Mehr als ein „Buzzword“

Portrait von Prof. Dr. Jan C. Schmidt

Der Physiker und Philosoph Jan Cornelius Schmidt über Interdisziplinarität als Schlüssel zu den drängenden Fragen unserer Zeit.

Ein Interview von Kilian Kirchgeßner, 2.6.2022

impact: Herr Schmidt, schmerzt es Sie eigentlich, dass Interdisziplinarität vielfach als reines Buzzword gesehen wird?

Prof. Dr. Jan C. Schmidt: Nein, ganz im Gegenteil: Ich finde es hochspannend, diesen Begriff aufzunehmen, zu reflektieren und auch zu akzentuieren. Es gibt doch nichts Langweiligeres als rein innerwissenschaftliche Begriffe – die stehen zwar auch häufig für spannende Themen, aber es fehlt ihnen die gesellschaftliche Wirkung.

impact: Welche Wirkung kann Interdisziplinarität erzielen?

Schmidt: Denken Sie nur an die Pandemie, denken Sie an die Klimakrise oder die drängenden Probleme in der Energieversorgung: Das sind Paradebeispiele für Themen, die sich nur interdisziplinär lösen lassen. Der Begriff der Interdisziplinarität kann vor diesem Hintergrund als Anstoß für Diskussionen dienen, welche Themenfelder wir für die Gesellschaft erforschen wollen. Und darüber, was wir wissen wollen und müssen, um unsere Gesellschaft für eine gute, ja nachhaltige Zukunft zu gestalten.

impact: Sie sind selbst gleichermaßen in den Natur- und Geisteswissenschaften zu Hause. Womit haben Sie damals im Studium angefangen?

Schmidt: Ich komme ursprünglich aus der Physik. In den späten 1980 und frühen 1990er Jahren galt die Physik noch als zentrale Leitwissenschaft. Aber alle Versuche, über die Physik hinauszudenken, hatten an Hochschulen damals wenig Chancen, weil das Fach curricular sehr eng gefasst war. Gerade das jedoch hat mich neugierig gemacht, und so habe ich auch noch Philosophie studiert. Ich wollte umfassend verstehen, was Natur ist und was wir über Natur aussagen können. Meine Motivation dazu war auch stark geprägt von der Umweltdiskussion der 1980er Jahren, wo einige Katastrophen – von Tschernobyl bis zum Sandoz-Unglück, vom Ozonloch bis zum Waldsterben – den Glauben maßgeblich irritiert haben, dass wissenschaftlich-technischer Fortschritt auch automatisch gesellschaftlicher Fortschritt ist.

impact: Nun ist es von der Physik zur Philosophie auch inhaltlich ein weiter Bogen. Muss Interdisziplinarität immer so eine große Distanz überbrücken?

Schmidt: Man unterscheidet tatsächlich zwischen kleiner und großer Interdisziplinarität. Die kleine Interdisziplinarität ist zum Beispiel diejenige zwischen Physik und Mathematik oder zwischen Informatik und Biologie. Mir selbst liegt aber besonders die große Interdisziplinarität am Herzen. Wir haben ja über Jahrhunderte eine funktionale Differenzierung in der Wissenschaft, die ja ohne Frage sehr erfolgreich war – aber sie hat vergessen, das Ganze im Blick zu behalten. Das ist für grundlegende Erkenntnisziele, aber auch für Gestaltungsherausforderungen und für Lösungen komplexer Problemfelder nachteilig. Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen, zweischneidige Technikfolgen, die ökologische und ökonomische Relevanz von neuen Wertschöpfungsketten – alles das braucht einen breiten thematischen und auch kritischen Zugang, und genau den verfolgt gut praktizierte große Interdisziplinarität.

impact: Dass man die großen Probleme der Gegenwart nur lösen kann, wenn man die Köpfe über die Fächergrenzen hinweg zusammensteckt – das bezweifelt aber doch eigentlich niemand mehr, oder?

