"Es geht um Klimaneutralität"

Klimaneutral werden, einen wissenschaftlichen Mittelbau etablieren, Nachhaltigkeit noch stärker in der Hochschule verankern: Prof. Dr.-Ing. Nicole Saenger über ihre ehrgeizigen Ziele als erste Vizepräsidentin für Forschung und Nachhaltige Entwicklung.

Ein Interview von Nico Damm und Christina Janssen, 5.7.2021


impact: Offiziell sind Sie seit April im Amt. Haben Sie den Kulturschock schon überwunden?

Saenger: Noch nicht so ganz. Ich muss gestehen, es ist ein ganz anderes Leben als im Fachbereich. Ich lerne die Hochschule neu kennen – obwohl ich schon seit elf Jahren hier bin. Das hätte ich in diesem Maße nicht erwartet, und das ist sehr spannend.

impact: Was ist aus Ihrer Sicht am meisten gewöhnungsbedürftig?

Saenger: Dass ich meinen Kalender nicht mehr alleine beherrsche. Er füllt sich wie von Geisterhand, weil verschiedene Personen Zugriff darauf haben. Das hat aber auch Vorteile, denn um vieles muss ich mich nicht mehr kümmern.

impact: Ihr Amt wurde neu geschaffen. Welche Ziele haben Sie sich für die erste Amtszeit gesteckt?

Saenger: Ich bin die erste Vizepräsidentin, die qua Amt das Thema Nachhaltige Entwicklung vertritt. Wir bauen damit auf etwas auf, das sich schon seit Jahren entwickelt hat – beispielsweise mit der „Initiative Nachhaltige Entwicklung“, die Studierende, Lehrende und Mitarbeitende gemeinsam ins Leben gerufen haben. Die Nachhaltige Entwicklung ist für den Betrieb der Hochschule ein ganz wesentlicher Faktor und die vielen unterschiedlichen Ideen und Projekte in diesem Bereich müssen jetzt gebündelt werden.

Dasselbe gilt für die Forschung im Bereich der Nachhaltigen Entwicklung. Hier sind Projekte schon seit Jahren ein wesentlicher Baustein der Forschungslandschaft. Und genau diese gilt es zu bündeln und in den Forschungszentren und unserem Promotionszentrum „Nachhaltigkeitswissenschaften“ weiterzubringen. Zudem wurden wir schon zweimal von der UNESCO als herausragender Lernort für Nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet, die nächste Beantragung steht an. Auch in der Lehre spielt die Nachhaltige Entwicklung also eine große Rolle.

impact:  Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Thema Nachhaltige Entwicklung?

Saenger: Ich bin in Westberlin aufgewachsen. Dort gibt es viel Wasser, und der Wassersport war immer ganz wesentlich. So bin ich zum Bauingenieurwesen und zum Wasserbau gekommen. Damit verbunden ist für mich auch der Punkt, dass Wasser als lebensnotwendige Ressource geschützt werden muss. Menschen, Tiere, Pflanzen – wir sind ja alle von sauberem Wasser abhängig. Und daraus hat sich bei mir dieses Interesse an der nachhaltigen Nutzung von Wasser entwickelt.

Wir haben auch eine Weile in Kalifornien gelebt. Und wenn man sieht, wie dort noch heute mit Ressourcen umgegangen wird – die Wasserverschwendung ist gigantisch, egal ob in der Landwirtschaft, beim Autoputzen, Rasensprengen oder Golfspielen. Und wir sehen es inzwischen ja auch in Deutschland immer stärker: Wir haben sehr trockene Sommer, wir hatten in den letzten Jahren viel zu wenig Niederschlag. Wir sehen das an den Wäldern, an der Landwirtschaft, am Grundwasserspeicher. Der Klimawandel wird in vielen Bereichen sichtbar und wir müssen dagegen etwas tun. Wenn man dann auch noch Kinder hat, denen man ja ein nachhaltiges, gutes Leben eröffnen möchte, dann gehört die Natur als wesentliche Grundlage dazu.

impact: Was packen Sie als Erstes an?

