Aus grauer Theorie werden brandaktuelle Projekte

Studierende und Lehrende der h_da erleben die Auswirkungen der Corona-Pandemie hautnah. Erstmals wird ein Semester digital abgehalten und in fast allen Fachbereichen haben Dozenten und Dozentinnen das Virus und seine Folgen für Gesellschaft, Sozialgefüge, Ökonomie, Finanzwelt oder Wissenschaft zum Thema ihrer Lehrveranstaltungen gemacht. Die Krise macht aus zuvor vielleicht grauer Theorie brandaktuelle angewandte Wissenschaft.

Folgen für die Praxis der Sozialen Arbeit

Das Coronavirus wirkt wie ein überdimensionales Vergrößerungsglas. „Grundsätzliche soziale und gesellschaftliche Probleme sind gerade überdeutlich sichtbar“, sagt Dörte Naumann, Prodekanin des FB Soziales Arbeit. „Didaktisch“, ist die Professorin sicher, „birgt die Krise großes Potenzial.“ Gemeinsam mit Studierenden lasse sich derzeit tagesaktuelle Berichterstattung vor dem Hintergrund wissenschaftlicher, interdisziplinärer Bezüge und Erkenntnisse reflektieren. „Das ist eine Chance, ihnen einen wissenschaftlich-analytischen Blick auf diese Situation beizubringen“, findet die Dozentin.

Die Pandemie hat Auswirkungen auf die Praxis der Sozialen Arbeit. Es gibt kaum eine Lehrveranstaltung im Fachbereich, die nicht thematische Bezüge herstellt. Die Prodekanin hat bei ihren Kollegeinnen und Kollegen nachgefragt: In Vorlesungen, Seminaren oder Projekten geht es aktuell um Sozialpolitik und Soziale Arbeit in der Corona-Krise, um Kinderschutz und Gewalt in Familien, Einsamkeit zu Zeiten von „social distancing“, Teilhabe im hohen Alter, sozial ungleiche Gesundheitschancen, suchtkranke Obdachlose, die Änderung der Narrative zu Flucht und Migration oder auch städtische Lebensweisen in Pandemie-Zeiten.

Auch viele studentische Projekte beschäftigen sich mit der Krise. Im Masterstudiengang steht ein großes Modul zur Praxisforschung an. Viele Studierende, so die Prodekanin, konnten ihr ursprüngliches Praxisprojekt wegen des virusbedingten Lockdowns nicht antreten oder fortsetzen – und wechselten zu Corona-Themen. Vor Ort können die meisten zwar nicht forschen, aber Interviews am Telefon oder per Online-Befragungen sind möglich. Derzeit laufen beispielsweise Projekte über gesellschaftliche Solidarität in Zeiten von social distancing oder zu krisenhaften Wendungen in Biografien. „Es gibt aber auch Lehrveranstaltungen, in denen ausgewählte allgemeine Kernprobleme bearbeitet werden, die gerade in der Corona-Krise hoch bedeutsam sind“, berichtet Naumann. Dabei geht es um Fragen der Teilhabe an kollektiv relevanten politischen Entscheidungen, Datensouveränität oder die Sicherung einer bundesweit zugänglichen und verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Risikogruppen sind oftmals weiblich

Professorin Dörte Naumann selbst ist Sozialgerontologin. Sie befasst sich in einem ihrer Seminare mit sozial ungleichen Gesundheitschancen. Ein Thema, das die Studierenden „engagiert und interessiert aufnehmen“, berichtet sie. Bildungs- und Einkommensunterschiede bedingen unterschiedliche soziale Chancen, Lebensstile, Gesundheitszustand und Sterblichkeit. Die viel diskutierten Risikogruppen, betont Naumann, „sind gesellschaftlich geformt.“ Die Möglichkeit, am Coronavirus zu erkranken, trifft sozial schwächere Bevölkerungsgruppen, zu denen viele Angehörige systemrelevanter Berufe zählen, deutlich stärker. „Das wird jedoch zu wenig thematisiert. Stattdessen liegt der Fokus fast ausschließlich auf dem Alter“, kritisiert sie. Ethische Hintergründe, Diskriminierung oder die Genderperspektive bleiben oft unerwähnt. „Frauen spielen in der Risikogruppe jedoch eine besondere Rolle.“ Es sind Pflegerinnen, Krankenschwestern oder Kassiererinnen, die in Corona-Zeiten kein sicheres Homeoffice machen können. Dafür will die Dozentin ihre Studierenden sensibilisieren. Und auch dafür, die Interessen der Adressaten ihrer Arbeit politisch zu vertreten. „Anwaltschaft gehört zur Sozialen Arbeit dazu.“ Naumann hofft, dass Studierenden dies in der Corona-Krise deutlicher wird, „weil es derzeit in vielen Bereichen brennt“.

