„Schläfrigkeit darf sich nicht lohnen“

Prof. Dr. Martin Führ ist Professor für Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtsvergleichung am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der h_da. Er lehrt unter anderem in den Studiengängen Biotechnologie und RASUM sowie dem Begleitstudium Sozial- und Kulturwissenschaften (SuK) und leitet die Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse (sofia). Führ hat die hochschulweite Initiative i:ne mitbegründet und ist am Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften beteiligt. Im impact-Interview sagt er, die Bundesregierung müsse die deutsche Ratspräsidentschaft nutzen, den „Green Deal“ der EU-Kommission voranzutreiben.

Herr Professor Führ, es herrscht himmlische Ruhe im Rhein-Main-Gebiet. 85 Prozent weniger Flüge wegen Corona, die CO₂-Emissionen brechen global ein. Gute Nachrichten für den Klimaschutz?

Kurzfristig ist das sicherlich eine gute Nachricht. Denn wir sehen, dass es Alternativen gibt – nicht nur im Flugverkehr, sondern im Pendlerverhalten insgesamt. Das ganze Rhein-Main-Gebiet leidet unter den vielen Pendlern, die mit dem Auto unterwegs sind. Selbst der ÖPNV könnte das nicht alles auffangen. Ich erwarte deshalb, dass die Unternehmen nach Corona bereit sind, umzudenken und zu sagen: An zwei bis drei Tagen pro Woche müssen Beschäftigte nicht unbedingt ins Büro kommen, dann wird digital gearbeitet. Das würde zum einen zur Verkehrsvermeidung und CO₂-Verminderung beitragen, gleichzeitig aber auch zur Lebensqualität.

Mehr Klimaschutz durch Homeoffice – das versteht jeder. Bei der Lebensqualität hätte manch einer wohl Zweifel…

Damit das wirklich funktioniert, sollte man nicht nur an Homeoffice im klassischen Sinne denken. Sinnvoll wäre ein dezentrales Netzwerk von Gemeinschaftsbüros etwa im Odenwald, mit kurzen Anfahrtswegen für die Beschäftigten, idealerweise mit dem Fahrrad. Dann käme es nicht zu den typischen Homeoffice-Konflikten, und die Trennung von Arbeit und Freizeit bliebe erhalten. Da sehe ich durch „Corona“ einen Innovationsimpuls, der die Form der Zusammenarbeit, aber auch das Mobilitätsverhalten beeinflussen wird.

Sehen Sie hier in der Region erste konkrete Ansätze dieser Art?

Die sehen wir, weil wir im Rahmen unseres Projekts Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne) gerade dabei sind, mit den Kommunen und Landkreisen rund um Darmstadt einen Prozess in Richtung Gemeinschaftsbüros zu starten. Wir haben schon länger daran gearbeitet, aber Corona hat nun ein „window of opportunity“ geöffnet: Plötzlich sind alle noch offener, als sie es ohnehin schon waren. In vielen Orten gibt es leerstehende Immobilien – sei es ein früheres Rathaus, ein altes Schulgebäude oder ein ehemaliger Schlecker-Markt, den man auf diese Weise neu nutzen kann. Die Debatte über Nachhaltige Entwicklung und die Lebensqualität der Beschäftigten passt sehr gut in die aktuelle Situation.

Es wird gerne und oft behauptet: Politik ist das, was möglich ist. In Anbetracht der Corona-Pandemie war und ist erstaunlich viel in kürzester Zeit möglich. Das müsste doch auch beim Thema Nachhaltigkeit klappen…

Man sieht jetzt – und das ist vielleicht die deutlichste Wirkung von Corona – wie verletzlich das Leben auf diesem Planeten ist. Diese Verletzlichkeit geht über Corona hinaus. Deswegen warnen nun viele – selbst Politiker wie der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch kürzlich in der F.A.Z. – man dürfe über Corona den Klimaschutz nicht vergessen. Gegen den Klimawandel gibt es bekanntlich keine Impfung und es wird sie auch nicht geben. Das heißt: Wir brauchen Veränderungen in der Art, wie wir wirtschaften. Wenn wir die Corona-Krise überstanden haben, besteht die Herausforderung auch darin, ihr Momentum für diese Umgestaltungsprozesse zu nutzen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass das wirklich geschehen wird?

Ja, durchaus. Der „Green Deal“ der EU-Kommission ist das deutlichste Signal in diese Richtung. Und bislang halten alle Beteiligten daran fest. Auch unsere Bundeskanzlerin hat gesagt, wir dürfen den Klimaschutz nicht vergessen. Das mag vielleicht nur die große Überschrift sein und am Ende springen dann doch wieder Erleichterungen für die Autoindustrie dabei heraus. Aber das ändert nichts an der langfristigen Ausrichtung europäischer Politik. Ich erwarte, dass die Ziele für Nachhaltige Entwicklung Bestandteil des europäischen „Corona-Marshall-Plans“ sein werden, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird.

