Nachhaltig promovieren

Absolventinnen und Absolventen der Hochschule Darmstadt können künftig Doktoren ganz besonderer Art werden: Im neu gegründeten Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften haben sie seit diesem Semester die Möglichkeit, einen „Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften“ zu erlangen. Der neue Titel ist bundesweit einmalig. Das Promotionszentrum, für das Hessens neue Wissenschaftsministerin Angela Dorn im März die Starterlaubnis gab, ist das erste eigenständige Promotionszentrum der h_da.

Es geht um das, was Wissenschaftler als „wicked problems“ bezeichnen, die großen Herausforderungen. Klassisches Beispiel: der Klimawandel. Um „vertrackte“ Probleme wie dieses zu lösen, müssen kluge Köpfe aus unterschiedlichen Disziplinen an einem Strang ziehen. Im Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften arbeiten deshalb insgesamt 16 Professorinnen und Professoren aus den Bereichen Kunststofftechnik, Maschinenbau, Bau- und Umweltingenieurwesen, Elektrotechnik oder der Chemie- und Biotechnologie mit Forschenden aus den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, der Ökonomie, den Geistes- und Kommunikationswissenschaften zusammen. „Dieses Maß an Interdisziplinarität verdeutlicht, wofür wir als Hochschule für Angewandte Wissenschaften stehen: praxisnahe Forschung an komplexen Realwelt-Problemen“, sagt Professor Dr. Arnd Steinmetz, h_da-Vizepräsident für Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur.

Herausforderung interdisziplinäre Kommunikation

Zunächst muss allerdings ein Realwelt-Problem überwunden werden: Interdisziplinäre Zusammenarbeit bedeutet nämlich auch, dass die Beteiligten verschiedene Sprachen sprechen. Befragt zum Begriff Nachhaltigkeitswissenschaften, setzt Soziologe Prof. Dr. Bernd Steffensen beim Biodiversitätsbericht der Vereinten Nationen an und erläutert dann, wie nicht nachhaltige Alltagsroutinen durch das Zusammenspiel von neuen Technologien und deren sozialer Einbettung durchbrochen werden können. Bauingenieurin Prof. Dr. Nicole Saenger konstatiert hingegen knapp, es gehe darum, kreative und auch praxistaugliche Lösungen zu erarbeiten, damit auch zukünftige Generationen auf der Erde gut leben können.

Steffensen wurde vom h_da-Präsidium zum Leiter des neuen Promotionszentrums ernannt, Saenger auf der konstituierenden Sitzung im Mai zur Stellvertreterin gewählt. Gut möglich also, dass die beiden schon bald gemeinsam die ersten Promovierenden betreuen. „Natürlich ist die interdisziplinäre Kommunikation am Anfang etwas mühsam“, räumt die Ingenieurin ein. „Jeder spricht seine Fachsprache und pflegt seine Art der Kommunikation, da wird man vom Gegenüber nicht immer richtig verstanden.“ Doch statt sich vor babylonischer Sprachverwirrung zu fürchten, freuen sich Saenger und Steffensen auf gemeinsame Projekte. „Wir sind ein bunter Haufen“, schmunzelt Soziologe Steffensen. „Doch die entscheidende Erkenntnis eint uns: Die großen Probleme unserer Zeit kann man nicht aus der Perspektive einzelner Disziplinen heraus lösen, sondern nur miteinander.“

Im Promotionszentrums steht deshalb fest, dass der wissenschaftliche Nachwuchs von einem interdisziplinären Team angeleitet wird – von je einem ingenieurs- oder naturwissenschaftlichen und einem gesellschaftswissenschaftlichen Betreuer. So soll gelingen, was man im angelsächsischen Raum prägnant als „social shaping of technology“ bezeichnet. Gemeint ist das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, das gleichwertige Austarieren ökonomischer, ökologischer und sozialer Ziele.