Jeder Einzelne hat Einfluss

Welchen Einfluss jeder Einzelne auf die Verbreitung oder Eindämmung des Virus hat, zeigt die Mathematik-Professorin Jutta Groos in ihrem Seminar „Computational Statistics für Data-Science-Master-Studierende.“ Die Statistikerin lehrt auch Stochastik – die Untersuchung von zufallsabhängigen Ereignissen und Prozessen: „Vorher war so manches Modell für Studierende vielleicht graue Theorie, aber derzeit können wir live erleben, wie es funktioniert“. Ihr geht es vor allem darum zu zeigen, welche Rolle Parameter spielen und „was passiert, wenn ich nur ein bisschen am Rad drehe“. Groos hat über ein Thema aus der mathematischen Krebsforschung promoviert, doch Epidemiologie war ein Nebenfach. Die Professorin will ihren Studierenden ein „Gespür für die Auswirkungen vermitteln“. Sie will grundsätzlich aufzeigen, was kleine Maßnahmen wie Hygiene- oder Abstandsregeln in einem Modell verändern und wie sich das auf die Verbreitung auswirkt. Dafür lässt sie ihre Studierenden vereinfachte Modelle rechnen, die von einer hypothetischen Bevölkerung von 1000 Menschen und 100 Tagen ausgehen. Bewusst hat sie keine aktuellen Zahlen gewählt. „Die Studierenden sollen das Prinzip verstehen, den Prozess simulieren und sich ausprobieren. Sie sollen nicht die neuesten Prognosen abgeben“, betont Groos.

Statistik zählt nicht immer zu den Lieblingsfächern der Studierenden. So manche saß in der Vergangenheit mit unglücklichem Gesicht in den Lehrveranstaltungen, erzählt die Professorin. Schon zuvor hat sie sich daher um spannende Aspekte der Statistik und Stochastik bemüht. Derzeit ist ihr Thema jedoch sehr gefragt. „Das Interesse ist groß und die Studierenden sind außergewöhnlich fleißig“, freut sie sich. Groos will bei ihnen ein „Bewusstsein schaffen für Hygieneregeln und die Bedeutung, wie der Einzelne handelt“, betont sie. Gleichzeitig erfahren die jungen Leute, dass auch Rückschläge und Schwankungen bei epidemiologischen Modellrechnungen dazugehören. „Das Verhalten von Menschen ist halt nicht exakt vorhersehbar.“

Umfrage zum Infektionsschutz unter Studierenden

Mit Hygienemaßnahmen zum Infektionsschutz befasst sich auch der Bachelorstudiengang „Angewandte Sozialwissenschaften“ im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Die Studierenden bearbeiten im vierten und fünften Semester Schwerpunktprojekte. Vergangenes Jahr unterstützten sie den Aufbau des studentischen Gesundheitsmanagements an der h_da. In diesem Jahr kooperieren die Studierenden mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, berichtet Professor Jan Barkmann, der sich mit sozialwissenschaftlicher Risiko- und Nachhaltigkeitsforschung befasst. Die Bundeszentrale macht jährliche Umfragen in der Bevölkerung zu Impf- oder Hygiene-Maßnahmen. „Das sind große Datensätze, die wir uns vor einem sozial- und gesundheitspsychologischen Hintergrund anschauen“, so Barkmann.

Verabredet wurde das Projekt im Februar – bevor das Coronavirus das Tagesgeschehen bestimmte. Jetzt, in der Hochzeit der Pandemie, wird ein Team aus jeweils vier Studierenden die Daten von 2012 bis 2018 reanalysieren und mit einer eigenen Online-Befragung unter Studierenden der h_da und tiefergehenden Interviews kombinieren. So sollen Überzeugungen, Einstellungen und Handlungsabsichten zum Infektionsschutz abgefragt werden. Sind die Befragten bereit, Mundschutz zu tragen und wenn ja, warum - um sich oder andere zu schützen? Auf diese Weise wollen Barkmann und seine Studierenden analysieren, ob sich die Überzeugungen der Menschen durch die Corona-Krise verändert haben.

Herauskommen sollen auch Vorschläge, wie die Bundeszentrale ihre Risikokommunikation verbessern kann. Insbesondere wollen Barkmann und die Studierenden herausfinden, wie Botschaften zum Infektionsschutz besser an verschiedene Ziel- und Risikogruppen angepasst werden können. Betroffene aus der klassischen Arbeiterschaft sollten anders angesprochen werden als konservativ Etablierte oder junge Hedonisten. Der Professor rät, Persönlichkeitsmerkmale zusätzlich zu Bildung und Einkommen abzufragen, um die Kommunikation effizienter zu machen. Das gilt erst recht in Pandemiezeiten, in denen manche Bevölkerungsgruppen sich in falscher Sicherheit wiegen.