Warum sehen die traditionellen deutschen Branchen, allen voran die Automobilindustrie, weiterhin einen Widerspruch zwischen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit?

Das Problem der Automobilindustrie liegt darin, dass sie zu mächtig war. Und weil sie so mächtig war, hat die Politik es nicht gewagt, das geltende Recht zur Anwendung zu bringen. Stichwort Diesel. Wir hätten den Diesel-Skandal nicht, wenn die Abgasreinigung rechtskonform erfolgt wäre. Man kann es auch anders sagen: Not macht erfinderisch, und die Autoindustrie war so mächtig, dass sie die Not nicht gespürt hat. Sie konnte sich darauf verlassen, dass sie willfährige Gehilfen an der Spitze des Bundesverkehrsministeriums hat, die – egal was in Brüssel beschlossen wurde oder was die OECD an Testvorgaben macht –sagt: Das nehmen wir mal nicht so ernst. Von daher ist Knappheit ein Innovationsimpuls. Knappheit in dem Sinne, dass veraltete Lösungen nicht mehr tragfähig sind. Diese Knappheit hat die Automobilindustrie bislang nicht gespürt. Genau das braucht sie aber, damit Innovationsprozesse funktionieren.

Erleben wir in Folge der Corona-Krise also bald die „Corona-Dämmerung des Neoliberalismus“, wie sie die taz kürzlich heraufbeschworen hat?

Das sind schöne Schlagworte. So liberal und so „neo“ war das alles aber gar nicht. Wenn man sich das reale Handeln anschaut – zum Beispiel im Bereich Kraftfahrzeuge oder in der Chemikalienpolitik – dann ist viel mehr passiert, als man oftmals wahrnimmt. Allerdings haben die Unternehmen, die diese Entwicklung verschlafen haben, jetzt ein Problem. Und ich fände es fatal, diese Schläfrigkeit auch noch zu belohnen. Innovationskraft ist das, was den Standort Deutschland auszeichnen sollte, die vielbeschworene Ingenieurkunst, die weit über die Ingenieurbrille hinausreichen und soziale Veränderungsprozesse mit in den Blick nehmen müsste. Das ist es, was wir auch im Projekt s:ne versuchen. Hier machen wir die Erfahrung: Wenn man den Unternehmen etwas anbietet, worin sie einen Benefit erkennen, dann lassen sie sich auch drauf ein und sind bereit, nach vorne zu denken. Und dieses Nach-vorne-Denken wird meiner Einschätzung nach durch Corona weiter befördert.

Schläfrigkeit in den Unternehmen, sagen Sie. Die Zwillingsschwester ist wohl die Bequemlichkeit. Warum ist es im Zusammenhang mit Corona vergleichsweise einfach, die Menschen zu Verhaltensveränderungen zu bewegen, nicht aber, wenn es um Nachhaltigkeit geht?

Das ist eine sehr gute Frage. In unserer Forschungsgruppe arbeiten wir mit bestimmten Verhaltensannahmen. Unser Modell ist der „Homo oeconomicus institutionalis“. Dabei nehmen wir immer die Perspektive des Akteurs, des Individuums ein. Und es zeigt sich: Am schwierigsten ist es, Routinen zu verändern, dafür braucht man die größte Aktivierungsenergie. Bei Corona funktioniert das: Jeder sorgt sich um seine Gesundheit. Jeder kann von jetzt auf gleich, obwohl man sich für halbwegs fit hielt, davon betroffen sein. Das geht ans Eigeninteresse der Akteure. Bei den Herausforderungen in Sachen Nachhaltiger Entwicklung ist das anders. Hier besteht das klassische „Tragedy of the Commons“-Problem: Der Einzelne kann nur einen vergleichsweise geringen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten - und er hat vor allen Dingen keinen direkten Benefit davon. Jedenfalls nimmt er ihn oft nicht als solchen wahr. Und umso schwerer ist es, aus den eigenen Routinen auszubrechen. Das klassische Beispiel: Wie komme ich von A nach B? Ich nutze für den Weg zur Arbeit jeden Tag dieselbe Fahrradroute. Erst wenn irgendwo eine Baustelle ist und ich anders fahren muss, stelle ich fest, dass es noch eine andere Route gibt. Die ist vielleicht noch netter, also fahre ich in Zukunft nur noch die neue Route. Das heißt: Es braucht ein klares Signal und einen sichtbaren Benefit. Dann ist es auch realistisch, dass die Verbraucher Beiträge leisten.

Also haben wir als Verbraucher alles in der Hand?

