Klimawandel und Social-Media-Algorithmen

Eine Gruppe junger Leute, nebeneinander an einer roten Mauer lehnend, mit Handys in der Hand
Zwischen Anspruch und Algorithmen

Algorithmen entscheiden heute mit, welche Themen sichtbar werden – und welche nicht. Für Journalistinnen und Journalisten, insbesondere im Bereich Social Media, sind sie zu einer zentralen, aber kaum kalkulierbaren Größe geworden. In ihrer Promotion an der Hochschule Darmstadt (h_da) untersucht Media-Doktorandin Vanessa Kokoschka, wie Algorithmen journalistische Entscheidungen beeinflussen – ausgerechnet dort, wo Qualitätsjournalismus besonders herausgefordert ist: auf Social Media. Am Beispiel des Themas Klimawandel geht Kokoschka außerdem der Frage nach, wie man jungen Menschen komplexe Themen überhaupt noch nahebringen und wie die „Brokkoli-Methode“ dabei helfen kann.

Von Christina Janssen, 22.1.2026

Im Zentrum von Vanessa Kokoschkas Arbeit steht eine einfache, aber folgenreiche Frage: Wie beeinflussen Algorithmen redaktionelles Handeln? Konkret untersucht sie Social-Media-Formate, die sich mit Klimapolitik und Klimawissenschaft beschäftigen – auf Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube, also dort, wo vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer Nachrichten konsumieren.

Dafür beobachtete Kokoschka als „embedded scientist“ die Arbeit der Deutschen Welle in Berlin, wo das Format Planet A für TikTok und YouTube produziert wird. Zudem nahm sie die Redaktion des WDR-Instagram-Formats „klimaneutral“ in Düsseldorf unter die Lupe. Beide Teams arbeiten nahezu ausschließlich für digitale Plattformen. „Zwar werden einzelne Inhalte später auch fürs lineare Programm adaptiert“, erläutert die junge Wissenschaftlerin. „Der primäre Kanal dieser Redaktionen sind aber klar die sozialen Medien.“ Um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen, führte Kokoschka für ihre Dissertation außerdem eine umfassende Inhaltsanalyse von klimajournalistischen Formaten auf Social Media und eine Interviewstudie mit Journalisten aus unterschiedlichen Medienhäusern durch.

Besonders interessiert Kokoschka, wie Redaktionen Metriken interpretieren: Abbruchraten, Reichweiten, das Engagement von Usern durch Klicks oder Kommentare. „Welche Kennzahlen gelten als relevant? Welche Schlüsse werden daraus gezogen? Und wie fließen diese Erkenntnisse in die weitere Produktion ein?“, umreißt Kokoschka zentrale Fragestellungen ihrer Forschung. In Redaktionskonferenzen beobachtete sie, wie Zahlen zu Deutungsangeboten werden – und wie aus diesen Deutungen neue dramaturgische Entscheidungen entstehen.

Dabei zeigt sich: Redaktionen bewegen sich in einem Feld großer Unsicherheit. „Niemand weiß genau, wie die Algorithmen funktionieren, dennoch richten sich viele Arbeitsprozesse an ihnen aus“, sagt Kokoschka. Sie beschreibt dieses Verhältnis als eine Mischung aus Pragmatismus und permanentem Rätselraten – oft geprägt von Trial and Error. In einem der Experten-Interviews, die Kokoschka für ihre Dissertation führte, verglich ein Redakteur den heutigen Blick auf die Algorithmen deshalb mit dem mittelalterlichen Gottesbild: Wenn etwas gut läuft, hat man alles richtig gemacht und wird dafür belohnt. Wenn es schlecht läuft, hat man den Algorithmus erzürnt und wird abgestraft.

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Besonders groß sei die Verunsicherung durch die „Allmacht“ der Algorithmen in einer Phase gewesen, in der Instagram politische Inhalte zeitweise drosselte, berichtet Kokoschka. Die Reichweiten sanken spürbar, der Druck auf die Redaktionen stieg. „In der Folge wurden Strategien entwickelt, um Aufmerksamkeit zurückzugewinnen: stärker polarisierende Einstiege, prominente politische Akteure, zugespitzte Bildmotive.“

Man darf sich also nicht wundern, wenn etwa Politiker wie Markus Söder oder Christian Lindner in Klimaposts auftauchen: Das hat dann weniger mit ihren klimapolitischen Positionen zu tun als mit ihrem Mobilisierungspotenzial. Kokoschka betont, dass diese Vorgehensweise nicht zwangsläufig mit einer inhaltlichen Verflachung einhergeht. Häufig dienen diese knalligen Elemente nur als „Lockstoff“, zum Beispiel als erstes Slide in einem Karussell-Post. Erst danach folgt der eigentliche journalistische Inhalt, faktenbasiert und nach klassischen journalistischen Qualitätskriterien.

