Geld gegen die Klimakrise

Geld gegen die Klimakrise

Der Darmstädter Volkswirt Ulrich Klüh forscht zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart: Wie lassen sich die Milliardensummen stemmen, die nötig sind, um Deutschland klimaneutral zu machen?

Von Kilian Kirchgeßner, 3.1.2023

Seine Eltern waren erstaunt, als Ulrich Klüh ihnen eröffnete, dass er über Finanzkrisen promovieren wolle. „Sie wollten wissen: ‚Warum willst du dich als Volkswirt mit so einem historischen Thema beschäftigen?’“, sagt Klüh. „Ich war mir aber schon damals sicher, dass Finanzkrisen kein historisches Phänomen sind und uns weiter beschäftigen werden.“ Fast drei Jahrzehnte ist das her, und obwohl Klüh über diese Anekdote inzwischen lacht, wäre es ihm vermutlich lieber gewesen, wenn er nicht Recht behalten hätte. Heute, als Professor an der Hochschule Darmstadt (h_da), beschäftigt ihn die Frage nach den Wechselwirkungen von Volkswirtschaft und Gesellschaft vor dem Hintergrund einer ganz anderen, aus seiner Sicht noch viel akuteren Krise.

Um die Klimakrise geht es in seiner aktuellen Forschung, und er betrachtet sie aus volkswirtschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Wie lassen sich die gewaltigen Mittel aufbringen, die nötig sind, um die Gesellschaft auf Klimaneutralität umzustellen? Und: Welche Rolle könnte dabei eine Vermögenssteuer spielen? Diese beiden Fragen beschäftigen ihn, unter anderem im Rahmen zweier Forschungsprojekte des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF und der Hans-Böckler-Stiftung.

Ulrich Klüh profitiert dabei nicht zuletzt von den Erfahrungen der Kolleg*innen des Zentrums für nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik (ZNWU) am Fachbereich Wirtschaft der h_da, dessen Sprecher er ist. Vor fünf Jahren wurde es gegründet, und die Forschenden fragen darin zum einen sehr konkret und angewandt beispielsweise danach, wie sich die Logistik nachhaltig gestalten lässt oder danach, wie Organisationen aufgestellt sein müssen, um nachhaltig handeln zu können. „Und zum anderen haben wir die Forschung, die sich eher grundsätzlich mit den Wechselwirkungen zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt“, sagt Klüh: „Das ist der Bereich, in dem ich mit meinem Team tätig bin.“ Neben Volkswirten sind auch Fachleute aus weiteren Sozial- und Geisteswissenschaften darin vertreten. „Wir verbinden eine sozialwissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeitstransformation mit konkreten Themen, beispielsweise aus dem Finanzmarkt oder der Geld- und Fiskalpolitik“, umreißt Klüh seine Herangehensweise.

Dreiklang Klima, Finanzen und Gesellschaft

Das jüngste Projekt, in dem er sich mit diesen Fragen beschäftigt, heißt „Climate Finance Society“ – diesen Dreiklang aus Klima, Finanzen und Gesellschaft untersucht er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut Göttingen, von der Universität Osnabrück und der Universität Paderborn. Auf drei Jahre ist das Vorhaben angelegt, das vom BMBF im Rahmen der Förderlinie „Klimaschutz und Finanzwirtschaft (KlimFi)“ der Strategie „Forschung für Nachhaltigkeit – FONA“ finanziert wird.

Es ist ein hochkomplexes Feld, in dem die vier Teams gemeinsam nach Antworten suchen. Wie lässt sich sicherstellen, dass die nötigen Gelder zusammenkommen, die für die Finanzierung der Klimapolitik nötig sind? Und gelingt es schnell genug, um die Transformation in der wenigen verbleibenden Zeit zu bewältigen? Dazu schaut er sich mit seinem Team zunächst die unterschiedlichen Vorstellungen an, mit denen Notenbanken wie die Bundesbank oder die Europäische Zentralbank und Kreditinstitute wie Sparkassen das Thema Klimafinanzierung angehen. Diese Vorstellungen werden dann mit denen anderer Akteure abgeglichen, wie denen von Förderbanken wie der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau), mittelständischen Unternehmen und auch denen von Aktivist*innen. Erstaunlich ist hierbei, wie unterschiedlich die Vorstellungen teils noch sind: „Für die einen ist die Finanzierung der Klimapolitik eher ein Ding der Privatwirtschaft, für die anderen des öffentlichen Sektors. Für die einen geht es eher um Transfers in den globalen Süden, für die anderen um die Finanzierung der heimischen Wirtschaft; für die einen geht es um Regulierung, für die anderen um Subventionen“, sagt Ulrich Klüh. Diese Pluralität des Feldes auszuleuchten, sei schon in sich eine wichtige Aufgabe, um Missverständnisse zwischen den Akteur*innen zu vermeiden.

