Projekt Ökologisches Erzählen

Erfolgreich wie eine Spuckpalme

Dass Tiere und Pflanzen zu Trägern von Erzählungen werden und neue Perspektiven auf das Verhältnis der Menschen zur Umwelt eröffnen können – davon ist Dr. Torsten Schäfer, Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt, überzeugt. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Talking Salmon“ in Kooperation mit der norwegischen OsloMet-Universität hat Schäfer ein Labor für ökologisches Erzählen gestartet, das sich mit einer Schreibwerkstatt auch an die Öffentlichkeit wendet. Gemeinsam soll eine Erzählung stehen, die Menschen zu mehr Durchhaltevermögen in puncto Nachhaltigkeit motiviert.

Von Annette Wannemacher-Saal, 16.6.2026

Schräg steht der Tisch mitten im Green Office der Hochschule Darmstadt. „Und ein bisschen schräg ist ja auch, was hier passiert“, sagt Eva Schäfer, Mitarbeiterin im Servicezentrum Forschung und Transfer der h_da.  „Ökologisches Erzählen“ – das klinge eher ungewöhnlich; und dass neben Studierenden noch Mitarbeiter der Hochschule sowie Bürgerinnen und Bürger mitmachen, sei für eine Hochschulveranstaltung auch eher die Ausnahme.

Torsten Schäfer, der am Mediencampus der Hochschule zu Klimajournalismus und journalistischem Erzählen lehrt, hat das Reallabor aus Überzeugung für Externe geöffnet. „Das ist doch spannend. Aufgrund der verschiedenen Altersstrukturen, Berufe und Erfahrungen gibt es ganz vielfältige Impulse“, sagt Schäfer. So sammeln künftige Online-Journalisten, Literaturwissenschaftler, Pädagoginnen, Rentner und Nabu-Mitglieder zusammen Ideen.

Die Spuckpalme macht den Anfang

Doch erst einmal soll in diesem Sommersemester eine Erzählung aus der Feder der acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischen Mitte 20 und Mitte 70 entstehen, die sich mit den drängenden Themen Klimawandel, Artensterben und Nachhaltigkeit beschäftigt. Das Szenario soll plausibel sein. „Es geht nicht um grüne Menschen vom Mars“, die die Welt retten, so Schäfer. Vielmehr sollen mit der neuen Form des ökologischen Erzählens Pfade gezeigt werden, die realistisch sind. „Das Karussell der Möglichkeiten darf sich drehen, soll aber an der Realität anknüpfen“.

Die Realität stand am ersten Seminartag in Form einer Pflanze auf dem Tisch des Green Office:  eine Euphorbia leuconeura, zu Deutsch Madagascar-Juwel, im Volksmund „Spuckpalme“ genannt. Wenn die Frucht reif ist, reißt sie explosiv auf und schleudert ihre kugeligen Samen mehrere Meter in die Umgebung. „So, wie wir unsere Geschichte verbreiten wollen“, sagt Charly Richter, Literaturwissenschaftlerin und Studentin für Projektmanagement. Schnell war man sich einig, dass nicht jeder Teilnehmer eine eigene Story schreibt, sondern jeweils einen Protagonisten übernimmt.

Ein Bauer als Vorbild: Handeln, statt zu hadern

Am Anfang standen grundlegende Fragen zu Protagonisten, Ort und Handlung. Zunächst dachte sich jeder eine Geschichte aus, diese wurde geteilt, diskutiert. „Dann hatten wir sechs, sieben tolle Ideen, haben sie kombiniert und daraus eine neue entwickelt“, sagt Charly. Im Mittelpunkt steht Juan, ein ehemaliger Bauer mit viel indigenem Wissen, der durch rücksichtsloses Agieren eines großen Konzerns sein Hab und Gut verloren hat. Er gewinnt den Prozess gegen den Konzern, doch anstatt zu hadern und sich zurückzuziehen, arbeitet er fortan für das Unternehmen als Berater – um ökologische Probleme zu lösen. Finanziert werden seine Projekte von einem geläuterten Industriellen, der Verantwortung für sein früheres Handeln übernimmt. Weitere Protagonisten sind ein Klimaflüchtling und sein mediensüchtiger Bruder, der schließlich dafür zuständig sein wird, die Geschichte medial zu verbreiten. Für die nachhaltigste Idee gibt es schließlich noch die „Goldene Spuckpalme“ als Symbol dafür, dass sich diese Idee weit verbreiten soll.

Ökologisches Erzählen heißt beziehungsreiches Erzählen

Noch ist die Geschichte nicht geschrieben; man ist ja noch mittendrin im Seminar. Aber die wichtigsten Ebenen des ökologischen Erzählens seien darin enthalten, sagt Torsten Schäfer. „Ökologisches Erzählen heißt beziehungsreiches Erzählen“ auf drei Ebenen der Verbundenheit: der Verbundenheit von Mensch zu Mensch, der zwischen Menschen und anderen Lebewesen und der Verbundenheit von Lebensräumen. „Es geht immer um die Suche nach dem Guten Leben für Alle“, sagt Schäfer, der mehrfach beim „Salon des guten Lebens“, einer Veranstaltungsreihe der Heinrich-Böll-Stiftung, dabei war. Dabei geht es darum, wie wir als Gesellschaft den vielfältigen Herausforderungen in Zukunft begegnen und was jeder in seinem Radius tun kann, um ein gutes Leben führen zu können.

Ein Forellenweibchen erzählt

Guter Journalismus und inspirierende Texte spielen dabei eine wichtige Rolle. Und eben auch die Art des Erzählens. So schildert Schäfer, der sich auch als Autor und Redakteur bei GEO International einen Namen gemacht hat, in seinem neuen Buch „Die Wildnis in uns. Von ungezähmter Natur und inneren Landschaften“ im letzten Kapitel, wie es sich als älteres Bachforellen-Weibchen in der Modau bei Eberstadt lebt. Wie es sich anfühlt, wenn sie im Sommer selbst im kühlen Kehrwasser nicht mehr atmen kann, ihre Kiemendeckel und die ihrer Schwestern lahm werden. Wie sie ihrem Ende entgegen sieht, in dem sie viele Tote gesehen hat, unter ihresgleichen, den Schmerlen, den kleinen Krebsen. Und wie dennoch am Ende ihres Lebens die Hoffnung auf ein besseres Leben langsam steigt – „so, wie das Wasser im hellgrünen Mai nach den roten Regentagen“.

Trennung zwischen Mensch und Natur aufbrechen

Das Bachforellen-Weibchen ist die Erzählerin, ihre Geschichte ist empathisch, lebendig. Wie im Forschungsprojekt „Talking Salmon“, wo lachsartige Fische die Rolle des Erzählers übernehmen und zu ökologischen Vermittlern zwischen Mensch und Natur werden – immer mit dem Ziel, diese Trennung aufzubrechen.

„Diese Tiere verbinden seit Jahrtausenden weltweit Ozeane, Flüsse und Wälder“, sagt Schäfer. Daher, so seine These, „können sie zu Erzählungen werden, die neue Perspektiven auf unser Verhältnis zur Umwelt eröffnen“. Dass es dafür Durchhaltevermögen braucht und viele gute Erzählungen, das weiß er. Aber eine ist ja schon in Arbeit. Und fürs kommende Sommersemester steht bereits die Fortsetzung des Projekts im Studienbereich Sozial- und Kulturwissenschaften fest.

Das aktuelle Buch von Prof. Dr. Torsten Schäfer Die Wildnis in uns ist im Februar 2026 Oekom Verlag erschienen.

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