, die Familie jede Menge. Muss die Stadtplanung sozialer werden?

Schmeing: Ich habe das Gefühl, dass die Bundesregierung umgeschwenkt ist. Sehr lange war man sehr stark neoliberal geprägt. Und jetzt nimmt man plötzlich Schulden auf, versucht, die sozial umzuverteilen. Das Thema soziale Gerechtigkeit hat im Zusammenhang mit Corona eine große Rolle gespielt. Ich glaube nicht, dass es so weit gehen wird, dass man allen ein bestimmtes Recht auf ein Mindestmaß an Wohnfläche zugestehen wird. Auch, weil das in Konkurrenz zu Nachhaltigkeitszielen stünde. Die Mieten werden aktuell vielleicht etwas sinken. Aber eine arme Familie wird sich dennoch keine riesige Wohnung leisten können. Nach wie vor werden die finanziell Schwächeren verdrängt, etwa aus der Stadt in die Peripherie. Ich denke, man wird versuchen, durch Schaffung von neuem Wohnraum die Situation zu entschärfen. Und eventuell könnten bei Neubauten etwas weniger dichte Formen wieder eine größere Rolle spielen.

impact: Das widerspricht aber der Logik von Investoren, die möglichst viele Wohneinheiten auf kleiner Fläche realisieren wollen…

Schmeing: …die nutzen das auch total aus, dass man in den Innenstädten aktuell dichter bauen kann als früher. Eigentlich war schon immer die Prämisse, dass dann gleichzeitig begrünt werden soll. Als soziale Auffangfläche, zur Reduktion von CO2 und um die Städte zu kühlen. Die soziale Funktion dieser Grünräume ist in Zeiten von Corona nochmal deutlich zutage getreten, denn sie sind Treffpunkte im Quartier.

impact: Ist denn Corona auch eine Chance für den ländlichen Raum?

Schmeing: Das Einfamilienhaus ist in der Corona-Zeit beliebter geworden. Die eigenen vier Wände sind sehr begrenzend. Wenn ich einen eigenen Garten habe, kann ich mir die Situation während einer Pandemie viel angenehmer gestalten. Für Menschen, die sich das leisten können, hat das an Attraktivität gewonnen. Aber auch hier müssen Strukturprobleme angegangen werden. Es braucht dort mehr Möglichkeiten für Mobilität, eine neue Form von ÖPNV, etwa autonomes Fahren in kleineren, flexibleren Bussen. Sonst haben wir wieder das Problem, dass wir neue Straßen brauchen und dann haben wir wieder mehr Staus. Wir brauchen Schulen und medizinische Versorgung. Diese Dinge waren schon vor der Pandemie im Gespräch, die Situation hat aber sicherlich einen Schub bekommen.

impact: Beschäftigt sich denn die Stadtplanung und Architektur stark mit dem Autonomen Fahren?

Schmeing: Ja. Eine zentrale Erkenntnis ist: Wenn das autonome Auto einfach die alten Autos ersetzt, wird das nichts verbessern. Aber wenn wir diese autonomen Fahrzeuge auch mit anderen Menschen teilen, wäre das eine klare Verbesserung.

impact: Ist Corona der Anschub, den viele gebraucht haben, um die Verkehrswende zu realisieren?

Schmeing: Da sind die Städte sehr unterschiedlich. In Deutschland ist Berlin der Vorreiter, vor allem Kreuzberg/Friedrichshain, die binnen kurzer Zeit ungefähr elf Kilometer neue Radwege haben. In Brüssel darf man in der ganzen Innenstadt nur noch 25 km/h fahren, Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang. Diese Pläne gab es aber schon länger, deshalb hatten solche Städte einen Vorsprung. Hier in Darmstadt habe ich in dieser Richtung nicht viel mitbekommen. Es ist aktuell schwer abzuschätzen, was ein Kurzzeit-Effekt ist und was ein echter Paradigmenwechsel.  Das wird auch davon abhängen, wie lange Covid-19 uns noch begleitet und ob Pandemien tatsächlich häufiger werden, wie viele vorhersagen. In der Krise wurde viel darüber gesprochen, wie schön es ist ohne die Autos. Und später kamen die Staus zurück. Wenn wir Covid-19 nächstes Jahr los sind, werden viele Menschen in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen. Es wird stark von der Politik abhängen: Setzt sie den Städten bestimmte Nachhaltigkeitsziele oder nicht?

impact: Wenn die Krise schnell vorbei ist: Wird dennoch etwas von dem Momentum bleiben?

Schmeing: Ich hoffe, dass die Krise gezeigt hat, dass wir Gemeinschaftssinn entwickeln können. Dass wir die Notwendigkeit sehen, Dinge zu machen. Dass wir bestimmte Dinge erreichen können, weil wir sie erreichen müssen. Wie etwa beim Klimaschutz.

impact: Wie wird die Pandemie Geschäftsmodelle verändern? Aktuell gibt es ja bereits größere Umwälzungen - siehe die Schließung vieler Karstadt/Kaufhof-Filialen.