Schmidt: Nein, und das verblüfft mich auch: Wie stark in den vergangenen zehn Jahren die Umweltthemen, die Nachhaltigkeitskrise in der Breite der Gesellschaft angekommen sind und wie sehr Inter- und Transdisziplinarität in der Wissenschaft en vogue geworden sind – das hätte ich nicht erwartet. Dieser Boom hat übrigens positive, aber auch negative Seiten. Das Positive: Die Förderpolitik für die Wissenschaft hat sich zunehmend daran ausgerichtet, in Deutschland ebenso wie im europäischen Kontext. Früher sind interdisziplinäre Vorhaben oft daran gescheitert, dass sie in keine Schubladen passen. Und ein Schub zur Veränderung von Hochschulen ist entstanden – eine positive Entwicklung, die wir stärken und stützen müssen.

impact: Und was sind die negativen Folgen?

Schmidt: Die alte Tradition der Interdisziplinarität ist vielfach in Vergessenheit geraten: die kritische –  auch selbstkritische! – Tradition, nämlich zu hinterfragen, wie geforscht wird und welche Fragen aufgegriffen werden. Und auch, wie Natur und gesellschaftliche Naturverhältnisse gesehen werden und gesehen werden sollten. Stattdessen hat sich ein verkürztes, instrumentelles Verständnis von Interdisziplinarität herausgebildet, bei dem es vor allem darum geht, vermeintlich schnelle Problemlösungen bereitzustellen. Natürlich ist es wichtig, die drängenden Probleme in den Griff zu bekommen. Aber die ursprüngliche Bedeutung von Interdisziplinarität gerät dabei unter die Räder: Die Kritik und Selbstkritik an wissenschaftlicher Expertise, an leitenden Rationalitäten, an Sichtweisen von Natur als äußerer Ressource zur reinen Verfügung des Menschen. Unsere Nachhaltigkeitskrise ist doch eine grundlegende Kulturkrise und damit auch eine Wissenschaftskulturkrise. Man kann nicht mit derselben Rationalität die Probleme lösen, mit der sie entstanden sind. Wissenschaft und Hochschule müssen sich weiter öffnen, raus aus dem Silodenken – die Grenze zwischen Wissenschaft und Gesellschaft muss durchlässiger werden. Ursprünglich ging der Begriff Interdisziplinarität in den 1970er Jahren also davon aus – daran sollte erinnert werden – , dass nicht nur eine sektorale Umweltkrise vorliegt, sondern wir es mit einer Kultur- und Gesellschaftskrise zu tun haben.  

impact: Das hört sich nach hehren Zielen an. Welche Rolle kann bei der Umsetzung denn konkret Ihr Fachbereich in Darmstadt spielen?

Schmidt: Generell gilt: Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften haben einen gewissen Vorteil, weil sie sich nicht so sehr in Selbstisolation begeben haben, nicht so sehr in Silodenken gefangen sind wie andere. Sie haben immer schon eine starke Transferkomponente in ihrem Selbstverständnis. Heute sprechen wir ja auch von Third Mission, von zusätzlichen Aufgabe von Hochschulen für die Gesellschaft, etwa zur Nachhaltigkeitstransformation.

impact: Werden Sie ruhig konkreter: Was machen denn Sie in Ihrem Forschungsbereich, in der Wissenschafts- und Technikphilosophie?

Schmidt: Ich habe stets die Praxis im Blick. In den vergangenen 20 Jahren waren wir stark in Projekten auf den Feldern ‚Technik und Gesellschaft’ engagiert, in der Nanotechnologie, im Bereich der synthetischen Biologie und heute auch bei Künstlicher Intelligenz und Machine Learning. Überall da wird inter- und transdisziplinär gearbeitet, und diese Abläufe müssen organisiert werden. Derzeit bin ich auch in das Projekt Systeminnovation für eine Nachhaltige Entwicklung involviert, das Kolleg:innen meines Fachbereichs in Kooperation mit anderen Fachbereichen eingeworben haben. Darin wird zusammen mit Stakeholdern die nachhaltige Entwicklung in der ganzen Region vorangebracht. Als es in der Anfangsphase um das Konzept von Inter- und Transdisziplinarität ging, haben wir Schulungen angeboten, um da die Ideen voranzubringen und die konkrete Kooperation zu erleichtern.

impact: Ist Regionalität ein Schlüssel dazu, diesen großen Begriff der Interdisziplinarität konkret werden zu lassen?

