„Alte werden bevormundet“

Die Sozialgerontologin Prof. Dr. Dörte Naumann und der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Mario Rund lehren Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt (h_da), schwerpunktmäßig im Studiengang „Generationenbeziehungen“. Beide sagen: Durch die Corona-Krise drohen ältere Menschen mehr denn je an den Rand gedrängt und als Problemfälle betrachtet zu werden. Dabei sei Alter an sich nicht die entscheidende Kategorie.

impact: "Die wollen uns einsperren", beklagen vor allem ältere Menschen derzeit häufig. Wird der Generationenkonflikt durch die Corona-Krise verschärft?

Naumann: Alte Menschen werden in der aktuellen Debatte als hilflose Opfer beschrieben und zu Versorgungsobjekten reduziert. Hier wird künstlich eine homogene Gruppe konstruiert. Dabei haben wir in allen Lebensphasen Menschen, die besondere Zuwendung benötigen. Alte Menschen sind wichtige Stützpfeiler unserer Gesellschaft. Wir können sie nicht qua Alter dazu verdonnern, in ihren Wohnungen auszuharren und auf bessere Zeiten zu warten. Man sollte dringend jegliche Maßnahmen unterlassen, deren Begründungen lediglich auf dem Alter basieren. Dies befeuert in der Tat Generationenkonflikte und Altersdiskriminierung.

Rund: Die Kategorie „Alter“ alleine genügt nicht. Für jeden und jede gestaltet sich die Situation anders – je nachdem, ob man in einer Großstadt oder im ländlichen Raum lebt, viel oder wenig Geld hat, ob man als Coronapatient oder -patientin auf einer deutschen Intensivstation landet oder sich in einem Flüchtlingslager an den EU-Außengrenzen befindet. Es gibt eine Vielfalt an Lebenslagen in allen Lebensphasen. Ältere Menschen jetzt so isoliert zu betrachten, kann in der Tat Klischees und Ressentiments schüren. Die Situation im Alter ist letztlich auch eine Bilanz eines von sozial ungleichen Lebenschancen geprägten Lebens.

impact: Es gibt aber eine Trennlinie, anhand derer nun entschieden wird, ob jemand möglichst schnell wieder in den Alltag zurückkehren soll oder nicht – und das ist die Frage der Erwerbstätigkeit.

Rund: Was Sie da ansprechen, ist die Frage der ökonomischen „Verwertbarkeit“ von Menschen. Diese Idee wird jetzt noch einmal verschärft. Gleichzeitig treten durch die gegenwärtige Diskussion wichtige Themen wie etwa die Altersarmut in den Hintergrund. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Es geht nicht darum, sich auf die alten Menschen zu konzentrieren, denn unsere Probleme sind nicht auf eine spezielle Altersgruppe beschränkt.

Naumann: Die Erwerbstätigkeit ist nur eine Form sich in die Gesellschaft einzubringen. Viele Menschen im Ruhestand leisten zum Beispiel über freiwilliges Engagement, die Pflege von Angehörigen, Enkelkinderbetreuung oder finanzielle Unterstützung einen wichtigen Beitrag. Schon vor der Corona-Krise war es ein Fehler, von den alten Menschen oder „Senioren“ als eigene Bevölkerungsgruppe zu sprechen. Sie sind letztendlich ältere Erwachsene mit den gleichen Rechten und Pflichten. Das ist übrigens eine Lieblingsfrage in meinen Vorlesungen: Wann hört man eigentlich auf, erwachsen zu sein, und ist ein alter Mensch? Wir sehen hier sehr viel paternalistische Bevormundung, was der alte Mensch nun zu tun und zu lassen habe…

impact: Wie wirkt sich die soziale Isolation durch Corona auf ältere Menschen aus?

Naumann: Das „Social Distancing“ kann auch für Ältere sehr problematisch sein. Sie verbringen ohnehin mehr Lebenszeit in ihrer Wohnumwelt, viele leben allein und sind besonders auf Möglichkeiten der Begegnung und Teilhabe im öffentlichen Raum angewiesen. Jetzt ernten sie mitunter schon vorwurfsvolle Blicke, wenn sie sich noch in einen Supermarkt wagen. Damit rufen wir ganz andere Gesundheitsrisiken auf den Plan: Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen in sozialer Isolation psychisch erkranken und Bewegungsmangel gerade im Alter gravierende gesundheitliche Konsequenzen haben kann. Warum sollen ältere Menschen also nicht einkaufen gehen, wenn man die Distanzregeln im öffentlichen Raum konsequent umsetzt?

impact: Sie sprechen von Paternalismus und Bevormundung. Ein entscheidender Punkt scheint in der Debatte vor allem die Frage nach mehr Teilhabe älterer Menschen bei der Bearbeitung der Corona Krise zu sein…

Rund: Wir müssten jetzt die Frage stellen: Wie kann die öffentliche Daseinsfürsorge so organisiert werden, dass sie allen Bevölkerungsgruppen gerecht wird? Und damit sind wir bei dem zentralen Punkt, den Sie angesprochen haben: Wie können auch diejenigen ihre Interessen deutlich machen, die in gewisser Weise eingeschränkt sind. Es geht darum, was die einzelne Person ganz individuell für Bedarfe hat. Diese Frage impliziert aber auch, dass wir Wissen über die sozial ungleichen Lebenslagen von Menschen generieren müssen. Wir wissen eigentlich sehr wenig über diese unterschiedlichen Lebenslagen, insbesondere im ländlichen Raum. Auf einer solchen Grundlage könnte man eine viel bedarfsgerechtere Politik machen und auch gesundheitliche Versorgung besser organisieren.

