Wie KI uns kommunizieren lehrt

Szene mit Personen im Treppenhaus eines Bürogebäudes
Make prompts, not war

ChatGPT sollte testweise beim Fragenstellen helfen. Der Versuch ging gründlich daneben. Wer die „Schuld“ daran bei der KI sucht, wird sich im Gespräch mit dem Wirtschaftspsychologen Ingo Hamm allerdings wundern. Das Problem sitze immer vor dem Computer, meint der h_da-Professor. Im aktuellen impact-Interview erklärt er, warum wir ausgerechnet von einer Maschine lernen könnten, besser zu kommunizieren.

Interview: Christina Janssen, 15.7.2026

impact: Ich habe vor unserem Gespräch den Test gemacht und ChatGPT um zehn schlaue Interviewfragen gebeten. Ehrlich gesagt: Das Ergebnis war völlig unbrauchbar.

Prof. Dr. Ingo Hamm: Das ist lustig. Das haben einige Journalisten schon gemacht. Bei dem Thema liegt das ja nahe. Und die Reaktion war immer die gleiche.

impact: Wo liegt das Problem?

Hamm: Da sind wir schon mitten im Thema. Wahrscheinlich fehlt es an Kontext. Ich zweifle nicht generell daran, dass eine KI imstande wäre, kluge Fragen zu stellen. Aber man müsste wahrscheinlich sehr viel Arbeit reinstecken. Die meisten versuchen, in einem Satz ihren Wunsch zu formulieren: Ich hätte gerne ein Dokument. Studierende hätten gerne eine Abschlussarbeit. Man denkt, die KI ist ja schlau und wird schon wissen. Sie weiß es aber nicht. Deshalb müsste man ihr genau erklären: Das hier sind die Thesen von Herrn Hamm. Ich habe folgenden Hintergrund. Das Interview soll für eine bestimmte Zielgruppe erscheinen und so weiter. Dann werden die Ergebnisse besser.

impact: Das Problem war also ich, nicht ChatGPT.

Hamm: Genau. Das Problem sitzt immer vor dem Bildschirm.

Ohne Kontext geht es schief

impact: Da bin ich aber froh, dass wir bei diesem Interview gerade beide vor dem Bildschirm sitzen...

Hamm (lacht): Das ist genau die Erkenntnis: Wenn ich mit einem Satz reingehe und ein großes Ergebnis erwarte, bin ich oft enttäuscht. Wenn ich mir aber Mühe gebe, wenn ich mich auf einen Dialog einlasse, wenn ich bereit bin, mein Wissen zu teilen, statt in wenigen Sekunden über eine kleine App einen großen Inhalt zu erwarten. Und dieselbe Erfahrung mache ich im Büro als Expertin oder Führungskraft in der Teamarbeit: Man kann den Kollegen nicht einfach etwas über den Flur zuwerfen und sagen: Ich brauche einen Bericht bis morgen. Es geht darum, sich zusammensetzen. Was weiß ich? Was weißt du? Was ist dein Hintergrund? So geht vernünftige Kommunikation im Büro – und vor dem Bildschirm gleichermaßen.

impact: Also spreche ich mit einer KI wie mit einem Menschen?

Hamm: Das Lustige ist: Es gibt Führungskräfte, die das klare Kommunizieren im IT-Kontext inzwischen gelernt haben – aber mit Mitarbeitenden nicht. Nach wie vor nicht. Deswegen plädiere ich für dieses beidseitige Lernen. Man kann aus den technischen Aspekten einer guten KI-Bedienung etwas über gute Kommunikation lernen. Umgekehrt kann ich die Regeln guter Kommunikation auch auf eine KI-Bedienung übertragen.

KI als Spiegel unserer Kommunikation

impact: Warum ist das so?