Schmidt: Es ist eine der Möglichkeiten, auf jeden Fall. Man nennt das Stakeholder-Involvement: Es geht also um die Einbindung von Akteuren vor Ort, um konkrete Ziele zu erreichen. Wenn etwa Dächer begrünt werden sollen, wenn ein Urban-Gardening-Projekt startet, wenn aus Gebäuderuinen wertvolle Baumaterialien geborgen und wiederverwertet werden sollen – für alle diese Themen bietet das ein großes Potenzial.

impact: Das klingt so, als gäbe es auch ein „Aber“.

Schmidt: Richtig: Denn das Stakeholder-Involvement, diese Regionalität, ist nur ein Aspekt. Es geht bei der Interdisziplinarität zugleich um übergreifende Fragen, für die man andere, überregionale Akteure einbinden muss, so dass Nachhaltigkeitsprobleme erst gar nicht entstehen. Fragen zur Energieerzeugung, zum Einsatz von Seltenen Erden oder auch ganz konkret zu Materialien, aus denen wir besonders effiziente Flügel von Windrädern bauen können – die sind wichtig, und da reicht der regionale Rahmen häufig nicht aus. Und wer möchte, dass Nachhaltigkeitsprobleme erst gar nicht entstehen, muss Wissenschaft und Technik gestalten: denn diese haben viele der Probleme in der Vergangenheit mit erzeugt – denken Sie an die Kernenergie, die Chemie oder den Mobilitätssektor.

impact: In Ihrem Buch, das gerade erschienen ist, nehmen Sie auch eine Einordnung von Interdisziplinarität und von Transdisziplinarität vor…

Schmidt: ….und das ist für mich ein wichtiger Aspekt. In einem zentralen Kapitel geht es darum, wie wir Mensch und Natur kognitiv entwerfen und konstituieren: Sehen wir Natur als eine Maschine an, die sich im Notfall reparieren lässt? Oder gehen wir von einem Eigenwert, einer Eigenwürde der Natur aus? Diese naturphilosophischen Grundlagenfragen haben in der ursprünglichen Diskussion zu Umwelt und Nachhaltigkeit eine große Rolle gespielt, und ich finde sie immer noch bedeutend. Hans Jonas, einer der großen Biophilosophen und Umweltethiker des 20. Jahrhunderts, forderte schon 1979 in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“, dass wir ein neues gesellschaftliches Verhältnis zur Natur entwickeln müssen. Damals war klar, dass wir ein völlig anderes Konzept der Natur benötigen, als es heute oftmals aufscheint. Dieser grundlegende Wandel des gesellschaftlichen Natur- und Umweltbildes scheint mir nötiger denn je.

impact: Nämlich?

Schmidt: Wir setzen zu einseitig auf Effizienzrevolutionen und vernachlässigen Suffizienzrevolutionen. Wir nehmen an, dass wir die Dinge richten, indem wir effizientere Technologien entwickeln und entsprechend wirtschaftlich wachsen. Wenn wir hingegen von Suffizienrevolution sprechen, so wird deutlich, dass die Nachhaltigkeitskrise eine Kulturkrise ist. Früher gab es das Schlagwort „gut leben statt viel haben“ – und genau diesen Aspekt übersehen wir häufig. Hier ist ein großes Nachhaltigkeitspotenzial zu sehen.

impact: Im Wissenschaftsbetrieb hat es die Interdisziplinarität vom Außenseiterthema bis in die Mitte des Diskurses geschafft. Wie geht es mit diesem Thema weiter, was ist Ihre Prognose?

