Platz der Kinderrechte Eltville

Kinder knien im Rathausaal auf dem Boden und zeichnen und beschreiben ihre Entwürfe für den Platz der Kinderrechte.
Modell für die Stadt von morgen

Wie können öffentliche Räume aussehen, die Kindern gerecht werden und zugleich dem Klimawandel standhalten? In Eltville am Rhein haben Stadt, die Hochschule Darmstadt (h_da) und junge Menschen ein gemeinsames Reallabor gestartet. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts liegt im Studiengang Public Management der h_da; Forschende und Studierende aus weiteren Fachbereichen bringen ebenso ihre Expertise ein.

Von Christina Pfänder, 27.3.2026

In der Kurfürstlichen Burg in Eltville geht es an einem Nachmittag Ende März nicht um Geschichte, sondern um Zukunft. Stellwände, Legokisten und vier Thementische füllen den Plenarsaal. Verantwortliche der Stadt, Forschende verschiedener Fachbereiche der h_da sowie Kinder und Jugendliche sind zum Auftakt eines besonderen Projekts zusammengekommen: Gemeinsam entwerfen sie erste Ideen für einen „Platz der Kinderrechte“ – einen Ort, der auch an heißen Tagen angenehm kühl bleibt und jungen Menschen Raum zum Spielen, Treffen und Verweilen bietet. Die rund 35 Teilnehmenden diskutieren, zeichnen und bauen Modelle, sammeln Vorschläge und verteilen Aufgaben für die kommenden Monate. Schülerinnen und Schüler arbeiten von Anfang an mit – und bringen ihre eigenen Vorstellungen für „ihren“ Platz ein.

Koordiniert wird das auf drei Jahre angelegte Projekt „Platz der Kinderrechte: Klimaadaptive Stadträume mit Kindern gestalten“ von Dr. Eszter Tóth, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Public Management am Fachbereich Wirtschaft der h_da. Die Wissenschaftlerin verfügt über umfangreiche Erfahrung in Projekten, bei denen junge Menschen ihre Stadt aktiv mitgestalten. „Viele Kommunen beschäftigen sich damit, wie sie sich an Hitze oder Starkregen anpassen können“, sagt Tóth. „Doch Kinder und Jugendliche, die diese Veränderungen am längsten erleben, werden dabei selten systematisch einbezogen.“

Der geplante Platz soll deshalb nicht einfach nur gestaltet und dann sich selbst bzw. den Kindern überlassen, sondern wissenschaftlich weiter begleitet werden: Auf einer bislang stark versiegelten Fläche in unmittelbarer Nähe zu Schulen, Kindergärten und Jugendtreff wird so erprobt, wie ein klimaangepasster Stadtraum konkret aussehen kann. Bäume, Schatten, wasserdurchlässige Flächen und Orte zum Spielen und Verweilen: Die Hochschule untersucht, wie Kinder und Jugendliche an der Gestaltung klimaresilienter Stadträume beteiligt werden können – und wie diese Prozesse als gemeinsame Lernräume für Kinder, Studierende und Verwaltung wirken. Die Ergebnisse sollen wissenschaftlich ausgewertet werden und anderen Kommunen als Modell dienen. Gefördert wird das Vorhaben im Rahmen der Initiative „Transformative Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Gewinn für alle Generationen

Im Projekt ist vorgesehen, Mitarbeitende aus verschiedenen Fachbereichen der Stadtverwaltung sowie rund 350 Kinder aus der Umgebung einzubeziehen – darunter aus Kindergärten, Schulen, dem Bethanien Kinderdorf Eltville und dem örtlichen Jugendzentrum. Statt fertiger Entwürfe bringt das Planungsteam zunächst Materialien, Fragen und viel Zeit mit. „Wir werden Ideen und Methoden gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen spielerisch vor Ort entwickeln“, erklärt Tóth. Auch etwa 100 Studierende verschiedener Fachbereiche der h_da – darunter Soziale Arbeit, Wirtschaft, Architektur sowie Bau- und Umweltingenieurwesen – arbeiten phasenweise mit und erleben dabei, wie wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in kommunale Praxis einfließen.

Wie ernst die Mitwirkung junger Menschen genommen wird, zeigt sich auch daran, dass der Vorsitzende des Kinder- und Jugendbeirats, der 16-jährige Wolf Gutberlet, Mitglied der Steuerungsgruppe ist. Dort vertritt er die Interessen Gleichaltriger aus Schulen und Treffpunkten der Stadt. „Es geht darum, Wege zu finden, wie man Jugendliche wirklich erreicht und nicht nur über sie spricht“, sagt er. Der Jugendbeirat verstehe sich als Bindeglied zwischen jungen Menschen und Verwaltung. „Wenn unterschiedliche Gruppen und Generationen zusammenkommen, treffen verschiedene Lebenswelten aufeinander – das finde ich sehr spannend, und daraus können gute Lösungen entstehen.“ Für Gutberlet soll der neue Platz ein Ort werden, an dem man sich trifft oder einfach Zeit verbringt – mit Grünflächen, Sitzmöglichkeiten und Angeboten für verschiedene Altersgruppen. „Wenn man etwas für junge Menschen verbessert, profitiert am Ende die ganze Stadt“, sagt er. „Gerade bei Hitze brauchen alle Orte, an denen man sich aufhalten kann – nicht nur Kinder, sondern auch ältere Menschen.“

