Die Anschubhelfer

Der weltweite E-Commerce-Handel wird sich einer Prognose zufolge 2020 vervierfacht haben – innerhalb von nur acht Jahren. Die Zahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland hat sich zwischen 2009 und 2016 verachtfacht: auf etwa 50 Millionen. Digitale Kommunikation verändert die Welt rasant. Was bedeutet das für Unternehmen und deren Verhältnis zur Kundschaft? Im neuen „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation“ am Mediencampus der h_da leisten Spezialisten praktische Hilfestellung.

„Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. standen 2005 tausende Menschen auf dem Petersplatz, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. 2013 tritt Papst Benedikt XVI. zurück. Wieder stehen tausende Gläubige auf dem Petersplatz, um die Wahl des Nachfolgers zu verfolgen. Die Bilder der Menschenmengen gleichen sich. Doch eine wichtige Sache hat sich in diesen acht Jahren verändert.“ Worauf die Referentin mit ihrer Beobachtung hinaus will, erfahren ihre Zuhörerinnen und Zuhörer im nächsten Satz: „2005 sah man so gut wie kein Handy, 2013 hat fast jeder ein Smartphone in der Hand. Über der Menge schwebt ein Lichtermeer aus Displays.“ Professorin Dr. Pia Sue Helferich steht an einem Montagmorgen im Februar vor etwa 20 Unternehmerinnen und Unternehmern in einem Seminarraum der Industrie- und Handelskammer Darmstadt. Sie alle kommen aus den innenstadtrelevanten Branchen Handel und Gastgewerbe. Die Goldschmiedin, der Online-Händler für Waren aus Irland, die Inhaberinnen einer Tischwäsche-Boutique, der Caterer, die Dekorationsgroßhändlerin, der Barkeeper, der eine mobile Bar für Unternehmen im Angebot hat, die Stoffwindel-Händlerin, der Hoteldirektor – alle sind der Einladung gefolgt, sich mit ihren Unternehmen und der Digitalisierung zu beschäftigen.

Helferich ist mitten im Impulsvortrag, der verdeutlichen soll, wie wichtig und unumgänglich diese Auseinandersetzung ist. Deshalb ihr Papst-Beispiel. „Ob Sie wollen oder nicht: Die Kommunikation ändert sich in rasendem Tempo. Das verändert auch die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden“, sagt Helferich. Der Kunde von heute sei es gewohnt, Informationen, Dienstleistungen oder Produkte möglichst stressfrei und einfach über mobile Geräte und das Internet zu beschaffen. Deshalb erarbeitet Helferich im Workshop „In sechs Schritten zur Onlinekommunikationsstrategie“ mit den Unternehmern genau eine solche. „Ich versuche nicht so viel zu reden, sondern mehr mit Ihnen zu machen“, sagt sie und unterstreicht die Praxisnähe des von ihr geleiteten Projektes.

5,3 Millionen Euro, drei Standorte, ein Ziel

Helferich ist Professorin für Onlinekommunikation am h_da-Mediencampus in Dieburg und leitet das „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation“ zusammen mit ihrem Kollegen Thomas Pleil, Professor für Public Relations. Doch was verbirgt sich dahinter? Ein unmittelbarer und direkter Wissenstransfer von der Hochschule in die Wirtschaft. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert das Projekt bis Oktober 2021 mit insgesamt 5,3 Millionen Euro für drei Jahre. Die h_da (fünf Projektmitarbeiter) ist einer von drei Projektpartnern neben der BSP Business School Berlin (Konsortialleitung, acht Mitarbeiter) und dem FTK e.V. – Forschungsinstitut für Telekommunikation und Kooperation in Dortmund (sechs Mitarbeiter). „Wir möchten Unternehmen dabei unterstützen, digitale Veränderungen effizient zu managen, richtig zu kommunizieren und Vertrauen in Technologie aufzubauen“, sagt Helferich beim offiziellen Start des Projektes in Potsdam.