Das Eigenleben der Algorithmen

Social-Media-Algorithmen entscheiden automatisch, was welchem Nutzer angezeigt wird – nach Kriterien, die sich ständig ändern. Für Redaktionen sind die dahinterliegenden Mechanismen kaum durchschaubar. Selbst Profis können nicht erklären, warum ein Post läuft, ein anderer aber nicht. Erfolg lässt sich so nicht verlässlich planen, die Reichweite ist volatil: Gute Inhalte können untergehen, mittelmäßige viral gehen – Timing, Nutzerverhalten und Zufall spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Reichweite, also der messbare „Erfolg“ eines Posts oder Beitrags, hat deshalb nichts mit der (journalistischen) Qualität zu tun. Sie ist das Ergebnis eines komplexen, unberechenbaren Systems.

Ein weiterer Trick im alltäglichen Kampf um die Aufmerksamkeit ist die „Brokkoli-Methode“: Wie Eltern gesundes Gemüse im Essen verstecken, versuchen Redaktionen, Klimathemen so zu vermitteln, dass sie algorithmisch nicht sofort „abgestraft“ werden. „Begriffe wie ‚Klimakrise‘ oder ‚Klimawandel‘ werden vermieden, ohne dass die inhaltliche Aussage verloren geht“, beobachtet Kokoschka. Der Brokkoli bleibt – er liegt nur nicht offen auf dem Teller, sondern „snackable“ in einen Brei hineingerührt.

Inhalte bleiben, die Form verändert sich

Ein Ergebnis von Kokoschkas Arbeit ist also die Erkenntnis, dass man zwischen Verpackung und Inhalt differenzieren muss: Zwar beeinflussen Algorithmen die Dramaturgie, das Layout und den Einstieg von Beiträgen, die Themenhoheit bleibt jedoch – zumindest in den Qualitätsmedien – bei den Redaktionen. Auch Inhalte, von denen klar ist, dass sie geringe Reichweite erzielen werden, werden weiterhin produziert – aus journalistischer Verantwortung.

Der Einfluss der Algorithmen auf die Inhalte zeigt sich daher weniger im Ob als im Wie. Gerade beim Thema Umweltpolitik, das oft mit negativen Assoziationen wie Verboten oder Katastrophen verbunden ist, stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Klimapolitik ist – jenseits von kleinen, auf Eisschollen dahintreibenden Eisbären – schwer zu bebildern. Sie erzeugt wenig unmittelbare emotionale Nähe und konkurriert auf Social Media mit anderen, stark zugespitzten politischen Themen. „YouTube bietet hier noch vergleichsweise viel Raum für Tiefe: Längere Videos werden häufig bewusst konsumiert“, so Kokoschka. „Auf Plattformen wie TikTok entscheiden dagegen wenige Sekunden darüber, ob ein Inhalt überhaupt wahrgenommen wird.“ Verkürzung ist dort kein Trend, sondern strukturelle Notwendigkeit.

Kindheitstraum Journalismus

Mit ihrem Studium des Onlinejournalismus hat sich Kokoschka, wie sie sagt, einen Kindheitstraum erfüllt. „Das ging schon los, als ich in der Grundschule bei der Schülerzeitung mal die Chefredakteurin spielen durfte“, erinnert sich die 28-Jährige. Während des Studiums sammelte sie dann umfangreiche Praxiserfahrung im Lokaljournalismus und arbeitete unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur. „Das heißt schnelles Arbeiten, hoher Zeitdruck, absolute Faktentreue – das war sehr herausfordernd und eine gute Schule in Sachen Stressresistenz.“ Nach dem Master entschied sich Kokoschka bewusst für den Weg in die Wissenschaft und schloss direkt eine Promotion an – ermöglicht durch eine feste Stelle an der h_da, die auch die Betreuung von Lehrveranstaltungen beinhaltet. Ihr Wissen gibt sie also schon jetzt mit Begeisterung an jüngere Studierende weiter.

„Langfristig kann ich mir eine Professur vorstellen“, sagt Kokoschka zu ihren beruflichen Zielen. Zu-nächst aber möchte sie in den nächsten Jahren Berufserfahrung in der Praxis sammeln – im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder in der Unternehmenskommunikation. Diese Offenheit spiegelt auch ihr Blick auf die Zukunft des Journalismus wider: kritisch, aber nicht kulturpessimistisch. Für die Zukunft der Branche zeichnet die Nachwuchswissenschaftlerin ein nüchternes Bild: „Ökonomischer Druck, Stellenabbau und der Einsatz von KI verändern die Branche spürbar.“

Verantwortung großer Medienhäuser und Parteien

Trotzdem sieht Kokoschka den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die großen Verlagshäuser in der Verantwortung, gerade auf Social Media verlässliche Informationen bereitzustellen. Das gelte im Übrigen auch für die Parteien: „Wenn wir sehen, wie viele Stimmen die AfD über Social Media gewinnt, und wie die Linkspartei von TikTok profitiert, stellt sich die Frage: Was macht die politische Mitte?“ Kokoschka zitiert eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Sie kam zu dem Schluss, dass die Parteien an den politischen Rändern vor allem von der „Social-Media-Schwäche“ der anderen profitieren. „Da sollte man also mehr investieren.“

Algorithmen sind dabei weder Heilsversprechen noch Untergangsszenario. Sie sind Rahmenbedingungen, mit denen Journalismus umgehen muss. Wie gut das in den Redaktionen gelingt, entscheidet sich weniger im Code von Algorithmen als in den redaktionellen Entscheidungen, die täglich von Menschen neu getroffen werden.

Kontakt zur Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de