Wertschätzung statt Druck

Farbige Illustration: Frau am Schreibtisch

Ein Trendthema strahlt zunehmend ins Berufsleben und die Forschung: Wirtschaftspsychologinnen der h_da untersuchen in einem Semesterprojekt, was bei Beschäftigten zu Wohlbefinden führt. Das überraschende Ergebnis: Einen besonders großen Einfluss haben die Faktoren Engagement und Selbstwirksamkeit. In Abgrenzung zu gängigen Engagement-Messungen in der Praxis geht es für die Forscherinnen hier aber mehr um Beziehungen und Wertschätzung statt um Hierarchien und Druck.

Von Alexandra Welsch, 4.4.2022

Arbeitest du noch oder bist du schon glücklich? So ließe sich der legendäre Werbeslogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ umwidmen auf ein Projekt, das eine Gruppe junger Wirtschaftspsychologinnen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der h_da ein Jahr lang intensiv beschäftigt hat. Unter dem Titel „Glück in Organisationen“ haben vier Bachelor-Studentinnen im Team mit ihrer Professorin Stefanie Winter zwei Semester hindurch untersucht, was Glück im Arbeitskontext bedeutet und wie man es messen und beeinflussen kann.

„Das Thema ‚Glück‘ ist mittlerweile nicht mehr nur auf individueller Ebene, sondern auch im organisationalen Kontext ein Trendthema“, erläutert die betreuende Professorin zum Ansatz des Semesterprojekts. Mitarbeiterzufriedenheit sei schon länger ein Riesenthema. Doch während Zufriedenheit auch eine resignative oder zurücklehnende Haltung implizieren könne, bedinge Glück mehr eine Aktivierung, durchaus auch in einem Leistungssinn. Das sei natürlich auch für Arbeitgeber interessant. „Organisationen haben das Ziel, Mitarbeiter zu Leistung zu bringen“, weiß die Wirtschaftspsychologin. „Das finde ich auch nicht verwerflich, solange niemand ausgebeutet oder ausgebrannt wird.“ Viele Trainings- und Beratungsunternehmen würden bereits damit werben, das Glücksempfinden von Beschäftigten zu messen und zu fördern. Und in den vergangenen zehn Jahren sei das auch zunehmend in den Forschungsfokus gerückt. Als Semesterprojekt eigne sich das Thema gut, „weil man da noch viel erforschen kann“.

„Wie kann ich glücklich sein auf der Arbeit?“

Nicht nur deshalb haben die Studentinnen sich bewusst dafür entschieden. „Ich werde einen Großteil meines Lebens auf der Arbeit verbringen“, sagt Seda Altuntas (23). Dabei würde sie schon gerne Spaß haben und glücklich sein. Ähnlich umreißt Gvantsa Rieder ihr Interesse: „Ich wollte erstmal für mich wissen, wie kann ich glücklich sein auf der Arbeit?“ Nach mehreren Praktika an verschiedenen Arbeitsorten drängt sich Jana Scharf (25) eine erweiterte Fragestellung auf: „Warum sind Mitarbeiter in verschiedenen Abteilungen so unterschiedlich glücklich?“ Und Theresa Hummel, mit 34 Jahren die älteste im Bunde, haben einschlägige Erfahrungen im Beruf hergeführt. „Um Glück geht’s hier nicht“, habe ihr ein Chef mal gesagt. „Da habe ich gedacht, das kann nicht wahr sein.“ Für sie sei das die Motivation gewesen, überhaupt Wirtschaftspsychologie zu studieren.

Allerdings haben die jungen Wissenschaftlerinnen schnell gemerkt, wie schwierig es ist, das Glück zu greifen und zu messen. „Man denkt, Glück ist doch einfach“, sagt Professorin Winter. Aber es sei ein schwer fassbares, psychologisches Konstrukt – auch weil es sich aus so vielen Fachdisziplinen speise. „Schon die alten Philosophen haben sich damit beschäftigt, aber auch Soziologen oder Volkswirte, und selbst innerhalb der Psychologie gibt es verschiedene Ansätze.“ Die größte Herausforderung für die Beteiligten war daher zunächst, nach einer ersten Literatur- und Marktrecherche eine Definition von Glück in einem organisationalen Kontext zu finden. Letztlich legten sie sich in Anlehnung an die Definition subjektiven Wohlbefindens fest auf „die persönliche Wahrnehmung und das Erleben vieler positiver und wenig negativer Emotionen und kognitiver Bewertungen in Bezug auf die Arbeit in einer Organisation“. Glück am Arbeitsplatz also als Mischung aus positiv empfundenen Gefühlen und Gedanken.

In der nächsten Phase führte die Gruppe qualitative Interviews mit sieben Expertinnen und Experten aus der Praxis. So sprachen sie mit Kai Ludwigs, dem Gründer des Düsseldorfer Forschungsinstituts „Happiness Research Organisation“ und Entwickler einer App zum Messen des subjektiven Wohlbefindens. Sehr hilfreich sei auch der Austausch mit der „Glücksministerin“ gewesen: Hinter dieser munteren Selbstbetitelung steht Gina Schöler und ihr „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“, entstanden im Zuge einer Masterarbeit an der Hochschule Mannheim als unabhängiges Netzwerk von Fachleuten, die  Vorträge oder Workshops zur Glücksförderung anbieten. Schöler hat den Studentinnen etwa die Befassung mit den Ansätzen der Positiven Psychologie des US-Psychologen Martin Seligman ans Herz gelegt, einem renommierten Glücksforscher.   