Hamm: Für viele klingt das erst einmal überraschend. Denn die meisten vergessen, was KI ist. KIs wie ChatGPT sind Sprachmodelle. Sie basieren auf menschlicher Kommunikation – auf Dokumenten, Dialogen, Büchern, Filmen und so weiter. Man hat ja nicht Gehirne nachgebaut, sondern Kommunikation. Deswegen ist es nur folgerichtig zu sagen: Eine KI arbeitet kommunikativ – natürlich mit einem riesigen Wissensschatz –, aber sie arbeitet nach den Regeln guter Kommunikation. Wenn ich also gut mit KI kommuniziere, kann ich das auf die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation übertragen.

Zur Person
Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt (h_da). Nach seinem Studium der Psychologie und der Wirtschaftswissenschaften arbeitete er zunächst bei einer Unternehmensberatung und leitete anschließend bei einem Konzern internationale Projekte. 2015 wechselte er in die Wissenschaft. In seiner Forschung konzentriert er sich unter anderem auf die Zukunft der Arbeit. Hamm ist Autor zahlreicher Sachbücher. Zuletzt erschein sein Buch „Abenteuer: Kommunikation! Miteinander reden in der KI-Realität“. Foto: Julian Beekmann

impact: Dass dieser Gedanke Menschen möglicherweise befremdet, können Sie nachvollziehen, oder?

Hamm: Ja, weil wir über verschiedene Arten von Kommunikation sprechen. Es gibt im Alltag viel rein soziale Kommunikation. In diesem zwischenmenschlichen Bereich, auf dem Gang, in der Kaffeeküche, in der Fußgängerzone, überall auf der Welt sind wir als soziale Wesen eingebunden. Ich betrachte dagegen eine eher informative Kommunikation, die den Zweck hat, in Arbeitsbeziehungen Informationen zu teilen, Projekte und Prozesse anzustoßen, die Art der Zusammenarbeit zu regeln. Auf diese Art der Kommunikation fokussiere ich mich. Ich sage nicht, die Maschine ersetzt unsere Sozialkommunikation und unsere Menschlichkeit.

Universelle Regeln der Kommunikation

impact: Was macht denn – egal wo – gute Kommunikation aus?

Hamm: Da habe ich ein schönes Beispiel, das auf einem realen Fall beruht. Stellen Sie sich vor, eine Führungskraft, nennen wir sie Johanna, nutzt eine KI und fragt: „Was ist ein Burnout?“ Die KI würde sagen: Pass auf, folgendes sind die ersten Warnsignale. Achtung Johanna, geh doch mal lieber zum Arzt. Was niemand weiß, ist, dass Johanna gar nicht für sich selbst gefragt hat. Es ging eigentlich um einen Mitarbeiter und Johanna wollte wissen, wie sie als Führungskraft unterstützen kann. Der KI fehlte aber der Kontext. Und das ist Regel Nummer eins für gute Kommunikation: den Kontext mitzugeben. Wer bin ich? Was ist meine Rolle? Was ist meine Aufgabe? Was erwarte ich von dir? Was soll am Ende herauskommen? Was darf vielleicht nicht passieren? Das zwingt mich auch, vorher darüber nachzudenken, was ich überhaupt von meinem Gegenüber will. Das war schon immer eine goldene Regel guter Kommunikation. Wir haben sie aber in den vergangenen Jahren ein bisschen verlernt, weil wir durch digitale Kommunikation immer stärker verkürzen.

impact: Und KI bietet uns nun die Chance, Grundregeln der Kommunikation neu zu erlernen?

Hamm: Das ist meine These. Studien dazu gibt es meines Wissens aber noch nicht. Ich habe selbst die ersten Forschungsarbeiten dazu angestoßen. Interessanterweise bin ich über einen Umweg darauf gekommen. Ich habe mir angeschaut, was Informatiker dazu veröffentlicht haben, wie man KI-Systeme zu besseren Ergebnissen bringt. Und die Beobachtung war: Es sind uralte Prinzipien guter Kommunikation. Deshalb habe ich mich gefragt, warum wir diese Prinzipien dann nicht wieder zurück auf unseren Alltag übertragen?

KI jenseits von Angst-Debatten

impact: Das ist ein sehr optimistischer Blick auf das Thema KI. Die Diskussion darüber ist insgesamt eher von Kulturpessimismus geprägt.