Nein, denn da ist noch ein weiterer Punkt: Es geht oftmals um ein Abschieben von Verantwortung. Diejenigen, die den großen Hebel in der Hand haben, sind die Anbieter von Dienstleistungen und Produkten. Die können vieles anders gestalten – und dann kaufen die Kunden das auch, denn die Unternehmen wissen, wie sie ihr Marketinginstrumentarium bedienen müssen. Wenn man den Schwarzen Peter zu den Verbrauchern schiebt, ist das ein Ablenkungsmanöver. Das Herzstück eines Transformationsprozesses gerade in einer industrialisierten Konsumgesellschaft liegt bei den Anbietern, nicht bei den Konsumenten. Und damit sind wir wieder beim Green Deal: Der Staat muss entsprechende Impulse setzen und Knappheit erzeugen. Knappheit, die dann zu Innovationen führt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen durch Corona plötzlich im Rampenlicht, in der Politik ist ein neuer Trend zum Faktischen auszumachen, nach dem Motto „Listen to science!“ Gilt das nur für Virenexperten – oder auch für Nachhaltigkeitsexperten?

Die Klimaexperten werden ebenfalls wahrgenommen. Aber die Interessengegensätze sind hier besonders groß. Alle sagen: Klar, wir müssen etwas tun. „Aber wieso gerade ich?“ sagt die Kohleindustrie. „Wieso gerade ich?“ fragt die Autoindustrie. Hier kann man Wissenschaft nicht Eins zu Eins in politisches Handeln übersetzen. Mein Eindruck ist aber: Wenn man sich als Wissenschaftler darauf einlässt, die Dinge so zu formulieren, dass ein breites Publikum sie versteht, wird man auch gehört. Und was politische wie auch juristische Entscheidungen angeht, hat man als Experte und Expertin durchaus die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen – vorausgesetzt, man formuliert Antworten auf real vorhandene Probleme.

Wie setzen Sie dieses Thema in der Lehre um?

Im letzten Praxisprojekt unseres Studiengangs RASUM (Risk Assessment and Sustainability Management) haben wir für die Sportbekleidungsindustrie, konkret in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen VAUDE ein Konzept zur Circular Economy entwickelt. Und in unserer Ringvorlesung stellen die Studierenden ihre Vorschläge für das Unternehmen vor.

Wie stark ist das Thema Nachhaltigkeit an der h_da verankert?

Mit dem Profil Nachhaltigkeit ist unsere Hochschule insgesamt sehr gut aufgestellt. Die Herausforderung besteht darin, dass es künftig keinen Studiengang mehr geben sollte, in dem die Studierenden nicht auch Systemwissen, normative Orientierung und Transformationswissen mit auf den Weg bekommen. Denn unsere Absolventinnen und Absolventen sind diejenigen, die in den nächsten Jahrzehnten in den Unternehmen und der Verwaltung Veränderungsprozesse mit ins Werk setzen werden. Wir haben als h_da selber eine Verantwortung. Wir haben jetzt das Promotionsrecht im Fach Nachhaltigkeitswissenschaften und als einzige Hochschule in Deutschland den Dr. rer sust., den Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften. Das sollte in alle Studiengänge ausstrahlen.

Drei Vorschläge an die Bundesregierung für die Zeit nach Corona?

Die Bundesregierung sollte die EU-Präsidentschaft ab dem 1. Juli 2020 nicht nur dazu nutzen, die Corona-Finanzierung in trockene Tücher zu bekommen, sondern den Green Deal mutig vorantreiben. Es ist nicht schlimm, wenn das Thema es nicht in die Abendnachrichten schafft. Aber auf den politischen Gipfeltreffen müssen diese drei Themen gesetzt sein: Klimaschutz, eine CO₂-Abgabe und die „Circular Economy“, also der Themenkomplex Design und Lebenszyklus von Produkten, Wiederverwertbarkeit sowie Recycling. Daran müssen wir weiter arbeiten.

Autorin

Christina Janssen
Mai 2020

Prof. Dr. Martin Führ in den Medien:

ARD, 5.7.2019: Der Fall Audi
impact-Interview, Mai 2019: Recht fördert Innovation
FAZ, 17.2.19: Der Vorwärtsdenker
SWR Mediathek, 8.8.17: Report Mainz fragt Prof. Martin Führ
Frontal 21, 16.2.2016: Die Abgaslüge

Weiterführende Links:

Spiegel Online, 13.1.2020: Das Billionen-Versprechen
Ziele Nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen: Sustainable Development Goals
Baustein des European Green Deal: New Circular Economy Action Plan
Süddeutsche Zeitung, 12. April 2020: Wie die Pandemie das Klima schützt - und bedroht
Agora Ausgabe 2/ 2020: Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Wirtschaft 

CNN, 3. April 2020: How Fauci and Birx got Trump to listen to science