EUT+ experience in Cassino
Drei Wochen als Gastprofessor in Italien, intensives Netzwerken und Aha-Momente im Aufzug: Mathematik-Professor Heiko Rochholz von der h_da hat während seines Aufenthalts an der Università degli Studi di Cassino e del Lazio Meridionale (UNICAS) erlebt, was die European University of Technology (EUT+) ausmacht. Im impact-Interview erzählt er, warum er sich in Cassino nicht als Gast, sondern als Teil einer Familie gefühlt hat, welche Herausforderungen er für EUT+ sieht – und warum Internationalität für ihn an erster Stelle steht.
Interview: Christina Janssen, 23.4.2026
impact: Herr Rochholz, drei Wochen Italien im Frühjahr – das klingt nach einem schönen Urlaub.
Prof. Dr. Heiko Rochholz: Ich habe das schöne Wetter sehr genossen, aber Urlaub war es nicht. Ich war an der UNICAS drei Wochen lang am Fachbereich Economics and Law als Lehrender im Masterstudiengang Global Business and Economics tätig. Dort habe ich die Veranstaltungen Mikroökonomik und Service Management übernommen. Das waren reguläre Lehrveranstaltungen, also Teil des normalen Lehrbetriebs an unserer EUT+-Partneruniversität.
Zwischen Hörsaal und Weltpolitik
impact: Was war Ihr erster Eindruck, was war neu oder überraschend anders?
Rochholz: Es hat sofort Spaß gemacht, aber man spürt gleich, dass kulturell vieles anders ist. Auch die Internationalität fühlt sich anders an, weil die Zusammensetzung der Studierenden eine andere ist als bei uns an der h_da.
impact: Inwiefern anders?
Rochholz: Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die UNICAS sehr bunt ist, sehr vielfältig und international aufgestellt. Das hat mir gut gefallen. Ich hatte zum Beispiel Studierende aus Indien in meinem Kurs, aber auch aus Regionen im Nahen Osten, teilweise aus Kriegsgebieten. Dann geht es plötzlich um Themen, die ich in Darmstadt meist nicht so konkret zu spüren bekomme etwa dass das Internet in den Heimatländern von Studierenden eingeschränkt ist, dass sie keinen Kontakt zu ihren Familien haben und Banküberweisungen von ihren Eltern unterbrochen sind. Das sind Situationen, die eine ganz andere Realität in den Hörsaal bringen. Das erlebe ich in Darmstadt bislang eher selten.
impact: Wie haben Sie Campus und Umgebung erlebt?
Rochholz: Der Campus ist kompakter und die Stadt Cassino mit 35.000 Einwohnern deutlich kleiner als Darmstadt, aber überraschend lebendig – gerade was Gastronomie angeht! Und die Anbindung ist wirklich hervorragend. Ich konnte ganz unkompliziert Rom und Neapel erreichen und war zum ersten Mal in meinem Leben in Pompeji, das war sehr beeindruckend. In Rom bin ich einen ganzen Tag durch die Stadt gelaufen, das waren ziemlich genau 40.000 Schritte. Danach hatte ich mir das Abendessen mit meinem italienischen Kollegen Professor Sergio Nistico wirklich verdient.
Aha-Moment im Aufzug
impact: Gab es auch Momente, in denen Sie sich erst einmal zurechtfinden mussten?
Rochholz: Ja, definitiv – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das Gebäude hat mehrere Bereiche, die in den oberen Etagen voneinander getrennt sind. Man muss unten schon wissen, welchen Aufzug man nimmt, um oben an der richtigen Stelle rauszukommen. Ich bin am Anfang einfach in irgendeinen Aufzug gestiegen, stand dann oben und kam nicht weiter. Das war wie ein kleines Labyrinth.
impact: Das hat ja fast etwas Metaphorisches.
Rochholz: Ja, tatsächlich. Man findet sich Schritt für Schritt zurecht – sowohl im Gebäude als auch im System, in der European University. Aber genau das macht es auch spannend.
„Ich komme nicht als Gast“
impact: Was bleibt Ihnen am eindrücklichsten in Erinnerung?
