Prof. Dr. Katrin Döveling lehrt Kommunikationswissenschaften an der h_da. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Wirkung digitaler Medien auf unsere Emotionen. Ein Thema, das aktueller kaum sein könnte, denn durch die Corona-Krise hat sich der Alltag weitgehend in den digitalen Raum verlagert. Viele Studierende leiden unter Stress und Einsamkeit, stellt die Forscherin fest. Sie erklärt aber auch, wie wir unsere Gefühle positiv beeinflussen können und warum wir uns digital manchmal näherkommen als gedacht.

Ein Interview von Christina Janssen, 22.02.2021

impact: Unterlassene Hilfeleistung wurde Bildungsministerin Anja Karliczek kürzlich in einer Bundestagdebatte vorgeworfen. Hat die Politik die Studierenden in der Corona-Krise vergessen?

Döveling: Das finde ich nicht. Es wird von politischer Seite viel getan, um jungen Menschen, die jetzt in Not geraten, zu helfen. Und ich bemerke auch bei den Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule ein großes Engagement, sich auf die digitale Lehre um- und einzustellen. Das hat auch mit dem eigenen Arbeitsethos zu tun: mit der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und dabei eben niemanden im Stich zu lassen.

impact: Alles bestens also in der deutschen Bildungslandschaft...?

Döveling: Das würde ich so nicht sagen. Denn in den Schulen sehe ich große Versäumnisse. Viele Schulen sind immer noch nicht fit für den digitalen Alltag – weder technisch noch didaktisch. Eltern, die ihren Kindern zu Hause plötzlich den Mathe-Stoff der Oberstufe nahebringen sollen – und das ganz nebenbei im Homeoffice – sind oft überfordert, und Schüler aus sozial schwächeren Familien fallen durchs Raster. Im Vergleich dazu stehen wir an den Hochschulen gut da. 

impact: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit den Folgen der Corona-Pandemie für die Studierenden. Welche konkreten Aspekte untersuchen Sie?

Döveling: Für mich als Emotionswissenschaftlerin und Medienwissenschaftlerin ist das eine spannende Zeit. Ich beschäftige mich aktuell mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Emotionen der Studierenden und ihre Work-Life-Balance. Mein Schwerpunkt sind dabei die von uns allen erlebten „digitalen Welten“. Es geht also um die Frage, welche Auswirkungen die weitreichende Verlagerung unseres Lebens in den digitalen Raum, in das digitale „Weltdorf“, hat – sei es auf Facebook, Instagram, Adobe Connect oder Zoom.

impact: Was haben Sie über das Gefühlsleben der Studierenden herausgefunden?

Döveling: Manche Studierende leiden unter wirklich existenziellen Ängsten, andere weniger – je nachdem wie sie von ihren Eltern unterstützt werden. Aber Stress und Einsamkeit empfinden alle. Das macht sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar: Schlaflosigkeit, Flucht in digitale Welten, auch Einsamkeit ist ein großes und komplexes Thema. Wir erfahren am eigenen Leibe, dass wir – anthropologisch bedingt – nun einmal soziale Wesen sind und die Nähe zu anderen brauchen. Ein Teilnehmer meiner aktuellen Befragung schrieb: „Der Stress nimmt mit dem wachsenden Workload im Semester zu und ich fühle mich nicht wirklich in der Lage, einen Ausgleich zu schaffen.“ Normalerweise würden sich die Studierenden mit Freunden treffen, um auch mal zu entspannen. Stattdessen nimmt mit dem Stress nun auch die Einsamkeit zu.  

impact: Gefühle wie Stress und Einsamkeit lassen sich schwer messen. Mit welchen Methoden arbeiten Sie?

Döveling: Ich nutze Erkenntnisse der Sozialpsychologie, etwa die Befunde zu Coping (dabei geht es um Bewältigungsstrategien), Social Sharing of Emotions und Emotionsregulation. Ich diskutiere diese Themen mit den Studierenden und führe anonyme Befragungsstudien durch. Die Rücklaufquote ist bis jetzt gut. Das Bedürfnis, über die Situation zu sprechen, ist gestiegen.

impact: Emotionsregulation klingt gut. Wie kann man im Corona-Stress seine Gefühle in gute Bahnen lenken?