Schmeing: Nicht alle Einzelhändler und Ketten werden überleben. Es wird einen spürbaren Leerstand in den Innenstädten geben. Dann bleibt die Frage: Wie attraktiv werden die Innenstädte dann noch sein? Sie sind ja nicht nur zum Einkaufen da, sondern sie sind auch Event-Orte. Wenn immer mehr Kaufhäuser und Einzelhändler verschwinden und nur noch Nagelstudios aufmachen, sind die Innenstädte kein Grund mehr, um dorthin zu gehen. Auch da gibt es Chancen: Im Moment können dort nur bestimmte Firmen und Ketten die hohen Mieten zahlen. Das sind global aktive Player, die es fast in jeder Stadt gibt. Innenstädte sind aber für viel mehr da: Sie sind Begegnungsräume, man kann dort demonstrieren und so weiter. Vielleicht brauchen wir eine andere Art von Plätzen. Siehe etwa den Friedensplatz in Darmstadt: Der bringt das Landesmuseum optisch näher heran und ist für das Heinerfest da. Aber ansonsten kann er nicht so viel. Man kann dort nicht spielen, nicht gut sitzen - außer an der Seite. Man braucht Räume, die nichts kosten,  wo man aber einer Aktivität nachgehen kann, Sport und Spiel etwa. Außerdem könnten Innenstädte wieder stärker zum Wohnen genutzt werden. Ich glaube auch an das Thema Sharing, also etwa Repair-Cafés, Urban Gardening oder Läden, in denen man Werkzeuge und Ähnliches leihen kann. Eine Ausrichtung auf nachhaltigen Konsum könnte sogar zur Image-Förderung von Innenstädten beitragen.

impact: Wie verändert sich Ihre Arbeit durch Corona in Lehre und Forschung?

Schmeing: In der Lehre fällt vor allem die direkte Kommunikation weg. Im Fachbereich Architektur ist es so, dass wir viele Eins-zu-eins oder Eins-zu-vier-Situationen in Übungen haben. Oft bringen die Studierenden etwa das mit, das sie in der Woche erarbeitet haben und wir sprechen darüber. Das mussten wir jetzt über Zoom machen. Das war manchmal fokussierter. Aber insgesamt fehlte einem das direkte Gegenüber. Von den Studierenden habe ich gehört, dass ihnen der Austausch untereinander ganz massiv gefehlt hat. Das hat man an den Arbeiten gemerkt: Sie wurden heterogener, weil die Studierenden eigenständiger gearbeitet haben. Aber sie waren auch insgesamt weniger gut, weil man sich nicht gegenseitig beeinflusst, miteinander gesprochen hat. Die eigene Arbeit ist einförmiger geworden, weil sich alles am Rechner abspielt. Ich selbst habe nur noch die Kollegen gesehen, mit denen ich direkt zusammenarbeite.

impact: Beschäftigen sich aufgrund von Covid-19 ihre Studierende jetzt mit neuen städtebaulichen Themen?

Schmeing: Wir wollten ursprünglich bei Lehrveranstaltungen im Bereich Städtebau den ländlichen Raum in den Fokus nehmen. Das haben wir dann zurückgenommen, weil wir viele Partner außerhalb der Hochschule brauchten, die durch Corona in Anspruch genommen waren. Deshalb arbeiten die Studierenden eher theoretisch: Sie sollen ein funktionsgemischtes Quartier planen, mit Möglichkeiten, gut im Homeoffice zu arbeiten. Das greift Nachhaltigkeits-Themen auf - Stichwort Stadt der kurzen Wege - aber auch Aktuelles: Was bedeutet es für Wohntypologien, wenn Menschen viel zuhause sitzen? In den kommenden zwei Semestern beschäftigen sich die Studierenden mit noch unbebauten Arealen wie dem Darmstädter Messplatz und wie man da Wohnen und Arbeiten gestalten kann. Eventuell muss man auch Grundrisse in Häusern und Wohnungen neu denken: Brauchen wir jetzt öfter einen zusätzlichen Raum, damit jemand im Homeoffice arbeiten kann? Wie ist der mit der Wohnung verbunden? Schaffen wir zum Arbeiten halböffentliche Räume im Erdgeschoss, wie z. B. Co-Working Spaces? Wir sprechen in der Architektur zurzeit viel über die Möglichkeiten des direkten Wohnumfelds. Welche Möglichkeiten habe ich zum Beispiel für Sport, zum Spazieren, kann ich mich irgendwo hinsetzen, wo habe ich auch eine gewisse ästhetische Qualität?

Autor

Nico Damm
4. August 2020

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Nico Damm
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Weiterführende Links:

Zeit.de, 21.06.2020: Post Corona City