„Wir sind Zeitzeugen eines wirklich tiefgreifenden Wandels. Für kleine und mittlere Unternehmen entsteht dabei die Herausforderung, den eigenen Nutzen durch die Digitalisierung zu identifizieren“, sagt Professor Dr. Thomas Thiessen beim Kick-off in Potsdam. Er leitet und koordiniert das Konsortium der drei Projektbeteiligten aus Potsdam, Dortmund und Dieburg. Jeder Partner ist ein „regionales Schaufenster“ des Kompetenzzentrums. Das Team von der h_da kümmert sich um Südhessen. Und alle Partner richten ihre Angebote bundesweit an spezielle Branchen: die h_da an Gastronomie, Tourismus und Handel, die Business School Berlin an die Kreativwirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Automotive-Zulieferer in Potsdam, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und das Forschungsinstitut für Telekommunikation und Kooperation an Industrie und Logistik in Nordrhein-Westfalen. „Der Mensch im Mittelpunkt“ – diesem Leitbild sind alle verpflichtet. Digitalisierung könne nur gelingen, sagt Pia Sue Helferich, wenn die Menschen sich mitgenommen fühlten – ob als Mitarbeiter, Bewerber, Geschäftspartner oder Kunden. Die Kommunikation sei deshalb der Schlüssel zum Erfolg in der Digitalisierung.

  • Gemeinsamer Auftakt: Ende Februar fiel in Potsdam der offizielle Startschuss für das >„Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation“, das an den Standorten Dortmund, Potsdam und Dieburg angesiedelt ist. Bild: Die Hoffotografen

  • Bewährte Doppelspitze: Pia Sue Helferich und Thomas Pleil vom Fachbereich Media der h_da leiten das Projekt am Standort Dieburg. Dort ist es am Institut für Kommunikation und Medien (ikum) aufgehängt. Bild: Elias Greiner

  • Bedarfsgerechte Angebote: Die Kommunikationsexperten des Kompetenzzentrums bieten Workshops, Vorträge und Sprechstunden für mittelständische Unternehmen an. Das Foto entstand bei einem Workshop Mitte Mai im Dieburger Rathaus.

  • Schrittweise Annäherung: Unter Anleitung der Referentinnen und Referenten erarbeiten sich die Unternehmerinnen und Unternehmer ihre individuelle Onlinekommunikationsstrategie.

  • Anschauliche Übersicht: Auch analoges Arbeitsmaterial hilft bei der Planung von digitalen Zielen, Strategien und Maßnahmen.

  • Wechselseitiges Lernen: Der Austausch zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist fester Bestandteil des Konzepts. Dessen Leitbild: „Der Mensch im Mittelpunkt“.

  • Unmittelbare Anwendung: Vieles, was die Expertinnen und Experten vermitteln, lässt sich leicht in die eigene digitale Kommunikation übertragen.

  • Kompetente Ansprechpartner: Die Referentinnen und Referenten beantworten Fragen, geben Ratschläge und Impulse – hier Isabelle Bickham (rechts, stehend) und Özkan Canel Altintop (linker Bildrand).

  • Reichhaltiges Buffet: Das Kompetenzzentrum und seine Partner – unter anderem die IHK Darmstadt – halten vielfältiges Informationsmaterial zum Thema bereit. Alle weiteren Bilder: Britta Hüning/h_da

Erst die Strategie, dann die Werkzeuge

„Wie schaffen Sie es, dass Ihre Kunden genau Ihr Angebot im Dickicht des Internets finden?“ Der Workshop in der Industrie- und Handelskammer Darmstadt geht weiter. Es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre im Seminarraum. Das Interesse ist groß. „Ich will wie ein Schwamm sein und alles aufsaugen“, sagt einer der Teilnehmer in der Vorstellungsrunde. Insgesamt: Alle sind neugierig und suchen Anhaltspunkte und Durchblick beim komplexen und unkonkreten Schlagwortthema „Digitale Kommunikation“. Begriffe wie Google, Suchmaschinenoptimierung, Social Media, Online-Bewertungen, E-Mail-Marketing, Influencer Marketing, Persona-Methode schwirren durch den Raum.