Das Risiko, kein Intensivbett zu bekommen

Mit Krankenhaus-Betten befasst sich der Statistik-Professor Horst Zisgen erst seit der Corona-Pandemie. Mit Studierenden geht er in einem Seminar derzeit der Frage nach, wie hoch das Risiko ist, in Abhängigkeit von der Neuinfektionsrate als Corona-Patient keinen Platz auf der Intensivstation zu bekommen. Gerade Mathematik-Studierende, findet er, sollten die Rechenmodelle verstehen, „deren Ergebnisse gerade unser Leben beeinflussen.“ Die Aufgabe, die er seinen Masterstudierenden im siebten Semester stellt, soll die Notwendigkeit der strengen Alltagsbeschränkungen illustrieren und „welche Neuinfektionsrate wir uns erlauben dürfen, damit Erkrankte ein Intensivbett bekommen.“

Horst Zisgen will plastisch machen, dass man die Stochastik im Alltag zur Risikoabschätzung nutzen kann. Seine Lehrveranstaltung trägt den Titel „Anwendungsorientierte Warteschlangen-Theorie“. Was jeder von der Supermarkt-Kasse kennt, lässt sich auch auf Krankenhausbetten anwenden. Als Beispiel hat Zisgen das kleine Bundesland Bremen, dessen Bevölkerungs- und Krankenhausbettenzahl gewählt. Die Studierenden müssen unter anderem ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Erkrankte kein Intensivbett erhalten. Der Professor will ihnen demonstrieren, dass das theoretische Maximum nicht zu 100 Prozent ausgelastet werden kann. Absolute Zahlen, gibt er zu bedenken, sagen nicht viel aus. Schon zehn Prozent unter der maximalen Auslastung bedeuten in der Situation, in der Bremen Anfang April war, eine zweiprozentige Chance, keinen Platz auf der Intensivstation mehr zu bekommen, erläutert er. In einer Woche wären das in Bremen 14 Patienten ohne Intensivbett. Bei einer 98 prozentigen Auslastung blieben unter diesen Voraussetzungen schon 46 Menschen ohne Intensivversorgung.

Das Maximum wird anhand eines Mittelwertes errechnet. Es gibt jedoch Schwankungen, die zu erheblichen Auswirkungen führen, in diesem Fall abhängig von der Zahl der Erkrankten pro Tag oder der Behandlungsdauer. „Berücksichtige ich diese Schwankungen nicht, kann ich das Risiko nicht richtig abschätzen“, so Zisgen. Je näher man an den Auslastungspunkt der Kliniken herankommt, umso unbeherrschbarer wird die Situation. Anwenden lässt sich die stochastische Risikoabschätzung übrigens ebenso auf Fertigung und Produktionsstätten. „Auch dort sollte ich meine Anlage nur zu 80 Prozent auslasten, um Schwankungen austarieren zu können“, weiß Zisgen, der zuvor in der Industrie gearbeitet hat.

Folgen für die Finanzwelt nach Corona

Modelle zur Risikoabschätzung gelten auch für die Wirtschafts- und Finanzmarktmathematik – dem Spezialgebiet von Professor Jan-Philipp Hoffmann. Eingesetzt werden sie beispielsweise für die Kreditvergabe, die Berechnung der Rückzahlungswahrscheinlichkeit und Risikovorsorge, für die Banken Reserven bilden müssen. Oder für Prognosen, wie sich Ökonomie und Finanzmärkte entwickeln. „Mit Methodik in die Zukunft schauen“, nennt Hoffmann das. Die Modelle zur Risikomessung stammen jedoch zumeist aus dem zurückliegenden Jahrzehnt mit florierender Ökonomie. Wie gut funktionieren sie jedoch im aktuellen Corona-Szenario, fragt der Professor.

Es gibt Modelle für die Verlustabschätzung bei unerwarteten Ereignissen – wie etwa Terroranschlägen und Pandemien. „Doch wie akkurat sind die gewesen?“, fragt der Professor. Für Hoffmann beginnt die Arbeit erst richtig, wenn wir die Corona-Krise – hoffentlich bald – überstanden haben. „Was kosten uns Pandemie und Lockdown? Das wird man erst 2021 detailliert errechnen können“, sagt er. Für den Mathematiker wird dann spannend, ob die Kalkulationen zutreffend waren, ob sie von den richtigen Annahmen ausgingen oder neue Ansätze entwickelt werden müssen. Damit werden sich seine Bachelorstudierende bereits in diesem Semester befassen – im Seminar „Einführung in die Finanzmärkte.“

Autorin

Astrid Ludwig
14. Mai 2020

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