Saenger: Im Bereich der Nachhaltigen Entwicklung ist dies ein Nachhaltigkeitsbericht. Hierzu brauchen wir eine Nachhaltigkeitsstrategie, die wir sehr gut aus dem Strategiekonzept ableiten können, das die h_da 2020 erstellt hat. Das ist eine Aufgabe, zu der wir uns dem Hessischen Wissenschaftsministerium (HMWK) gegenüber verpflichtet haben. Was mir darüber hinaus am Herzen liegt, ist der Aufbau von entsprechenden Studienfeldern. Eines heißt „Nachhaltige Entwicklung“. Wir werden für alle Studiengänge und alle Studienbereiche fachbereichsübergreifend ein Programm mit Modulen entwickeln, die die Studierenden wählen können, um sich nachhaltige Themen anzueignen. Unser sozial- und kulturwissenschaftliches Begleitstudium bietet schon einiges dazu an. Jetzt gilt es aber auch noch technische Module zu integrieren.

impact: Und wird es verpflichtend sein, solche Nachhaltigkeitsmodule zu belegen?

Saenger: Ich fände das gut, aber das ist natürlich etwas, das wir sowohl im Präsidium als auch in den Gremien und den Fachbereichen besprechen müssen. Ich denke, für unsere Studierenden ist es wichtig, sich entsprechend auszurichten. Das ist das, was sie auf dem Arbeitsmarkt erwartet.

impact: Kommen mit der Nachhaltigkeitsstrategie auch messbare Ziele?

Saenger: Die Strategie gibt die Richtung vor. Die Kennzahlen kommen in den Nachhaltigkeitsbericht. Das HMWK gibt ein großes Ziel vor: CO₂-Neutralität bis 2030. Das ist für mich allerdings noch zu kurz gegriffen. Es geht ja eigentlich um Klimaneutralität. Wir müssen noch viele andere Kennzahlen einflechten, die nicht nur mit CO₂ zu tun haben.

impact: Ein Teil der Hochschulgebäude müsste stark saniert werden, um klimaneutral zu werden. Wo kommt das Geld dafür her?

Saenger: Das ist die große Frage. Es geht hier ja nicht nur um die Gebäude am Haardtring, sondern zum Beispiel auch um den Campus Dieburg. Wir können nicht aus dem eigenen Budget heraus sanieren. Dazu brauchen wir Unterstützung vom Land.

impact:  Kommt diese Unterstützung auch?

Saenger: Wenn das Land es ernst meint, muss es diese Mittel zur Verfügung stellen. Im Moment sind noch keine Mittel in dem Umfang vorgesehen, wie wir sie benötigen.

impact: Welche Ziele stehen noch auf Ihrem Zettel?

Saenger: Die Schaffung eines wissenschaftlichen Mittelbaus. Wir sprechen hier über Doktorandinnen und Doktoranden, die entweder an unserer Hochschule oder an einer Partnerhochschule promoviert werden. Das sieht der Hochschulpakt des Landes Hessen vor. Die Gelder sind allerdings noch nicht freigegeben. Darüber wird noch in den Zielvereinbarungen mit dem Ministerium verhandelt. Auch hier arbeiten wir bereits an einem Konzept.

impact: Wie viele Stellen kann man daraus finanzieren?

Saenger: Im Moment rechne ich für das erste Jahr mit circa zehn Promovierenden. Und ich plädiere für Dreiviertel-Stellen, denn halbe Stellen sind gerade hier im teuren Rhein-Main-Gebiet ein bisschen kurz gegriffen. Die jungen Menschen möchten ja auf eigenen Beinen stehen.

impact: Zehn Dreiviertel-Stellen wären ja schon mal ein Start…

Saenger: Das ist nicht wahnsinnig viel, aber es ist immerhin ein Weg und kommt zusätzlich zu dem, was wir sonst noch fördern. Die Hochschule vergibt auch über die Graduiertenschule Doktoranden-Stipendien, das sind nochmal einige pro Jahr. Und dann gibt es natürlich die Forschungsprojekte, die von den Forschenden eingeworben werden. Darüber wird der wissenschaftliche Mittelbau letztendlich wie bisher finanziert.

impact: Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wann die ersten Personen eingestellt werden können?

Saenger: Das wird hoffentlich in der zweiten Jahreshälfte sein.

impact: Und wo werden sie eingestellt, in den Fachbereichen?