Orientierung finden die Teilnehmer an diesem Morgen: „Wie nehmen Sie sich als kleines Unternehmen Ihren Platz, um sichtbar zu werden? Konkurrieren Sie nicht mit den Großen, suchen Sie sich Ihre Nische!“, rät Workshop-Leiterin Helferich. Dies sei beispielsweise durch Regionalität oder geschickt ausgewählte Schlüsselwörter (Keywords) innerhalb der Web-Angebote zu erreichen. „Wichtig ist, dass Sie zuerst eine Strategie entwickeln und Ziele festlegen und erst im zweiten Schritt über die Werkzeuge nachdenken“, sagt Helferich. Ihr geht es darum, den Unternehmern strategische Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. Der Workshop im Februar ist der erste einer Veranstaltungsreihe, die das h_da-Team aus Dieburg gemeinsam mit der IHK Darmstadt und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) in den Regionen Rhein-Main, Odenwald und Bergstraße veranstaltet. Bis Ende des Jahres wird es 30 kostenfreie Workshops und Sprechtage für Unternehmen geben. Dabei referieren neben Pia Sue Helferich auch Lisa Benz, Isabelle Bickham und Özkan Canel Altintop. Sie besetzen drei der durch das Projekt finanzierten Stellen.

Breites Spektrum an Angeboten

Das Angebot des Kompetenzzentrums spannt sich zwischen den Themen Unternehmenskultur, digitale Kundenkommunikation, Bewerberansprache, Social Media, Veränderungsmanagement, Zusammenarbeit und lebenslanges Lernen. Es gibt Informationsveranstaltungen und Workshops, in denen Wissen über Veränderungsmanagement, Führung, Mitarbeitermotivation, Blockchain und Big Data vermittelt wird. Dialogformate, Weiterbildungsangebote und Design-Thinking-Prozesse helfen bei der Skizzierung neuer Geschäftsmodelle. Informationsmaterialien auf der Website, wie Leitfäden oder Best-Practice-Beispiele, sollen mit gelungenen Digitalisierungsprojekten und -strategien Inspiration liefern. Bei Besuchertagen („Lab Days“) können Teilnehmerinnen und Teilnehmer innovative Technologien ausprobieren, beispielsweise Virtual-Reality-Brillen, Drohnen (Tourismus) oder auch eine Kaffeemaschine, die mit der Sprachsteuerung „Alexa“ von Amazon gesteuert werden kann. Während der Sprechtage haben Teilnehmer etwa 45 Minuten Zeit für ein individuelles Gespräch mit den Experten der h_da. Konkrete Digitalisierungsprojekte werden zusammen mit kleinen und mittleren Unternehmen umgesetzt. Die Expertinnen und Experten des Kompetenzzentrums halten Kurzvorträge beispielsweise bei Gründermessen. Und jeweils im September findet über zwei Tage mit bis zu 200 Teilnehmern das „Content Strategy Camp“ statt. Es ist als Barcamp konzipiert: eine offene Tagung zunächst ohne Tagesordnung, deren Inhalte und Ablauf die Teilnehmer zu Beginn selbst entwickeln.

Verankerung an der h_da

Pia Sue Helferich und Thomas Pleil sind bereits alte Hasen, was die Zusammenarbeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium betrifft. Dem Kompetenzzentrum voraus gingen bereits zwei Projekte mit dessen Förderung: Als „eBusiness-Lotse Darmstadt-Dieburg“ und als „Mittelstand 4.0-Agentur Kommunikation“ wiesen die beiden schon vom Jahr 2012 an mit ihrem Team den Weg durchs digitale Dickicht. Die erfolgreiche Zusammenarbeit setzt sich nun im dritten gemeinsamen Projekt fort. An der h_da ist das Projekt am Institut für Kommunikation und Medien (ikum) angesiedelt. Das Institut bündelt die Aktivitäten des Fachbereichs Media in Forschung und Entwicklung und bietet Forschungs-, Entwicklungs- und Beratungsprojekte in den Gebieten Journalismus, Mediensysteme und Onlinekommunikation an. Zudem ist das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation in das Forschungszentrum Digitale Kommunikation und Medien-Innovation (FZ DKMI) der Hochschule Darmstadt eingebettet. Das FZ DKMI konzentriert sich auf das Verständnis und die Entwicklung neuer und künftiger digitaler Medien und baut zwei Labore am Mediencampus Dieburg auf: ein Media Innovation Lab und ein Media Experience Lab. Diese wird das Team um Pia Sue Helferich und Thomas Pleil mitnutzen.