Sinn, Beziehungen oder Arbeitsbedingungen als Einflussfaktoren

„Was könnte wichtig sein, um Glück zu messen, und was sind besonders relevante Einflussfaktoren?“: So umreißt Theresa Hummel die Kernfrage, die das Team geleitet hat. Auf Basis der Recherchen und Interviews wurde dann ein Forschungs- und Operationalisierungsmodell gebaut, das dem Gebilde „Glück in Organisationen“ neun Einfluss- oder Zusammenhangsfaktoren zuordnet: Information und Kommunikation, Beziehungen, Physisches Wohlbefinden, Sinn und Sinnhaftigkeit, Arbeitstätigkeit, Selbstwirksamkeit, Arbeitsanreize und Arbeitsbedingungen, Engagement, Lebenszufriedenheit.

Mit diesen Faktoren vor Augen, wurden rund 140 Fragen entwickelt. Dabei griffen die Studentinnen mit dem bewährten wissenschaftlichen Fragenkatalog PANAS (Positive and Negative Affect Schedule) auf ein valides Instrument zur Erfassung der emotionalen Befindlichkeit zurück. Mit Hilfe diverser Adjektive werden damit unterschiedliche Gefühle abgefragt. Doch galt es, die bestehende Skala auf den Kontext Arbeit zu übertragen und ergänzend weitere Frage-Items für das Konstrukt Glück und dessen Einflussfaktoren zusammenzustellen. „Wir haben erst die Fragen aus dem Englischen übersetzt, daraus eine riesige Tabelle gemacht und immer wieder gekürzt, um Redundanzen zu vermeiden“, beschreibt Theresa Hummel die Herausforderung.

Zur Semester-Mitte war es dann soweit: Die Studentinnen stiegen mit ihrem Fragebogen in die Datenerhebung ein und werteten letztlich 169 Befragte aus. Da die Rekrutierung über die Netzwerke der Studentinnen lief, ist die Stichprobe in ihrer Repräsentativität „natürlich etwas eingeschränkt“, merkt die betreuende Professorin ein. Da aber eine relativ breite Streuung von Altersgruppen und Branchen habe erreicht werden können, könne die Untersuchung wertvolle Hinweise auf mögliche Zusammenhänge in der Gesamtbevölkerung geben.

Relevant ist, wie stark man sich selbst in Arbeit einbringen kann

Zwei Ergebnisse stachen dabei hervor: Zum einen entpuppte sich Selbstwirksamkeit als ein starker Einflussfaktor für das Glücksempfinden. „Wie wichtig es den Leuten ist, was sie bewirken können und dass sie selber Einfluss haben“, erläutert Hummel die Erkenntnis. Getoppt wurde das nur noch durch einen anderen Einflussfaktor: „Die höchste Korrelation mit Glück war Engagement.“ Also das Ausmaß, wie stark man sich selbst in die Arbeit einbringt. Stolperstein dabei jedoch: Offen bleibe, ob Engagement die Quelle oder die Folge von Glück ist. „Da ist noch enormes Forschungspotenzial, das ist im Grunde erst der Anfang“, befindet Stefanie Winter.  

Dass Engagement solch starke Zusammenhänge zu Glück aufweist, wirft bei der Wirtschaftspsychologin Anschlussfragen auf. Denn der Engagement-Fokus in der unternehmerischen Mitarbeiterbetrachtung sei stark leistungsbezogen. „Da geht es meist darum, über 100 Prozent Leistung zu bringen, und das kann zu Effekten wie Burnout führen.“ Beim Glücksthema sei das anders: „Da ist der Anspruch Wohlbefinden, es geht eher ums Energieauftanken, etwas zurückbekommen, durch Arbeit vielleicht aufblühen.“ Freilich müsse man aufpassen, dass es nicht abdriftet in eine toxische Positivität. „Es sollte nicht verlangt werden, dass alle nur noch lächeln.“ Aber es gehe grundlegend darum, sich auf Augenhöhe und einander wertschätzend zu begegnen. Das müsse mehr in den Führungsetagen ankommen: „Wie man mit Mitarbeitenden umgeht und sie auch befähigt, Selbstwirksamkeit zu entwickeln.“ Das unterstreicht auch Studentin Hummel: „Unternehmen müssen sich damit auseinandersetzen, weil der Fachkräftemangel immer schlimmer wird.“ Ihre jüngere Generation wünsche sich Teamarbeit statt Hierarchien und Wertschätzung statt Druck.

Entsprechend geben alle am Projekt beteiligten Studentinnen an, dass für sie der Einflussfaktor Beziehungen am wichtigsten sei für die Beförderung des Wohlbefindens in Arbeitskontexten. Und was hat ihnen im Laufe des Semesterprojekts Glücksmomente verschafft? „Die Expertinnen-Interviews, dass sie uns als Studentinnen ernst nehmen und unterstützen“, antwortet Theresa Hummel. Und für ihre Kommilitonin Seda war ein klasse Moment, „als wir die Ergebnisse angeschaut haben und gemerkt haben, es hat sich gelohnt“. Als Höhepunkt nennt die Gruppe zudem die abschließende Präsentation bei einer eigens organisierten Online-Konferenz mit mehreren Expert:innen und rund 150 Interessierten. Fazit: „Es gab bei dem Projekt mehrere Aspekte, die uns glücklich gemacht haben.“

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Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
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