Rochholz: Das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Man kommt dort nicht als Gast rein, sondern wird direkt als Teil der EUT+-Familie aufgenommen. Dadurch habe ich Italien so intensiv erlebt wie noch nie. Man lernt die Leute und den Uni-Betrieb ganz anders kennen, viel persönlicher, das ist einfach toll.
impact: Was heißt das konkret?
Rochholz: Man wird durch EUT+ überall sofort eingebunden – ich hatte mit dem Erasmus-Team zu tun, war in der Verwaltung von Personal bis Forschung unterwegs, bei vielen Kolleginnen und Kollegen. Ich wurde immer direkt als Teil der Belegschaft wahrgenommen. Und genau dieses Gefühl macht einen großen Unterschied.
Heiko Rochholz ist seit Oktober 2025 als Professor an der h_da tätig, aktuell im Rahmen einer Vertretungsprofessur. Er studierte Physik und promovierte am Max-Planck-Institut für Polymerforschung. Parallel dazu beschäftigte er sich intensiv mit betriebswirtschaftlichen Themen. Anschließend war er mehr als 20 Jahre in der chemischen Industrie tätig, unter anderem bei Evonik und bei der Chemischen Fabrik Budenheim, einem Unternehmen der Dr. Oetker Gruppe. Während dieser Zeit war er bereits als Lehrbeauftragter an der h_da aktiv und bringt nun seine Erfahrung aus internationaler Industriepraxis und Lehre auch in die EUT+-Allianz ein.
Zusammenarbeit mit interdisziplinärer Perspektive
impact: Hat Ihr Aufenthalt auch zu konkreten Folgeprojekten geführt?
Rochholz: Ja, absolut. Wir haben die Grundlage geschaffen, um die Zusammenarbeit weiter auszubauen. Ich führe in diesem Semester ein Seminar durch und plane, im September eine Arbeitswoche mit den Studierenden aus Darmstadt in Cassino. Jeder Teilnehmer arbeitet mit einem Partner aus Cassino ein Semester lang an einem Projekt zusammen. Das ist eine unglaublich intensive Erfahrung für alle.
impact: Worum wird es dabei gehen?
Rochholz: Das Seminar heißt International Business. Die Idee ist, italienische Studierende aus der Betriebswirtschaft mit deutschen Studierenden aus der Angewandten Mathematik und Data Science zusammenzubringen. Wir haben hier in Darmstadt viele Studierende, die analytisch stark sind und nach Anwendungsmöglichkeiten suchen. In der Betriebswirtschaft gibt es genau diese Fragestellungen. Wo Ökonomen an methodische Grenzen stoßen, setzen unsere Data Scientists und Angewandten Mathematiker an.
Chancen – und Baustellen
impact: Wo sehen Sie aktuell Herausforderungen für die Mobilität innerhalb von EUT+?
Rochholz: Es fühlt sich einiges noch nicht wie eine gemeinsame Universität an, sondern eher wie neun einzelne. Das merkt man zum Beispiel an den Websites – die sind unterschiedlich aufgebaut, in verschiedenen Sprachen, und es ist nicht leicht, sich zurechtzufinden. Aber das ist natürlich eine größere Baustelle…
impact: Und im praktischen Arbeiten?
Rochholz: Da stoße ich gerade auf ganz konkrete Themen: Wir nutzen zum Beispiel in der Lehre unterschiedliche Plattformen – an der h_da arbeiten wir mit Moodle, in Cassino wird Google Classroom genutzt. Wenn ich ein gemeinsames Seminar für beide Hochschulen mache, muss ich beide Systeme parallel bedienen. Ich fungiere also als Schnittstelle und halte die Informationen synchron. Eine gemeinsame Plattform wäre hier hilfreich.
impact: Gibt es noch weitere Punkte?
Rochholz: Auch die administrativen Prozesse für so einen Gastaufenthalt sind teils noch recht aufwändig. Es ist eben mehr als eine normale „Dienstreise“, weil man vor Ort einen Vertrag bekommt, der abgestimmt werden muss. Das ist völlig nachvollziehbar und nicht trivial.
Internationalisierung als Gamechanger
impact: Warum engagieren Sie sich so begeistert für EUT+?