Die Förderinitiative „Mittelstand-Digital“ des Bundeswirtschaftsministeriums besteht seit 2015 mit dem Ziel, kleine und mittlere Unternehmen für den Wettbewerb zu stärken. Sie informiert deshalb in bundesweit 25 Kompetenzzentren über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Diese helfen mit Expertenwissen, Demonstrationszentren, Best-Practice-Beispielen sowie Netzwerken, die dem Erfahrungsaustausch dienen.

Die Zielgruppe abgeholt

„Ich will die Onlinekommunikation verstehen. Ich habe eine Website und bin in Facebook-Gruppen als Beraterin unterwegs. Meine neue Erkenntnis aus dem Workshop heute: Ich sollte öfter überprüfen, wie viele Besucher welche Unterseiten meiner Website anklicken“, sagt Sawa Nordt. Sie ist Gründerin und Inhaberin des Geschäfts „GrünKind – Wickeln & Tragen“ im Darmstädter Martinsviertel. Sawa Nordt berät und verkauft jungen Eltern alles rund um Stoffwindeln und Tragetücher. Der Workshop in der IHK habe ihr klargemacht, dass sie mehr Zeit in die strategische Planung ihrer Kundenkommunikation stecken sollte, damit sie sich später Zeit spare. „Ganz toll fand ich die Anregung von Frau Helferich, die Website als ‚digitale Heimat‘ zu verstehen. Das heißt, meine Expertise nicht immer wieder in Foren niederschreiben zu müssen, sondern all mein Fachwissen auf meiner Website zu sammeln und dorthin jeweils nur noch zu verlinken. Dann habe ich auch meine potenziellen Kunden direkt auf meiner Seite“, sagt sie.

Auch Thorsten Lettmann, Inhaber und Gründer von „Lettmanns Heimatküche“, einem Cateringservice mit Sitz in Messel, ist überzeugt vom Nutzen der Workshops. Deshalb ist er auch schon zum zweiten Mal da. „Aufgrund des letzten Workshops habe ich mein Unternehmen sogar etwas umstrukturiert. Ich hatte noch ein kleines Bistro dabei, habe mich aber entschieden, mich nur noch aufs Catering zu konzentrieren. Das kam alles ins Rollen durch die Beschäftigung mit der Kommunikationsstrategie. Man sollte wirklich nicht alles machen, sondern sich auf das konzentrieren, was man bewältigen kann“, sagt der junge Unternehmer. „Ich habe meine Sichtbarkeit auf Facebook erhöht und auch schon den einen oder anderen Auftrag darüber generiert.“

Inzwischen haben die Dieburger Kommunikationsexperten unter anderem in Darmstadt, Dieburg und Lampertheim Vorträge, Sprechstunden und Workshops angeboten. Hier der Kurzvortrag „Erste Schritte in der Onlinesichtbarkeit“, dort der Workshop „Social Media für Fortgeschrittene“ oder der „Sprechtag für Handel und Gastgewerbe“. Zusätzlich bieten sie Schreibwerkstätten für andere Kompetenzzentren. Geplant sind Selbstlerneinheiten und Themen-Dossiers, sogenannte Content Hubs, zum Beispiel über PR-Management-Tools. Und sonst? „Wir folgen unserem Motto ‚Gelassen und mutig in die Digitalisierung‘. Damit meinen wir, dass viele von Neustart und Veränderungen sprechen, es aber nur wenige wagen. Wir wollen versuchen, den digitalen Wandel in Unternehmen in Gang zu bringen“, fasst Pia Sue Helferich zusammen.

Autorin

Anette Nickels
Mai 2019

Kontakt

Daniel Timme
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.16-37783
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