Naumann: Und zwar unabhängig von der Alterskategorie. Schauen wir uns mal anekdotisch an: Wie gut ist beispielsweise Prinz Charles durch die Covid-19-Infektion gekommen? Er ist ja auch nicht mehr ganz „jugendlich“. Was ist der Mehrwert, hier das Alter als eine so mächtige eigenständige Risikokategorie betrachten? Als Altersforscherin würde ich sagen: Es wäre richtig, das Alter als eine von mehreren Risikokategorien einzubringen, nicht aber so prominent.

impact: Was ist denn schief gelaufen in den letzten Jahrzehnten?

Rund: Das Stichwort ist Ökonomisierung. Was wir gerade als Gesundheitskrise erleben, hat ihre Ursache in einem wettbewerbsmäßig organisierten, renditeoptimierten Gesundheitssystem. Und das wissen wir ja alle. Ironisch formuliert, heißt das nicht, dass etwas falsch gemacht wurde. Im Rahmen eines neoliberalen Paradigmas war das alles richtig. Aber es zeigt sich nun deutlich, dass das sehr hohe soziale Kosten hat und zur Spaltung und Entsolidarisierung führt. Letztlich ist die Thematisierung der aktuellen Krise also auch eine interessante Form, soziale Probleme zu überdecken, die jetzt als Generationsprobleme dargestellt werden. Die Konsequenz daraus ist: Wir müssen an Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft arbeiten, es muss möglich werden, wieder stärker auf politische Entscheidungen einzuwirken. Die Coronakrise ist ansonsten nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise, sondern auch eine Demokratiekrise.

Naumann: Es geht natürlich auch um die Frage der pflegerischen Versorgung. Der Pflegenotstand ist seit Jahrzehnten ein Thema. Jetzt erleben wir die Kombination aus Pflegenotstand und Wirtschaftskrise. Das macht die Problemlagen überdeutlich. Die Frage, wie wir die pflegerische Versorgung alter Menschen mit Blick auf Teilhabe, Lebensqualität und Würde nachhaltig realisieren können, ist komplett ungelöst. Übrigens wird häufig übersehen, dass viele alte Menschen selbst Angehörige pflegen und durch den Erhalt der eigenen Selbständigkeit die jüngeren Generationen entlasten.

impact: Was heißt all das praktisch?

Rund: Wir brauchen in den Stadtteilen und Gemeinden angesiedelte Zentren der Teilhabe, Versorgung und Unterstützung. Dazu gibt es viel Knowhow – und genau das ist es, was wir in unserem Studiengang vermitteln. Es kann jetzt nicht darum gehen, dauerhaft aseptisch zu kommunizieren. Wir müssen neue soziale Praktiken entwickeln, die es uns ermöglichen, miteinander umzugehen, ohne gesundheitliche Risiken einzugehen. Aber dazu brauchen wir Aushandlungsprozesse. Und das setzt wiederum voraus, dass wir entsprechende Möglichkeiten der Teilhabe haben. Diese Bereiche müssten viel stärker ausgebaut werden. Und wir in der sozialen Arbeit machen das.

impact: Wie funktionieren solche Teilhabe-Zentren?

Rund: Das sind Stadtteilzentren oder Gemeindezentren, in denen Fachkräfte aus der Stadtplanung oder der sozialen Arbeit vor Ort Beteiligungsprozesse organisieren, zur Selbsthilfe anleiten oder soziale Netzwerke aufbauen - auch für Menschen, die eher isoliert leben. Diese Zentren sind vielerorts unterfinanziert, erfüllen aber gerade jetzt eine ganz zentrale Funktion - selbst wenn derzeit auch in diesem Bereich vor allem digital gearbeitet und kommuniziert wird: Die Nachbarschafts-App nutzt mir nichts, wenn ich keine Nachbarschaft habe. Es bedarf eines Fixpunkts, der die Nachbarschaften zusammenbringt. Im ländlichen Raum werden im Moment sogenannte Multifunktionszentren „neu erfunden“. Ich sage das mit einem Lächeln, denn das Konzept ist etliche Jahre alt: Kontakte, Versorgung, Einkauf, Kommunikation, Teilhabe – alles wird an einem Ort angeboten. Das kann eine gute Lösung sein. Deshalb brauchen wir Fachkräfte vor Ort, die solche Möglichkeiten aufbauen. Das wäre eine ganz konkrete Maßnahme.

impact: Birgt die Corona-Krise auch eine Chance?

Naumann: Das Corona-Thema wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Und wir sollten auf keinen Fall die Chance verpassen, über neue Möglichkeiten nachzudenken. Wir sollten nach der Krise nicht dorthin zurückkehren, wo wir vorher waren, sondern die nun offenliegenden vielfältigen Misslagen gemeinsam gestalten. Das setzt die Partizipation aller Bevölkerungsgruppen voraus. Aber ich bin besorgt, dass die aktuelle Debatte um die pauschalisierte Risikogruppe alter Menschen Altersdiskriminierung befeuert und die generationenübergreifende Solidaritätsbereitschaft gefährdet.

Rund: Wir sind in Deutschland in einer relativ luxuriösen Situation. Im Vergleich zu anderen Staaten haben wir ein recht stabiles Sozialsystem und mehr Handlungsspielraum. Vielleicht können wir diesen Spielraum ausschöpfen. Wir haben es hier mit einem Problem von planetarem Ausmaß zu tun. Diese Krise lösen wir nur in der Kooperation.

Autorin

Christina Janssen
30. April 2020

Kontakt

Christina Janssen
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Tel.: +49.6151.16-30112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de

Studiengang „Generationenbeziehungen“

Informationen zum Studiengang „Generationenbeziehungen“ finden Sie auf der h_da-Website.

Interview mit Prof. Mario Rund

Interview mit Prof. Mario Rund im Darmstädter Echo, 8.11.2019: Generationen müssen sich begegnen