Designexpedition auf offener See
Sieben Tage gemeinsam auf See: Professorin Gesa Foken hat dies zusammen mit fünf Studierenden aus dem Fachbereich Gestaltung im Rahmen des Projekts „MEER Demokratie“ erlebt. Mit an Bord: Josephine Gerhardt von der freien Design-Nachhaltigkeitsinitiative „greenD“. Sie organisiert und veranstaltet die jährlichen „Seaside“-Summerschools. Ziel der Designexpeditionen: Designstudierende noch stärker zu sensibilisieren für nachhaltiges Denken und Handeln sowie für demokratische Prozesse. Ausgangspunkt der Reise war Hyère an der französischen Cote d´Azur nahe Toulon. Von hier aus ging es an Bord eines Vaka-Katamarans, eines originalgetreuen, aber hochmodernen Nachbaus eines Segelschiffes, das polynesische Seefahrer einst nutzten. Unterstützt wurde das Projekt von der Okeanos-Stiftung, die neben dem Boot auch drei erfahrene Seglerinnen finanzierte.
Von Simon Colin, 23.6.2026
„Schwankt ihr auch noch?“, fragt Prof. Dr. Gesa Foken in die Runde. Nicken und Zustimmung unter den Studierenden. „Wenn ich morgens aufstehe, laufe ich auch immer noch leicht gebückt und habe meinen Arm dabei nach vorne gestreckt“, sagt Paul Abendschein. So wie man es eben automatisch macht an Deck eines Schiffes, wenn der unermüdliche Wellengang an Bord zu spüren ist und man immer bereit sein muss, sich schnellstmöglich abzustützen.
Inzwischen bewegt sich Gesa Foken, Philosophin und Professorin für künstlerisch-gestalterische Didaktik, mit ihren Studierenden wieder auf festem Boden. Auf der idyllischen Fachbereichswiese auf der Mathildenhöhe rekapitulieren sie eine Woche, die sie alle geprägt hat. Nicht nur der Tag und Nacht anhaltende Wellengang wirkt nach, auch die Erlebnisse. Und das Leben nach der Natur, bestimmt von ihrem Rhythmus. Das hat soweit geführt, dass die meisten Studierenden nicht unter Deck geschlafen haben, sondern unter freiem Himmel. „Geweckt wurden wir vom Sonnenaufgang“, erzählt Studentin Josephine Benders.
Trügerische Idylle
„Alle Pläne des Tages hingen vom Meer ab“, führt sie weiter aus. Ankerpunkte waren die Mahlzeiten, die die Studierenden gemeinsam zubereitet und sehr bewusst genossen hatten, und das gemeinsame Segeln. In den Stunden dazwischen gab es Workshops und Diskussionsrunden, in denen die Studierenden meeresökologisches Wissen und ihre Erfahrungen beim Segeln mit den Themen Nachhaltigkeit und Demokratie zusammenbringen konnten. Einige der Workshops wurden auch von der Crew durchgeführt, die nicht nur nautisch erfahren war, sondern ebenso in Sachen Meeresbiologie und Teambuilding. „Die Crew hat uns an Bord schnell Struktur und Haltung gegeben“, sagt Professorin Gesa Foken.
Besonders eindrucksvoll waren für sie und die Studierenden die unmittelbaren, manchmal auch ganz kleinen Momente in der Natur. Student Elias Khater erinnert sich an einen zweitägigen Aufenthalt im Nationalpark Port-Cros. An diesem Tag waren die Wellen hoch und die Crew stimmte zu, mit den Studierenden noch einmal weiter raus auf See zu fahren. „Wir sind auf Deck mit dem Wellengang gesprungen und haben unsere Füße ins Wasser gehalten“, erinnert sich Elias Khater. „So ein bisschen wie Kinderglück“, fasst es Gesa Foken in Worte.
Umso stärker wirkten die Kontraste, an denen deutlich wurde, wie omnipräsent die Auswirkungen der Umweltzerstörung sind. Paul Abendschein verweist auf den Blick ins kristallklare Wasser an der französischen Südküste. Ein Urlaubsidyll. Aber auch ein Zeichen für ein ökologisches Ungleichgewicht. „Je heller der Meeresboden ist, desto weniger Pflanzen wachsen hier“, erläutert er.
Und dann waren da noch jene schwimmenden Städte, jene gigantischen, hell erleuchteten Kreuzfahrtschiffe, denen die Studierenden auf ihrer Nachtfahrt begegneten. Regelmäßig musste der Katamaran ihnen ausweichen. „Noch kilometerweit hat man ihren Motorölgeruch gerochen“, sagt Gesa Foken. Gelernt haben sie, dass deren Fahrgeräusche Meereslebewesen massiv irritieren. „Und man lebt dort an Bord ja auch vollkommen abgekapselt von der Natur“, formuliert es Paul Abendschein.