Döveling: Es gibt verschiedene Methoden, Einfluss auf seine Gefühlswelt zu nehmen. Das kann zum einen durch die Situationsauswahl gelingen, also dadurch, dass wir eine Situation verändern, die uns stresst oder bedrückt. Das ist zurzeit allerdings schwierig. Denn in der gegenwärtigen Situation müssen wir mit einigen unveränderbaren Tatsachen zurechtkommen – mit dem Lockdown, mit Einsamkeit, Stress im Studium oder auch materiellen Sorgen. Hier kann als Strategie die Aufmerksamkeitsverlagerung helfen: Worauf wir uns konzentrieren, beeinflusst unsere Emotionen. Wir sollten uns also auf positive Aspekte fokussieren. Die Rückmeldungen der Studierenden dazu sind sehr interessant. Viele berichten, dass sie jetzt neu zu schätzen wissen, was sonst im Alltag selbstverständlich war: ein schönes Abendessen, ein Gespräch mit der Mutter, einen strahlenden Sonnentag im Winter, Freundschaften. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir unseren Emotionen auch jetzt nicht einfach ausgeliefert sein müssen. Wir können sie positiv regulieren. Auch in diesen wirklich schwierigen Zeiten.

Prof. Dr. Katrin Döveling lehrt Kommunikationswissenschaften an der Hochschule Darmstadt (h_da)

impact: Sind Ihre Erkenntnisse zur Situation der Studierenden auf die Arbeitswelt übertragbar?

Döveling: Ich denke ja, denn sie zeigen, wie wichtig es ist, Privates zu schätzen, Zeit für Pausen einzulegen. Im Moment nehme ich zunehmend wahr, dass diese Grenze schwindet. Man setzt sich morgens mit dem Kaffee und leerem Magen an den Schreibtisch und schon geht es los: alles digital, alles medial, alles instant und manches sogar am besten noch parallel. Wir sind permanent online, permanent vernetzt, permanent gestresst. Es ist schwieriger geworden, Grenzen zu ziehen, wenn die Arbeit so ins Privatleben rückt. Umso wichtiger ist es, einen Ausgleich zu finden. Wir haben in dieser Zeit aber auch gelernt, dass wir flexibel auf die Krise reagieren können, eine Erkenntnis, die durchaus auf die Arbeitswelt übertragbar ist. 

impact: Zu dieser neuen Flexibilität gehören: Vorlesungen und Seminare über Adobe oder Big Blue Button, Team-Meetings via Zoom, Kaffeepausen mit Skype. Wie verändert das Kommunikation und Zusammenarbeit?

Döveling: Innerhalb kürzester Zeit haben sich Prozesse, Arbeitsorte, aber auch Führungsstile verändert. Heute sind wir fast ständig digital erreichbar. Es gibt aber auch positive Effekte: Ich habe den Eindruck, dass Professorinnen und Professoren durch die digitale Lehre auf gewisse Weise für Studierende sogar nahbarer, menschlicher werden, obwohl wir nicht vor Ort sind: Die Studierenden sehen unsere manchmal unaufgeräumten Arbeitszimmer. Mein Hund Charlie, der am Ende einer Lehrveranstaltung in die Kamera schauen darf und immer lieb begrüßt und bejubelt wird, schafft Nähe. Bei anderen läuft die Katze durchs Bild oder die kleine Schwester kommt ins Zimmer. So bekommen wir Einblicke in die private Welt der anderen. Besonders schön war in diesem Semester ein Moment, als in einer Pause ein Student Musik spielte und alle im digitalen Raum mit der Musik mit groovten. 

impact: Steigern digitale Tools in einigen Bereichen auch die Effizienz – zum Beispiel in diesem Moment, da wir uns für unser Gespräch virtuell „begegnen“, ohne nur einen Schritt gegangen zu sein?

Döveling: Vieles ist tatsächlich effizienter geworden: Wir kommunizieren insgesamt mehr, Fahrzeiten entfallen, sodass man sie für zusätzliche Termine nutzen kann – zum Beispiel für ein abendliches Interview… (lacht). Vor allem bei der jungen Generation der Studierenden, aber auch in bestimmten Arbeitskonstellationen zeigt sich also, dass wir es nicht dabei belassen müssen, uns mit der Situation abzufinden, sondern sie auch dynamisch nutzen können.

impact: Man kann sich beim Zoomen nicht in die Augen sehen. Wie groß ist der Schwund, was Inhalte, Zwischentöne oder auch Empathie angeht?