Rochholz: Ich habe mehr als 20 Jahre in der chemischen Industrie gearbeitet, und das ist ein globales Geschäft. Man arbeitet mit Kunden, Produktionsstätten und Lieferketten weltweit. Deshalb ist es mir wichtig, Studierende früh an diese internationale Realität heranzuführen.
impact: Geht es dabei nur um wirtschaftliche Aspekte?
Rochholz: Nein, auch um gesellschaftliche. Gerade in Zeiten, in denen wir wieder stärkere nationale und nationalistische Tendenzen sehen, ist es wichtig, Offenheit und Zusammenarbeit zu fördern, denn das ist die Basis für globalen Wohlstand, Nachhaltigkeit und Frieden. EUT+ ist dafür ein sehr konkretes Instrument.
impact: Was ist aus Ihrer Sicht der größte Benefit für die Hochschulen?
Rochholz: Dass es EUT+ überhaupt gibt. Ich war im letzten Jahr u.a. auf einem großen Forum von Hochschuldozentinnen und -dozenten, wo wir unter anderem die Frage diskutiert haben, wie sich Hochschulen weiterentwickeln können. Fast alle haben mit sinkenden Studienzahlen zu kämpfen, gerade in den MINT-Fächern. Und alle betrachten die Internationalisierung als Teil der Lösung. Da sind wir mit EUT+ mehrere Schritte voraus und haben bereits konkrete, sichtbare Erfolge, während andere Hochschule teilweise nicht wissen, wie sie das Thema überhaupt angehen sollen.
impact: Und was hat der Aufenthalt in Cassino fachlich gebracht?
Rochholz: Ich sehe durch EUT+ Anknüpfungspunkte, die ich hier an der h_da nicht habe – obwohl wir nicht gerade eine kleine Hochschule sind: zum Beispiel die Möglichkeit, Brücken zu Firmen im Ausland zu bauen. Ich war letztes Jahr mit Studierenden an unserer EUT+-Partnerhochschule in Riga, dort haben wir unter anderem Unternehmen analysiert. Und dadurch habe ich jetzt persönliche Kontakte zu Firmen in Lettland. So können wir unser Rhein-Main-Netzwerk erweitern. Das ist enorm. In Cassino haben wir nun gemeinsam ein neues Verständnis entwickelt, wie wir zusammenarbeiten können, und damit die Möglichkeit geschaffen, quasi die Gleise für die Studierenden zu verlegen. Das reicht von der Lehre bis hin zu vernetzten Forscher-Communities.
EUT+ in drei Worten
impact: Wenn Sie EUT+ in drei Stichworten beschreiben müssten…?
Rochholz: Mein erster Punkt ist: Europa pur. Ich erlebe hier unmittelbar, wie unterschiedliche Kulturen zusammenkommen und gemeinsam arbeiten. Das ist keine abstrakte Idee, sondern gelebter Alltag. Zweitens: Chance. Studierende bekommen Zugang zu internationalen Erfahrungen und Netzwerken, die sie sonst nicht hätten. Das ist auch im Hinblick auf ihre spätere berufliche Entwicklung wichtig. Und drittens: Campus. Es entsteht ein gemeinsamer europäischer Campus, auf dem man sich als Teil eines großen Ganzen fühlt mit all seinen Möglichkeiten. Genau dieses Zugehörigkeitsgefühl ist entscheidend.
Was ist EUT+?
Die European University of Technology (EUT+) ist ein Zusammenschluss von neun europäischen Hochschulen. Ziel ist es, eine Europäische Hochschule zu schaffen – mit vernetzten Studienangeboten, gemeinsamer Forschung und internationaler Mobilität für Studierende und Mitarbeitende. Schwerpunkte:
- Internationale Zusammenarbeit in Lehre und Forschung
- Austauschprogramme und gemeinsame Studienformate
- Förderung von Mehrsprachigkeit und interkulturellen Kompetenzen
- Stärkung der europäischen Idee im Hochschulkontext
Kontakt zur Wissenschaftsredaktion
Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de
Interessiert an einem Austausch im EUT+-Verbund?
Koordinator EUT+/h_da
Dr. Jorge Medina
Tel.: +49.6151.533-60298
E-Mail: coordinator-eutplus@h-da.de