Weite thematische Bögen spannen

Ein Blick in die nicht allzu ferne Zukunft: Da betreuen Soziologe Steffensen und Bauingenieurin Saenger gemeinsam einen Doktoranden oder eine Doktorandin beispielsweise zu einem Thema aus der Wasserwirtschaft. Man ahnt: Wenn die beiden ein Wasserrad sehen, denken sie nicht dasselbe. „Welche Form der Wasserradschaufeln wäre hier optimal?“, fragt sich Prof. Saenger. „Könnte man vielleicht die alten Mühlen im Odenwald reaktivieren?“, überlegt Prof. Steffensen. Bauingenieurin Saenger benennt weitere Aspekte, die aus Ingenieurssicht eine Rolle spielen könnten: „Welchen Einfluss hat die Geschwindigkeitsverteilung des Wassers in den Schaufelzwischenräumen auf die Leistung? Welche Wasserräder können bevorzugt in Kanälen eingesetzt werden? Wie können kleinste Fallhöhenunterschiede effektiv genutzt werden?“ Im gesellschaftswissenschaftlichen Teil der Dissertation würde es dann um die Frage gehen, welche Geschäftsmodelle geeignet wären, wie die Gesamtökobilanz von Wasserrädern aussieht und ob die Kommunen ein Wasserkraftprojekt überhaupt unterstützen möchten. „Eine Promovendin, die ursprünglich aus dem Ingenieurwesen kommt, müsste dann vielleicht ein Dorf im Odenwald besuchen und dort eine Befragung zum Thema starten. Sie sollte sich außerdem in Fragen der Ethik und der Technikfolgenabschätzung hineindenken“, erläutert Steffensen. „Umgekehrt müsste sich ein Doktorand aus den Geisteswissenschaften die nötigen technischen Grundlagen aneignen.“

Eine lange Liste möglicher Themenbereiche haben die Angehörigen des Promotionszentrums bereits identifiziert: Dazu gehören neben den erneuerbaren Energien alternative Formen der Mobilität, die Forschung an neuen Werkstoffen wie Nano- oder Biomaterialien, die Optimierung von Energieströmen etwa in der Wärmetechnik oder ressourcenoptimierte Konstruktionsmöglichkeiten im Leichtbau. All diese und weitere Fachkompetenzen fließen in das neue Promotionszentrum ein. Ihre Bündelung ist aus Sicht von Vizepräsident Prof. Arnd Steinmetz nur folgerichtig: „Das Thema Nachhaltige Entwicklung hat sich an unserer Hochschule in den vergangenen Jahren vielfältig etabliert – durch die Forschungszentren ‚Nachhaltige Prozesse und Verfahren‘ sowie ‚Material- und Prozesstechnik‘, das Transferprojekt s:ne oder unsere Studiengänge mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt wie die Energiewirtschaft, die Gebäudesystemtechnik, das Umweltingenieurwesen oder Risk Assessment and Sustainability Management. Im Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften können wir nun den Bogen über die gesamte thematische Bandbreite dieses großen interdisziplinären Forschungsgebietes spannen.“

Das Ziel ist weniger die Theoriebildung als vielmehr die praxisorientierte Problemlösung im interdisziplinären Team. An den wissenschaftlichen Nachwuchs stellt dies besonders hohe Anforderungen. „Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften“ kann nur werden, wer über den eigenen fachlichen Tellerrand hinausschaut, neugierig und vielseitig ist. „Aber genau das ist auch sehr reizvoll und wird unsere Bewerber locken“, ist sich Professorin Saenger sicher.

Doktortitel als Alleinstellungsmerkmal

Die ersten Interessentinnen und Interessenten haben sich bereits gemeldet. Wer es ernst meint, sollte sich zunächst an die Geschäftsstelle oder die Leitung des Promotionszentrums wenden (siehe Kontakt und Link). Im zweiten Schritt geht es darum, die Fragestellung der Dissertation in einem Exposé auszuarbeiten. Der Promotionsausschuss entscheidet dann, ob das Vorhaben inhaltlich trägt und das Niveau stimmt. Mit diesem Prozedere orientiert sich das Promotionszentrum im Wesentlichen an angelsächsischen Vorbildern. Der Promotionsausschuss entspricht dem dort üblichen „Academic Board“. Bei Zweifeln an der Tauglichkeit eines vorgeschlagenen Themas sollen Exposés gegebenenfalls auch extern begutachtet werden. „Wir wollen keinen ‚Boulevard of Broken Dreams‘, sondern Kandidaten mit echten Erfolgsaussichten“, betont Steffensen. Im Übrigen sei das Promotionszentrum keine geschlossene Gesellschaft. Auch Professorinnen und Professoren, die derzeit keine Mitglieder sind, sind als Zweit- oder Drittbetreuer willkommen.

