Ein Fall für Franke

Als Honorarprofessor bringt Ingenieur Erich H. Franke h_da-Studierenden die Grundlagen der Elektronik bei. Als Hobby-Krimi-Autor nutzt er sein Fachwissen, um sich besonders kreative Mordwerkzeuge auszudenken.

Von Nico Damm, 7.7.2021

Vor der Pandemie glich auf der Terrasse des Heidelberger Schlosses meist ein Tag dem anderen. Scharen von Touristinnen und Touristen belohnten sich nach Erklimmen des Berges mit einem Foto vor dem erquicklichen Blick über die Altstadt und das Neckartal. Da erregte es durchaus Aufsehen, als Erich H. Franke und seine Frau Roswitha mit ihren Arbeiten begannen: Bewaffnet mit ausgedruckten Satellitenbildern, Fernglas und Laser-Messgeräten vermaß das Ehepaar akribisch die Umgebung – und erntete verdutzte bis beunruhigte Blicke. Die Sorge der Umstehenden sei berechtigt gewesen, erinnert sich Franke: „Schließlich haben wir dort das Szenario eines terroristischen Anschlages dokumentiert.“ Denn so etwas planen die Schurken in den Kriminalromanen, die Franke in seiner Freizeit schreibt. Sein Thriller „Tödliche Energie“ endet mit einem spektakulären Mordanschlag auf der Schlossbalustrade.

Studierende emotional ansprechen

Franke, Jahrgang 1954, ist in Mannheim aufgewachsen. Später studierte er Elektrotechnik und arbeitete für einen großen europäischen Konzern der Nachrichtentechnik, bevor er seine eigene Firma gründete. Der Mittelständler Afusoft mit Sitz in Königsbach-Stein bei Karlsruhe bietet Kommunikationstechnik „für alles, was sich bewegt“, wie er sagt – von der Kehrmaschine bis zum Baustellenfahrzeug. Seit 2014 arbeitet Franke als Honorarprofessor am Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik an der Hochschule Darmstadt und lehrt im Fach Elektronik.

Ihm ist es wichtig, Studierende emotional anzusprechen: „Technik transportiert man nicht über den Verstand, sondern über das Herz. Deshalb frage ich meine neuen Studierenden auch immer: Bastelt Ihr zuhause? Oder ist einer von Ihnen Funk-Amateur?“ Wenn dann ein paar Hände hochgehen, freut sich Franke – denn er selbst begeistert sich für (Rund) Funk, seit er im Alter von 10 Jahren einen Elektronik- Baukasten geschenkt bekam. Ein paar zusammen- gelötete Teile und verbrannte Finger später kam die Belohnung: Er hörte den SDR auf Mittelwelle über den Kopfhörer. Aus dem 80 Kilometer von Mannheim entfernten Mühlacker, ganz ohne Stromversorgung.

Es war um 1990 herum, auf einem Interkontinentalflug irgendwo zwischen Frankfurt und  Boston,  als Franke aus Langeweile zu Stift und Papier griff und seine erste Kurzgeschichte schrieb – klassisch auf Papier, denn Steckdosen für den Laptop gab es damals im Flieger meist noch nicht. Das Thema ist heute noch hochaktuell: Wie kann man Menschen   in der digitalen Sphäre ausbilden – und was kann dabei schiefgehen? „Als die Computerzeitschrift c’t die Geschichte gedruckt hat, hat mich das wahnsinnig gefreut“, erinnert sich Franke. Es war der Startschuss für seine Tätigkeit als Autor.

Verschwörungen und düstere Geheimbünde

2017 erschuf Franke die Figur Karen C. Mulladon – eine US-amerikanische Ermittlerin, die weltweit nach Terroristen jagt und dabei an allerhand Verschwörungen und düstere Geheimbünde gerät. Seit- dem sind neben Sci-Fi-Kurzgeschichten sage und schreibe neun Bände der „Karens Jobs“-Reihe er- schienen, ein zehnter ist bereits in Arbeit. Das Setting: Die junge, aufstrebende Karen soll zwei mutmaßliche Morde in Alaska ermitteln und stolpert dabei über international operierende Kriminelle, die sich gefährlicher Hochtechnologie bemächtigen wollen. In diesem Zuge wird die Ermittlerin von der CIA angeworben, die sie fortan vor allem in Europa einsetzt. „Mich reizt es, den amerikanischen Blick auf unsere Kultur zu beschreiben“, sagt  Franke,  der selbst durch seine Dienstreisen häufig den um- gekehrten Weg antritt und großer US-Freund ist. Während Karens etablierte Kolleginnen und Kollegen auf die Bahamas reisen, muss sich die neue Ermittlerin erst noch an Orten mit weniger klangvollen Namen beweisen: Die Protagonistin verschlägt es in alte Bunkeranlagen im Odenwald, in einen Erfurter Rüstungsbetrieb oder in Militäreinrichtungen in der Pfalz. Ein Schwerpunkt ist das Rhein-Main-Gebiet, denn Karens CIA-Kontaktmann sitzt im Frankfurter US-Generalkonsulat.

Die Ermittlerin hat in den Romanen alle Hände voll zu tun, denn gemordet wird in Frankes Welt nicht zu knapp. Die Art und Weise, wie die bedauernswerten Opfer ins Jenseits befördert werden, ist dabei oft spektakulär. Ob Giftgas, Flüssigsprengstoff, Affenals Träger tödlicher Viren oder gentechnisch veränderte Bakterien – Franke nutzt seinen wissenschaftlichen Hintergrund, um die Grenzen des Machbaren auszuloten. Schließlich sind die Schurken seiner Romane meist Profis wie hochbezahlte Söldner. „Mich interessiert, was man mit Technik machen kann und auch, wie man sie missbrauchen kann“, sagt Franke, „insofern ist auch immer ein kleiner politischer Aspekt dabei.“ Wissenschaftsferne Gruppen wie Ver- schwörungstheoretiker und „Aluhüte“ kommen folgerichtig nicht gut weg.

Zu jedem Buch recherchiert Franke – ganz Ingenieur – jede Menge Quellen und stellt Berechnungen an. Wie etwa beim eingangs erwähnten Ausflug nach Heidelberg, wo Franke neben den genauen Routen einer Verfolgungsjagd im Schloss ergründen wollte, ob ein Attentäter den Herzschrittmacher eines ausländischen Staatsgastes mit einem starken elektro- magnetischen Puls außer Gefecht setzen könnte. Er könnte, ergab die Feldforschung. Sogar von der an- deren Neckarseite aus, wo Franke den Mörder verortet. „Allerdings habe ich mir künstlerische Freiheiten erlaubt und bei der Stärke der Energie einen Faktor 1.000 bis 10.000 beziehungsweise 30 bis 40 Dezibel hinzuerfunden.“ Vom Prinzip her funktioniere der Plan jedoch - darauf legt der Autor wert.

Verfolgungsjagd über den Campus?

Obwohl Franke stolz ist auf seine treue Leserschaft, die sich bis in die USA und nach Israel erstreckt – in seinen Vorlesungen kommen seine Thriller nicht vor. Jedoch soll eine Szene im zehnten Band der „Karens Jobs“-Reihe in Darmstadt spielen. „Da schließe ich eine Verfolgungsjagd über den Campus nicht aus.“ Immerhin dürfte Franke im Gegensatz zu seinen Erfahrungen in Heidelberg dort in aller Ruhe recherchieren können: Ein professoraler Charakter mit allerlei Messgeräten wird auf dem h_da-Campus sicherlich niemanden erschrecken.          

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