Saenger: Das steht alles noch zur Diskussion. Es wird über alle Fachrichtungen gestreut und ein projektgebundenes Verfahren werden. Und dann müssen wir sehen, wer sich wie bewirbt. Was für mich ganz klar ist: Das müssen wirklich Doktoranden sein, sie sollen promovieren, daran werden wir als Hochschule für Angewandte Wissenschaften gemessen und vom HMWK evaluiert werden. Und wir brauchen diesen wissenschaftlichen Nachwuchs. Wir wollen ja zeigen, dass wir hochkarätig promovieren können.

impact:  Die h_da ist die bundesweit einzige Hochschule, die den Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften verleihen kann. Gibt es schon Anwärterinnen und Anwärter auf den Titel?

Saenger: Sehr viele – deutschland- und sogar europaweit. Dadurch, dass wir Partner im europäischen Hochschulverbund EUt+ sind, sehen wir, dass es auch dort eine sehr große Nachfrage nach diesem Titel gibt. Wir haben acht Promovierende und vier laufende Gesuche. Dafür, dass das Promotionszentrum erst seit zwei Jahren besteht, ist das unglaublich gut. Und wir sind dabei, über EUt+ ein deutsch-französisches Doktorandenkolleg aufzubauen, das auf die anderen Partner der EUt+ ausgedehnt werden wird.

impact:  Wo sehen Sie Chancen, die Nachhaltigkeit im Rahmen von EUt+ voranzubringen? Und wie weit sind die anderen Hochschulen auf diesem Gebiet?

Saenger:  Innerhalb der EUt+ ist der Stand sehr unterschiedlich. Wir sind die einzige Hochschule für Angewandte Wissenschaften in diesem Verbund, die anderen Partner sind alle technische Universitäten. Gerade was die Nachhaltige Entwicklung angeht, sind wir sehr weit vorne mit dabei. Die Technische Universität Troyes hat seit über 20 Jahren ein Sustainability Lab und sind dort sehr aktiv in der Forschung. In Dublin ist das genauso, in Spanien ebenfalls. In den östlicheren Ländern wird das Thema technischer betrachtet, da liegt der Fokus stark auf Themen wie Abwassertechnik, Wasseraufbereitung, Kreislaufwirtschaft oder Sustainable Cities. Denen fehlt noch das, das wir eben durch unsere Gesellschaftswissenschaften haben: der übergreifende, gesellschaftliche Aspekt. Und den bringen wir jetzt in EUt+ ein. Das passt sehr gut zusammen.

impact: Die Lehrveranstaltungen, die die h_da schon jetzt im Rahmen zu EUt+ zu Nachhaltigkeit anbietet, sind ja auch schon ganz gut belegt von international Studierenden…

Saenger: Ja, das stimmt. Professor Steffensen bietet dieses Semester zwei Veranstaltungen an, die sehr gut belegt sind. Da sind von fast allen EUt+-Ländern Studierende dabei. Das finde ich total klasse. Davon muss es noch mehr geben. Wir wollen auch gemeinsame Bachelor- und Masterprogramme auflegen. Aber das ist nicht ganz so einfach, denn trotz „Bologna“ hat jede Hochschule andere Fächer und andere Inhalte. Da muss man erst mal miteinander diskutieren, wie man sich inhaltlich ausrichtet und gegenseitig Leistungen anerkennt. Zum Thema Nachhaltigkeit wird es ein gemeinsames Sustainability Lab oder ein Institut geben.

impact: Gibt es neben der Nachhaltigkeit weitere Themenfelder, die im Rahmen von EUt+ ausgebaut werden sollen?

Saenger: Im Rahmen der Forschung bauen wir EUt+-Labore zu Nanotechnologie und Nanomaterialien auf. Das ist schon am weitesten gediehen, dazu gab es bereits einen Workshop. Und dann wird es auf jeden Fall noch etwas zu Data Science geben – ebenfalls ein großer Schwerpunkt an der h_da.

impact: Was halten Sie von der Forderung des Hochschullehrerbundes, die Lehrverpflichtung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften von 18 auf zwölf Semesterwochenstunden abzusenken und jedem „Prof“ eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle zur Verfügung zu stellen?

Saenger: Ich finde die Idee wunderbar. Ich weiß aber nicht, wie das finanziert werden könnte. Damit würde impliziert, dass jeder Professor, jede Professorin an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaft Forschung macht. Das ist bei uns noch nicht so. Aber die Entwicklung geht in diese Richtung. Und je mehr man den Fokus darauf legt, desto lauter werden solche Forderungen werden. Dann wird ein Ministerium sicherlich auch nachziehen.

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