Döveling: Das ist eine große Herausforderung. Der Mensch braucht Gestik und Mimik, die sich, evolutionär betrachtet, über Jahrmillionen als nützlich erwiesen haben. Das geht in der digitalen Kommunikation weitgehend unter. Ich bemerke aber auch, dass sich die Studierenden in Online- Seminaren und -Vorlesungen inzwischen mehr zeigen. Das war im Sommer noch anders, als der Blick auf die schwarzen Kacheln den Tag beherrschte. Die schwarzen Kacheln waren zunächst eine Art Schutz vor dem Ungewohnten. Nun schaut man zumindest digital vermittelt in Gesichter. Ich glaube, wir alle haben bemerkt und gelernt, wie wichtig es ist, sich zu sehen. Trotzdem fehlt der direkte Augenkontakt. Dadurch bleibt das Gefühl für das Gegenüber zumindest teilweise auf der Strecke.

impact: Nicht nur die zahlreichen Online-Konferenz-Tools erleben derzeit einen Boom, sondern auch die sozialen Medien. In der Corona-Krise sind Instagram, TikTok, Twitter oder Facebook für viele mehr noch als sonst Nabelschnur zur Welt, Taktgeber, Sinnstifter, Zeiträuber, Ersatzdroge. Welche Gefahren birgt das – Stichwort fake news und mediale Überfrachtung?

Döveling: Die sozialen Medien können zu einer gewissen Leichtgläubigkeit und einem nachlässigen Umgang mit „Fakten“ verleiten. Deshalb sehe ich es als wichtigen Teil meines Lehrauftrags, dafür zu sensibilisieren: nicht alles sofort zu liken, zu glauben und zu teilen, mit Studierenden zu reflektieren, wie sie welche Information in den sozialen Medien wahrnehmen, um so das zu schnelle Weiterleiten zu vermeiden. Wir wissen aus den Studien zum Thema, dass allzu oft der Faktencheck vergessen wird, besonders dann, wenn es um emotionale Themen geht. 

impact: Sehen die Studierenden das auch so?

Döveling: Junge Mediennutzer sind sich dessen oft absolut bewusst, dass sie zu viel Zeit im digitalen Raum verbringen und ihnen der permanente Gebrauch sozialer Medien nicht guttut. Sie schaffen es aber oft trotzdem nicht, den Konsum zu reduzieren. Und derzeit ist das schwieriger denn je, denn die Social Media sind in diesen Zeiten natürlich auch das Tor zur Welt.

impact: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung auch mit den Auswirkungen der Social Media auf das Selbstwertgefühl. Im h_da-Wissenschaftsmagazin impact haben wir kürzlich darüber berichtet. Die Botschaft lautet: Je mehr Instagram, desto negativer oft das Selbstbild. Wird das durch Corona noch schlimmer?

Döveling: Ja. In meinen Seminaren geht es um diese Problematik: Die sozialen Medien können zwar durchaus positive Effekte haben. Doch die dauernde Konfrontation mit oft unrealistischen Schönheitsidealen, wie Influencer sie beispielsweise auf Instagram propagieren, kann schädlich sein, insbesondere für das Selbstwertgefühl junger Frauen. Das ist eines der Ergebnisse meiner jüngsten Forschungsarbeiten.

impact: Warum tun die jungen Leute sich das an? Sie könnten es doch einfach lassen. 

Döveling: Das hat mit dem tief in uns angelegten „Fear of Missing out“ zu tun, was in der Corona-Krise ja noch nachvollziehbarer ist als sonst: Wir wollen am Ball bleiben, nichts verpassen, wissen, was um uns herum passiert; wir möchten weiter dazugehören. Das hat den Menschen einerseits vorangebracht, es hat aber andererseits auch seinen Preis: Wir haben verlernt, im Hier und Jetzt zu sein. Wir überfordern uns. Die Evolution hat den Menschen nicht auf permanente digitale Interkonnektivität angelegt. Inzwischen sind sich aber viele dessen bewusst. Ich habe meine Studierenden – etwa im Seminar „Smartphone im Alltag von Studierenden“ – auch in der Zeit vor Corona immer wieder gefragt:  Was machen Sie eigentlich mit Ihrem Smartphone, wenn Sie mit Freunden ein Bier trinken gehen oder sich auf eine Pizza treffen? Eine Gruppe erzählte, dass sie bei solchen Treffen ihre Handys in die Tischmitte legen. Wenn dann eines klingelt, vibriert oder blinkt und der Besitzer oder die Besitzerin es in die Hand nimmt, ist eine Runde Bier fällig. Ich würde sagen: Glückwunsch, so geht es voran.

Kontakt

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.16-30112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de


Das vollständige Interview finden Sie in der Hochschulzeitung campus_d: https://h-da.dubbelspaeth.de/campus_d_25/