Dass Kinder und Jugendliche in Eltville regelmäßig in kommunale Entscheidungen einbezogen werden, ist Teil einer langfristigen Strategie. Seit 2021 trägt die Stadt das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ und verpflichtet sich damit, die UN-Kinderrechtskonvention umzusetzen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Stabstelle Kinderfreundliche Kommune. Die Idee für einen „Platz der Kinderrechte“ stammt von deren Leiterin Ursula Wolf. Ihr geht es nicht um symbolische Aktionen, sondern um tatsächlichen Einfluss. „Echte Partizipation bedeutet auch, Macht abzugeben“, sagt Wolf. „Kinder und Jugendliche sollen ihre Stadt nicht nur nutzen, sondern aktiv mitgestalten können.“ Gleichzeitig soll der neue Platz sichtbar machen, dass Kinderrechte im Alltag eine Rolle spielen – und dass Städte auch für kommende Generationen geplant werden müssen.

Vertrauen in politische Prozesse stärken

Für die Umsetzung hat Eltville die h_da als Partnerin gewonnen – eine Zusammenarbeit, die auf langjährigem Vertrauen basiert. „In unserem Studiengang Public Management bilden wir Menschen aus, die später in Verwaltungen Verantwortung übernehmen und komplexe Aufgaben steuern“, sagt Prof. Dr. Friederike Edel, Studiengangsleiterin. Dazu gehöre auch, Interessen abzuwägen und Beteiligungsprozesse zu gestalten. „Projekte wie das Reallabor in Eltville zeigen sehr konkret, wie solche Aufgaben in der Praxis aussehen.“ Die Einbeziehung junger Menschen, die mit den Folgen heutiger Entscheidungen am längsten leben werden, verändert dabei die Perspektive: „Sie bringt einen deutlich längeren Zeithorizont ein“, betont Edel. „Dadurch kommen Aspekte auf den Tisch, die sonst leicht übersehen werden.“ Gleichzeitig erleben die Jugendlichen, dass ihre Ideen berücksichtigt werden. „Wenn sie sehen, dass aus ihren Vorschlägen später ein realer Ort entsteht, stärkt das ihre Zuversicht in demokratische Prozesse und in die Handlungsfähigkeit von Verwaltung“, sagt Edel.

Auch Eltvilles Bürgermeister Patrick Kunkel ist überzeugt: Wer junge Menschen beteiligt, baut Vertrauen in die Politik auf – und zeigt ihnen, dass Engagement Wirkung hat. Das fördere auch die Bereitschaft, später Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Zugleich sieht er die Kommunen vor neuen Herausforderungen. „Mit den Rezepten von vor 20 oder 30 Jahren lässt sich eine Stadt heute nicht mehr führen“, erklärt er. Gerade beim Klimawandel werde das besonders deutlich: „Wir spüren die Folgen bereits heute sehr konkret“, sagt Kunkel. „Als Weinanbauregion ist Eltville davon in besonderer Weise betroffen.“ Projekte wie der „Platz der Kinderrechte“ seien daher mehr als ein lokales Vorhaben. Sie zeigten, wie sich Klimaanpassung, Aufenthaltsqualität und Mitgestaltung verbinden lassen. „Nur wenn die Menschen solche Veränderungen mittragen, können wir sie auch erfolgreich umsetzen.“

Spielplatz, Eisdiele und viel Schatten

Wie dieser neue Ort einmal aussehen könnte, zeigen die Wünsche der jüngsten Teilnehmerinnen. Die neunjährige Diana Yurchenko wünscht sich vor allem „einen großen Spielplatz, eine Eisdiele und viele schattige Plätze für heiße Sommertage“. Gleichzeitig beschäftigt sie der Umgang mit der Natur: „Ich finde es schade, wenn Bäume gefällt werden“, sagt sie. „An dem neuen Platz möchte ich spielen können, ohne dass die Umwelt darunter leidet.“ Sofia Gorobetc, zehn Jahre alt, verbringt ihre Freizeit am liebsten im Garten. „Mein Hobby ist Gärtnern, ich kenne mich mit vielen Pflanzen aus“, erzählt sie. Im Kinder- und Jugendtreff hat sie bereits bei Aktionen mitgeholfen und anderen gezeigt, wie Blumen und Sträucher richtig gepflanzt werden. Auch beim neuen Platz möchte sie ihr Wissen einbringen: „Ich finde es schön, wenn in der Stadt viel wächst und alles grün und lebendig ist.“

Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
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Fotografie: Samira Schulz