Star-Trek-Event Hochschule Darmstadt
Der h_da-Glaskasten. Unendliche Raumtiefe. Wir schreiben den März 2026. Dies sind die Abenteuer der Darmstadt University of Applied Science Fiction, die mit ihren 260 Gästen vier Stunden lang unterwegs ist, um vor ausverkauftem Haus erstmals zu erforschen, wie viel Science in der Fiction von Star Trek steckt. Dabei dringen Vortragende und Gäste in interdisziplinäre Wissensgalaxien vor, die in dieser Form nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Von Simon Colin, 10.3.2026
Serien-Kult meets Wissenschaft an der Hochschule Darmstadt. Mehr als 260 Star Trek-Fans pilgerten zum ersten Star Trek-Tag an der h_da, wo wissenschaftliche Perspektiven auf das Star Trek-Universum trafen. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Glaskasten ging es mehr als vier Stunden lang um „Science meets Fiction – Star Trek im interdisziplinären Reality Check“.
Forschende und Fachleute aus Informatik, Design und Soziale Arbeit analysierten mit ihrem fachlichen und wissenschaftlichen Blick den Realitätsbezug der zahlreichen Enterprise-Serien. Headliner des Abends waren die Podcaster von „Trek am Dienstag“. Durch den Abend führte Moderatorin Doris Winter. Finanziell unterstützt wurde die Veranstaltung von der GFTN (Gesellschaft zur Förderung technischen Nachwuchses) und dem Fachbereich Informatik der h_da.
Hochschul-Präsident Prof. Dr. Arnd Steinmetz, selbst bekennender Trekkie, setzte gleich zu Beginn den Tenor des Abends: „Was mich an Star Trek immer besonders berührt hat, ist die positive Grundstimmung“, sagte er. „Die Zukunft wird dort nicht als Bedrohung inszeniert, sondern als Möglichkeit: eine Zeit, in der Wissen, Kooperation und Neugier stärker sind als Angst, Engstirnigkeit und Zynismus.“
Massen-Hack auf der A5?
Mit viel Wissbegier und Zwischenapplaus folgten die Gäste dann auch den mit einer Prise Humor und Nerdwissen gespickten Vorträgen. Prof. Dr. Christoph Krauß vom Fachbereich Informatik der h_da sprach zum Thema Cybersicherheit: „Shields up! Firewalls up! Cybersecurity in Star Trek. Und warum die Borg dein Auto hacken würden.“ Der Automotive Security-Experte bezog sich unter anderem auf Folgen der Serie „Star Trek: Picard“, in der die Borg-Serienbösewichte die eng vernetzte Sternenflotte übernehmen. Rettung ist nur möglich dank einer älteren und daher nicht vernetzen Enterprise.
Droht uns solch ein Massen-Hack künftig auch in unseren zunehmend online miteinander vernetzen Autos mitten im Berufsverkehr auf der A5? Prof. Dr. Christoph Krauß gehört mit seiner Forschungsgruppe Applied Cyber Security Darmstadt zu jenen Experten, die zusammen mit der Automobilindustrie an einer sicheren Infrastruktur arbeiten. Die ist im Enterprise-Kosmos nicht immer gewährleistet. Mehrfach fällt die Enterprise bei seinem augenzwinkernden intergalaktischen Cybersecurity-Check durch – dafür lernt das Publikum etwas: Passwörter zum Beispiel sollten geheim gehalten werden und möglichst lang und komplex sein. In „Star Trek: The Next Generation“ werden sie hingegen gerne mal laut ausgeplaudert.
Das Thema Schadsoftware kommt schon in der 90er-Serie „Star Trek: Deep Space Nine“ vor: Das Crewmitglied Quark verschickt in einer Folge lästige Werbung für seine Bar. Ein klassischer Fall von Adware. Da hilft nur eins: Ruhe bewahren und nicht einfach klicken. Oder wie Christoph Krauß es formuliert: „Man selbst ist das größte IT-Problem.“
Star Trek-Design nicht immer alltagstauglich
Um Design, das dem Menschen dient, ging es im Vortrag von h_da-Absolvent und Designer Gunter Sterr: „Design: The final frontier! Über human (and other lifeforms) centered design im 23. und 24. Jahrhundert“. Star Trek habe viele Designerinnen und Designer inspiriert und auch die Technik. So sei das heutige Klapphandy inspiriert vom Kommunikator in der Ursprungsserie der 60er-Jahre. Doch oft sei das Design der Zukunft in Star Trek nicht alltagstauglich. So ähneln die „PADDs“ in der Serie zwar heutigen Tablets, allerdings eignen sie sich immer nur für eine Anwendung. Daher müssen die Protagonisten mit unzähligen PADDs hantieren. Dies sei laut Gunter Sterr kognitiv belastend und mit der heutigen Technik besser gelöst. Bei Design gehe es eben nicht nur um Aussehen, sondern auch um Funktionalität.