Schmidt: Uwe Schneidewind, der ehemalige Präsident des Wuppertal-Instituts, sprach einmal von einem „Klimawandel an den Hochschulen“ und meinte das im doppelten Sinne: Inhaltlich mit Blick auf die Klimathematik, aber auch in Hinsicht auf die Frage, wie wir Wissenschaft und Bildung organisieren. In Deutschland sind wir immer noch stark am Prinzip der Fächer und der Fachkulturen orientiert und nicht am Horizont der gesellschaftlichen Problemlagen. Ich gehe davon aus, dass sich Hochschulen noch mehr verändern werden, ja müssen, weil die Klima-, Nachhaltigkeits- und Energieproblematik weiter voranschreitet und einen hohen gesellschaftlichen Problemdruck ausübt. Die Herausforderungen und Chancen müssen und können wir nutzen. Da greift ein rein technikorientiertes Denken zu kurz, ebenso wie ein rein sozialwissenschaftliches. Wir müssen stattdessen die kulturellen Fundamente von Wissenschaft und Bildung, von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten – und damit sind wir im Kern der großen Interdisziplinarität.

Von Inter- und Transdisziplinarität

Es ist üblich geworden, zwischen verschiedenen Arten der Interdisziplinarität zu unterscheiden: Von starker oder auch großer Interdisziplinarität ist die Rede, wenn Natur- und Technikwissenschaften mit Sozial- oder Geisteswissenschaften kooperieren. Bei schwacher oder kleiner Interdiszplinarität arbeiten etwa Physiker mit Informatikern oder Materialwissenschaftler mit Biotechnologen zusammen.

Interdisziplinarität wird weiterhin durch verbindende Elemente oder Integrationsleistungen definiert: Wenn Wissenschaftler gemeinsam ein Thema untersuchen – seien es Nano-Objekte oder Fragen zum Kosmos, spricht man von objektorientierter Interdisziplinarität. Findet eine Methodenübertragung zwischen Disziplinen statt (wie in der Bionik, wo Technik von biologischen Lösungen lernt) oder werden gemeinsame Methoden entwickelt, liegt eine methodenorientierte Interdisziplinarität vor. Die stärkste Integration leisten gemeinsame Theorien, man denke an Selbstorganisations-, Komplexitäts- und Chaostheorien, wie sie beispielsweise für Künstliche Intelligenz und Machine Learning zentral sind. In diesen Fällen spricht man von theorieorientierter Interdisziplinarität. 

Geht es darüber hinaus um gesellschaftliche und ethische Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Transformation des Energiesystems, liegt die Integration in der Entwicklung eines gemeinsamen Problem- und Lösungsverständnisses - das ist die problemorientierte Interdisziplinarität. Gelegentlich wird hier auch von Transdisziplinarität gesprochen, insbesondere wenn nicht-wissenschaftliche Akteure aus der Praxis involviert sind, sei es aus Wirtschaft, Politik oder  Zivilgesellschaft. Somit wird deutlich, dass die problemorientierte Interdisziplinarität eine Sonderrolle spielt, die Forschung und Lehre zur Gesellschaft hin verstärkt öffnet. 

Das Buch zum Interview: Schmidt, J. (2021). Philosophy of Interdisciplinarity: Studies in Science, Society and Sustainability. Routledge, London. 

Kontakt

Michaela Kawall
Redakteurin
Hochschulkommunikation 
Tel.  +49.6151.16-38503
E-Mail: michaela.kawall@h-da.de

 

Zur Person

Jan Cornelius Schmidt ist promovierter Physiker und habilitierter Philosoph. An der Hochschule Darmstadt lehrt er Wissenschafts- und Technikphilosophie, Technikfolgenabschätzung und Nachhaltigkeitsethik. Nach seinem Physikstudium war er zunächst am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig, arbeitete anschließend im Zentrum für Interdisziplinäre Technikforschung der TU Darmstadt, ging als Associate Professor ans Georgia Institute of Technology in den USA und hat Gastprofessuren in Jena, Klagenfurt und Wien inne. Gerade ist sein neues Buch „Philosophy of Interdisciplinarity. Studies in Science, Society and Sustainability“ erschienen.