Es ist ein ambitioniertes Projekt: Ähnlich umfassend ausgerichtete Studienprogramme gibt es in Deutschland bislang kaum. Vorreiterin ist die Leuphana Universität Lüneburg, die eine eigene Fakultät für Nachhaltigkeit gegründet hat. Doch der „Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften“ an der h_da ist bis auf Weiteres ein Alleinstellungsmerkmal. In fünf Jahren wird das Promotionszentrum evaluiert. Was würde dazugehören, damit dem Unterfangen Erfolg attestiert werden kann? Da sprechen Soziologe und Ingenieurin schon jetzt eine Sprache: Das Erarbeiten gemeinsamer Methoden und Themen, sagen Saenger und Steffensen, das Etablieren gemeinsamer Teammeetings, Veröffentlichungen und Tagungsbeiträge und natürlich: eine Reihe begonnener Dissertationen.

Unterstützung durch interne Stipendien

So könnte sich die Hochschule Darmstadt mit dem Promotionszentrum Nachhaltigkeitswissenschaften auch in einem übergeordneten bildungspolitischen Kontext positionieren – als Ort der Zukunftsgestaltung. „Unsere Studierenden mögen den Blick über die Dinge hinaus, die in den Lehrbüchern stehen“, weiß Professorin Saenger. Sie rechnet damit, dass auch die Schülerinnen und Schüler der Fridays-for-future-Demonstrationen, die in absehbarer Zeit ein Studium aufnehmen werden, Nachhaltigkeitsthemen verstärkt in die Hochschulen einbringen werden. „Hier sind wir schon sehr gut aufgestellt: Die Entwicklungen der letzten Jahre bilden eine gute Basis, die durch das Promotionszentrum nun einen wichtigen weiteren Baustein erhält.“

Problematisch ist aus Sicht von Professorin Saenger lediglich die Finanzierung der Doktorandenstellen. „Die fertigen Ingenieure bekommen in der Wirtschaft sehr gute und gut bezahlte Stellen angeboten, da können wir finanziell nicht mithalten.“ Die h_da unterstützt den Aufbau des Promotionszentrums deshalb auch im Rahmen eines h_da-internen Promotionsstipendienprogramms für gute Kandidatinnen und Kandidaten. Und für einige junge Leute ist der „Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften“ vielleicht auch ein Wert an sich, der sich in vielerlei Hinsicht nachhaltig bezahlt macht.

Autorin

Christina Janssen
Juni 2019

Kontakt

Geschäftsstelle Promotionszentrum
Dr. Janina Fengel
Tel.: +49.6151.16-39458
E-Mail: janina.fengel@h-da.de

Grafik

Dubbel Späth (Ico Maker, Iconic Bestiary / Shutterstock.com)

Nachhaltigkeitswissenschaften

Der Begriff der Nachhaltigkeitswissenschaften wird häufig synonym mit Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung, Wissenschaft der Nachhaltigkeit oder Sustainability Science(s) verwendet. Darunter werden die Bemühungen von Wissenschaft und Technik um eine Transformation der Gesellschaft und einen globalen Wandel zu Nachhaltigkeit subsumiert. Die Betrachtungsweise der Welt ist dabei ganzheitlich ausgerichtet und umfasst physikalische, chemische, biologische und soziale Teilsysteme gleichermaßen. Dementsprechend reicht das inhaltliche Spektrum der Nachhaltigkeitswissenschaften von der naturwissenschaftlichen Perspektive über die ingenieurswissenschaftlichen bis zu den sozial- und geisteswissenschaftlichen Themen.

Die Ziele nachhaltiger Entwicklung lassen sich in die Kernbereiche Energie, Klimaschutz, Wasser, Raumentwicklung, Kommunalverwaltung, Bildung und soziales Leben fassen. Hier sind aktuell in drängenden Problemfeldern wie beispielsweise Energiewende, Klimaschutz, Wassermanagement, Rohstoffeffizienz, Digitalisierung, Mobilität, Umweltschutz, Ernährung und Schutz der Biodiversität Antworten zu entwickeln. Allen Themen gemeinsam ist die Interdisziplinarität. Ein Beispiel für die Umsetzung nachhaltiger Ziele ist die Energiewende in Deutschland.