Hamm: Ich kann nur empfehlen, den Blick auf KI psychologisch zu verändern. Nicht den muskelbepackten Terminator zu sehen, der uns irgendwann die Weltherrschaft entreißt. Sprachmodelle sind plaudernde, aber ungemein wissende Systeme. Als Dialogpartner sind sie wertvoll. Natürlich werden KI-Systeme künftig Aufgaben übernehmen, die vorher von Menschen erledigt wurden. Aber ich sehe noch lange kein System, das uns überflüssig macht oder gar entmachtet. Ich sehe wertvolle Erweiterungen vieler Technologien, die wir ohnehin nutzen.

impact: Im Interview mit der Frankfurter Rundschau haben Sie gesagt: Make Prompts, not War. Manch eine Krise ließe sich abwenden, wenn wir nur die Regeln guter Kommunikation befolgten. Aber scheitert das nicht allzu oft an Emotionen, an Trotz und Unwillen, und gerade nicht am Kommunikations-Knowhow? Menschen wie Trump oder Putin entscheiden sich sehr bewusst für eine aggressiv-destruktive Rhetorik. Und am Ende ist genau das ein zentraler Unterschied zwischen Mensch und Maschine.

Hamm: Auch das ist Psychologie. Die soziale Seite hat leider auch große Nachteile. Es gibt in der Weltgeschichte immer wieder einzelne Menschen, die unermessliches Unglück über andere bringen. Diesen menschlichen Unzulänglichkeiten kann ich wohl auch nur menschlich begegnen – mit der gesammelten Intelligenz, Klugheit und der echten sozialen Wirkmächtigkeit von Menschen. Da muss ich raus aus einer digitalen Welt und hinein in den realen Alltag. Da können und müssen wir wieder ganz Mensch sein. Das ist echte Weltbeeinflussung.

impact: Eine noch so gute „KI-Kommunikation“ kann also Kriege nicht verhindern.

Hamm: Gedanklich wahrscheinlich schon. Man hätte wunderbare Analysen bekommen, wie man vielleicht hätte handeln können. Aber letztlich ist es dann doch eine menschliche Entscheidung.

Wenn KI zur Quasselstrippe wird

impact: Wo sehen Sie persönlich die größten Potenziale von KI?

Hamm: Im Programmieren. Da werden die Systeme unheimlich gut. Man denkt zunächst: Das ist doch wahnsinnig kompliziert. Interessanterweise wird einem dabei bewusst, dass Programmiersprachen als Sprachen sehr einfach funktionieren – in Schleifen, Sprungkriterien und klaren Regeln. Deshalb verwundert es eigentlich nicht, dass KI dort besonders gut ist.

impact: Haben Sie durch die Nutzung von KI auch schon etwas Überraschendes über sich selbst gelernt?

Hamm: Über mich selbst vielleicht nicht. Aber ich habe eine wunderbare Anekdote erlebt.

Ich habe einmal versucht, eine Fokusgruppe mit KI-Agenten nachzubauen. Mehrere Systeme diskutierten miteinander, eine KI moderierte. Und das Witzige war: Die wollten gar nicht mehr aufhören zu reden. Die Moderator-KI sagte ständig: Vielen Dank, das war's jetzt. Und sofort meldete sich wieder jemand: Ich möchte noch etwas ergänzen. Und so ging das immer weiter. Ich musste das Experiment schließlich selbst beenden. Da habe ich gelernt, wie viele soziale Gepflogenheiten Kommunikation eigentlich ausmachen. Ein Moderator sagt eben nicht nur: Das war's. Er steht vielleicht auf. Im Restaurant werden die Stühle hochgestellt. Jeder weiß: Jetzt ist Feierabend. Das sind kulturelle Signale. Auch das ist Kommunikation.

impact: Das war übrigens die einzige Frage, die ich von ChatGPT übernommen habe.

Hamm (lacht): Glückwunsch an ChatGPT!

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Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
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