Vom Hochwasserschutz bis zum Klempner-Fuhrpark

„Der Finanzierungsbedarf hat eben sehr unterschiedliche Dimensionen. Einige denken zuerst an die öffentlichen Gebietskörperschaften, also zum Beispiel die Gemeinden und Bundesländer, die etwa in Sachen Hochwasserschutz aktiv werden müssen. Aber auch alle privatwirtschaftlichen Einheiten brauchen Geld zum Klimaschutz: Jeder Handwerksbetrieb muss sich beispielsweise seinen Fuhrpark anschauen und ihn umstellen“, sagt Ulrich Klüh. Und er schiebt hinterher: So groß sei das Untersuchungsfeld – von öffentlichen bis zu privaten Akteuren, von der lokalen bis zur globalen Ebene -, dass es sich in seiner Gesamtheit kaum untersuchen lasse. Bei dem aktuellen Projekt greifen die Beteiligten deshalb bewusst nur einen Ausschnitt heraus und untersuchen, wie sich die Klimafinanzierung mit Blick auf die deutsche Gesellschaft umsetzen lässt. „Dabei geht es darum, das Ineinandergreifen von allen Akteuren in der Klimapolitik zu betrachten“, sagt Klüh: „von der Politik über die öffentlichen Banken bis hin zu mittelständischen Unternehmen.“ Wo also tickt eine kleine Firma anders als eine Bank, eine Politikerin oder auch ein Klimaaktivist? Und wie lassen sich diese unterschiedlichen Rationalitäten und Logiken aufeinander abstimmen? Im Projekt „Climate Finance Society“ sollen diese verschiedenen Akteure deshalb miteinander ins Gespräch kommen – etwa bei gemeinsamen Workshops.

Ulrich Klüh hält einen Paradigmenwechsel für notwendig: „Bis heute stellen sich die meisten Finanzexperten den Klimaschutz so vor, dass der Staat einfach einen hohen Preis für den CO2-Ausstoß setzen muss. Dann würden die Unternehmen zu Investitionen gezwungen, für die der Staat über seine Förderbanken und die Finanzmärkte die Mittel zur Verfügung stellt, und schon gerät der Prozess in Gang. Aber so einfach funktioniert es in der Praxis eben nicht.“ Schon lange vor seinem Wechsel an die Hochschule Darmstadt hatte Klüh beobachtet, wie schwer es die Klimakrise in den Wirtschaftswissenschaften hat. Während der Bankenkrise in den Jahren 2008-2010 zum Beispiel war er Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, im Volksmund „Wirtschaftsweisen“ – „da habe ich gemerkt, wie schwierig es ist, die Dramatik der ökologischen Themen im Angesicht der Dramatik vieler ökonomischer Probleme zu platzieren. Noch immer ist es ja so, dass viele Akteur*innen bei ökologischen Themen bei weitem nicht den gleichen Handlungsdruck verspüren wie bei ökonomischen Problemen.“

Fünf Billionen Euro benötigt - allein für Deutschland

Zwischen neun und zehn Billionen Euro würden weltweit jährlich für die Klimapolitik benötigt, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die KfW kommt für Deutschland auf einen Finanzbedarf von fünf Billionen Euro bis zum Jahr 2045. „Entscheidend ist nicht die konkrete Summe, sondern dass wir endlich verstehen: Es wird eine gewaltige Aufgabe, die nicht nur mit etablierten Mechanismen bewältigt werden kann“, sagt Ulrich Klüh. „Ich komme immer stärker zum Ergebnis, dass wir sehr viel mehr staatliche Koordination für diese Prozesse benötigen – sehr viel mehr, als ich das als Volkswirt vorher gedacht hätte. Der Staat ist aber der einzige Akteur, der in der kurzen Zeit, die wir noch haben, die nötigen Entscheidungen mit großer Tragweite treffen kann.“ Wie solche Entscheidungen aussehen – von der Koordination der einzelnen Akteure in Beiräten und Kommissionen bis hin zur Rolle der öffentlichen Banken –  darum soll es bei dem aktuellen Forschungsprojekt gehen. Dazu wird es aus Sicht von Klüh unter anderem notwendig sein, die Pluralität der Sichtweisen zum Thema Klimafinanzierung besser zu berücksichtigen: „Insbesondere müssen wir von der gerade bei Expert*innen im Bereich ‚Sustainable Finance‘ vorherrschenden Vorstellung loskommen, die Klimafinanzierung sei im Wesentlichen ein Thema der Finanzmärkte und ihrer Akteur*innen. Genauso wichtig ist eben die Frage nach der öffentlichen Finanzierung der Klimapolitik.“

Einen Teilaspekt dieser Frage untersucht Klüh in einem zweiten Projekt, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Dabei geht es um Vermögenssteuern und die Rolle, die sie bei der sozial-ökologischen Transformation spielen können. „Vermögenssteuern sind als linkes Projekt verschrien, das man als Volkswirt besser nicht beforschen sollte“, sagt Klüh: „Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass sie geschickt eingesetzt werden könnten, um umweltpolitische Ziele zu erreichen. Vermögenssteuern können eine Rolle spielen, die man ihnen gar nicht zutraut. Beispielsweise biete die Besteuerung von Grund und Boden zahlreiche Ansatzpunkte für ökologische Steuerungswirkungen: „Bei der jüngsten Grundsteuerreform wurden diese aber noch nicht einmal diskutiert“. Dass dies selbst in der extremen Klima-Situation der Gegenwart möglich sei, das könne er nicht verstehen.

Immerhin: Unter Volks- und Betriebswirten ist das Thema der Klimakrise inzwischen angekommen, vielerorts wird dazu auch geforscht. Eine Genugtuung verspüre er darüber aber nicht: „Dafür wird es immer noch zu wenig konsequent und zu wenig radikal diskutiert.“

Kontakt

Nico Damm
Wissenschaftsredakteur
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.16-37783
E-Mail: nico.damm@h-da.de

Mehr über Prof. Dr. Ulrich Klüh

Mehr Informationen zur Arbeit des Wirtschaftswissenschaftlers gibt es hier.