Als Parallelwelt haben die Studierenden auch das Ankern in einer Bucht kurz vor Saint-Tropez empfunden: Sie selbst auf einem vergleichsweise spartanischen Katamaran, um sie herum die dekadenten Luxusyachten, die mit ihrer Musik die gesamte Bucht beschallen und ihre Maschinen, unter anderem zur Stromversorgung der Klimaanlagen, nicht ausstellen.
Nachhaltigkeit und Demokratie hängen zusammen
„Im Grunde geht es hier auch um Ungleichheit“, bringt es Paul Abendschein auf den Punkt. Denn nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, die Betuchten bis Superreichen, können sich Kreuzfahrten und luxuriöse Yachten leisten, stören bis zerstören hiermit aber auch das ökologische und letztendlich soziale Gefüge. So erlebten die Studierenden an Bord sehr direkt, wie nachhaltige und demokratische Dynamiken zusammenhängen. In gemeinsamen Gesprächen wurden solche Erfahrungen reflektiert. Moderiert wurde dieser Austausch von Gesa Foken und Josephine Gerhardt, die die Studierenden zusammen mit greenD-Gründer Kurt Friedrich und seinem Team bereits im Vorfeld der Designexpedition für die Erfahrungen an Bord sensibilisiert und vorbereitet hatten.
Die Gruppe war hierbei selbst eine kleine demokratische Einheit, die zusammen funktionieren sollte. Klar definierte Aufgaben strukturierten das Miteinander auf See. „Wir mussten uns aufeinander verlassen können“, sagt Gesa Foken. Josephine Benders ergänzt: Wir waren auf engem Raum beieinander, trotzdem gab es viel Platz für die einzelnen Bedürfnisse.“ Übertragen hatten die Studierenden diesen demokratischen Ansatz schnell auch auf ihr Verständnis für Design. „Produkte sollte man so denken, dass sie allen gerecht werden“, findet Paul Abendschein. Hierzu zählen seinem Verständnis nach nicht nur die Nutzenden, sondern auch jene, die möglicherweise unter der Produktion leiden, zum Beispiel beim Abbau Seltener Erden, die unter anderem für die zunehmende Elektromobilität benötigt werden.
„Wie weit müssen wir alle mithalten mit dem technologischen Fortschritt?“, stellt schließlich Professorin Gesa Foken als übergeordnete Perspektive in den Raum und erntet Zustimmung. Die erst in den Kinderschuhen steckende KI beispielsweise verbrauche Unmengen an Wasser. Dass Verzicht im Kleinen funktionieren kann, bewiesen die Studierenden selbst: während der Zeit auf See pflegten sie eine digitale Pause und hatten nur sehr begrenzt Zugriff auf ihre Smartphones.
Alle mitnehmen
Professorin Gesa Foken möchte ihre Erlebnisse auf See nun auch in ihre künftige didaktische Arbeit einbringen: „Wie kann Lehre so gut funktionieren, dass sie alle mitnimmt?“, fragt sie sich. Die Studierenden wünschen sich wiederum, dass sich die erlebte Solidarität an Bord sowie die Sensibilisierung für die Zusammenhänge von Lebenswelt, Demokratie und letztendlich Design auch auf die Gesellschaft insgesamt übertragen ließe.
„Dabei möchten wir im Blick behalten, was letztlich im Zentrum allen gestalterischen Handelns stehen muss: die Erde“, sagt Josephine Gerhardt. „Sie ist die begrenzte und zugleich unverzichtbare Grundlage allen Lebens – Quelle von Schönheit, Luft, Wasser, Nahrung und Ressourcen. Wenn Designausbildung den Anspruch erhebt, Zukunft mitzugestalten, muss sie von dieser Realität ausgehen.“
An all dem möchten sie nun gemeinsam weiter anknüpfen und ihre Erlebnisse und Erkenntnisse weitergeben. Erneut unterstützt von greenD und Okeanos planen sie hierzu im Rahmen des World Design Capital Frankfurt Rhein-Main (WDC) am 15. Juli im Museum für Angewandte Kunst eine öffentliche Dialogwerkstatt (siehe Kasten). Ihre Designexpedition geht also weiter – vom Meer an den Main.
„MEER Demokratie: Social Design auf und mit dem Meer“
Öffentliche Dialogwerkstatt im Rahmen des World Design Capital Frankfurt Rhein-Main
Termin: Mittwoch, 15.07., 11-20 Uhr
Ort: Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt
Anmeldung und Infos:
https://wdc2026.org/de/events/social-design-auf-und-mit-dem-meer-oder-dialogwerkstatt
Kontakt zur Wissenschaftsredaktion
Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
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