Verbesserungswürdig sind für ihn auch die Brücken der Enterprise: Eine Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist nicht möglich, alle schauen in Richtung des großen Bildschirms, eine Interaktion ist dadurch erschwert. Zugleich fehlen Sitzgelegenheiten, im Falle einer kriegerischen Konfrontation ist zudem die Arbeitssicherheit unzureichend. „Die Enterprise-Brücke würde keine heutige Zertifizierung bestehen“, sagte Gunter Sterr mit Blick auf aktuelle ISO-Normen für ergonomisches Design von Kontrollzentren. Heutige Designerinnen und Designer benötigten neben einem ästhetischen Gespür daher laut Sterr auch Empathie für menschliche Bedürfnisse, ein Verständnis für funktionierende und verlässliche Systeme sowie ein ethisches Gespür für die Grenzen von Design.
Manchmal muss man Regeln brechen
Die Verbindung von Star Trek und Sozialer Arbeit stellte Prof. Dr. Torsten Bewernitz in seinem Vortrag „Braucht die Soziale Arbeit eine Oberste Direktive?“ in den Mittelpunkt. Auch abseits der klassischen Serien mache zum Beispiel die 2011 gegründete Roddenberry Foundation Soziale Arbeit. Die Darsteller unterschiedlicher Serien-Franchises machten sich zudem immer wieder für soziale Belange stark, etwa für die Rechte von Drehbuchautoren.
Doch auch in den Aufträgen von Sternenflotte und Sozialer Arbeit sieht Bewernitz Parallelen. Das zeige sich im so genannten „Doppelten Mandat“ aus Hilfe und Kontrolle: Die Sternenflotte nehme im Rahmen dieses Mandats Kontakt mit Hilfesuchenden auf und sichere hierbei militärisch die galaktische Föderation. Sozialarbeitende wiederum würden Klientinnen und Klienten Hilfe anbieten und dies im Auftrag von Staat und Gesellschaft. Auch ein so genanntes „Triple Mandat“ sei beiden gemein: die Forschung auf Grundlage eines Ethikkodex.
Und was hat es nun mit der „Obersten Direktive“ auf sich? Diese Verhaltensleitlinien regeln unter anderem, dass sich die Sternenflotte nicht in die Entwicklung anderer Kulturen und Gesellschaften einmischen soll. Doch manchmal müssten diese Direktive und ihre Regeln zum Wohl eben jener Kulturen und Gesellschaften gebrochen werden – im übertragenen Sinne auch in der Sozialen Arbeit. Man müsse dann aber auch die Verantwortung für diesen Regelbruch übernehmen.
Studi neben Boomer-Trekkie
Anlässlich des 60sten Star Trek-Jubiläums in diesem Jahr schauten Sebastian Göttling und Simon Fistrich von „Trek am Dienstag“ schließlich auf sechs Jahrzehnte Enterprise „zwischen Idealismus und Produktionsrealität“. Die beiden Podcaster führten das Publikum hierbei vom „Westernflavor“ der Originalserie bis zu „Star Trek: Enterprise“ Anfang dieses Jahrhunderts. Sie veranschaulichten, dass Serienerfinder Gene Roddenberry so umstritten wie verdienstvoll war. Dass er zum Beispiel mit Vortragsreisen an amerikanischen Hochschulen in den 70ern dazu beigetragen habe, dass die Serie nicht in Vergessenheit gerät.
Unter Fans sei er bis heute hoch verehrt und überhaupt seien es die Fans gewesen, die sich in den Vereinigten Staaten der 70er vernetzt und so maßgeblich dazu beigetragen hätten, dass die Serie weiter produziert wird. TV-Wiederholungen der Originalserie im US-Fernsehen hätten diesen Effekt verstärkt. Dies sei auch der Grund, warum in den USA bis heute die Originalserie besonders populär sei. In Deutschland hingegen habe „Star Trek: The Next Generation“ viele Fans, da die Serie im deutschen TV der 90er mittags nach der Schule lief und so junge Menschen angesprochen habe – die nächste Fan-Generation.
Beim ersten Star Trek-Tag an der h_da ist das Publikum dann auch bunt gemischt. Fans aller Generationen schwelgen zwischen Wissenschaft und Nostalgie. Studierende sitzen neben Boomer-Trekkies. Zum Schluss sendet h_da-Präsident Prof. Dr. Arnd Steinmetz dann auch ein klares Signal: weitere Events dieser Art sollen folgen. Schließlich ist auch Star Trek ein Franchise.
„Das Unbekannte treibt uns vorwärts“
Wie es weitergeht, steht noch in den Sternen. Doch hier passt ein Zitat von Captain Kirk, das Steinmetz sinngemäß zitiert: „Das Unbekannte ist das, was uns vorwärts treibt.“ Auch wenn dieses Vertrauen in das Unbekannte, in Forschung, Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt in unserer heutigen Debattenkultur leider oft in den Hintergrund gerate, wie Steinmetz weiter ausführt. „Doch das Streben nach Verständnis ist letztlich der Kern von Wissenschaft – und damit der Kern unserer Aufgabe als Hochschule. Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie diese, bei denen wir gemeinsam über Zukunft, Technik, Werte und Menschlichkeit nachdenken – und uns von einer Serie inspirieren lassen, deren Grundhaltung lautet: Es kann gut werden, wenn wir uns anstrengen.
Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion
Christina Janssen
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