Studierende entwickeln Rollirampe für Schlossgrabenfestival

Blick über die Schulter eines Rolli-Fahrers Richtung Bühne über die Zuschauermenge beim Schlossgrabenfestival
Auf Augenhöhe mit der Band

Wie wird der Festival-Besuch für Menschen mit Behinderung ein positives Erlebnis? Wie lässt sich Barrierefreiheit in allen Bereichen konsequent mitdenken? Gemeinsam mit Rollstuhlfahrern und den Organisatoren des Darmstädter Schlossgrabenfestes haben Studierende der h_da lebensnahe Ideen entwickelt, die auch umgesetzt wurden – darunter ein Podest, das Rollifahrern eine gute Sicht auf die Konzertbühne erlaubt. Erarbeitet wurden die Vorschläge im Seminar „Inklusion bauen: Architektur-Barrieren-Behinderung“, das seit Jahren fester Bestandteil des Lehrangebotes am h_da-Fachbereich Gesellschaftswissenschaften ist.

Von Astrid Ludwig, 11.8.2026

Sascha Bröse war schon auf vielen Konzerten. Die Erfahrungen ähnelten sich. „Meist ist für uns Rollstuhlfahrer kein Durchkommen oder man bleibt irgendwo stecken und hat keine Sicht auf die Bühne.“ Ein Frusterlebnis, das auch den Besuch des Darmstädter Schlossgrabenfestes, Hessens größtem Musikfestival, begleitete, erzählt der 58-Jährige. Doch in diesem Jahr war alles anders. Bröse verfolgte das Konzert der Band „Alphaville“ in unmittelbarer Nähe zur Bühne, gleich neben dem VIP-Bereich. Die Veranstalter hatten extra eine Tribüne für Rollstuhlfahrende und Menschen mit Behinderung samt Begleitung aufgebaut. „Die Sicht war spektakulär“, freut sich Bröse noch immer. Den Konzertbesuch beschreibt er als „eine anhaltende Freude“.

Rund zehn Rollis fanden dort oben Platz. „Die Tribüne hätte sogar noch größer sein können, so gut kam sie an“, sagt er. Ort und Konstruktion waren genau richtig. „Wir fühlten uns integriert, nicht exponiert. Wir waren auf gleicher Höhe mit der Band“, erzählt Sascha Bröse. Um jedoch dorthin zu gelangen, mussten Rollstuhlfahrende zuvor eine Rampe mit zwölf Prozent Steigung bewältigen – Standard sind normalerweise sechs Prozent. Doch der „Club Behinderter und ihrer Freunde Darmstadt (CBF)“ hatte Helfer*innen bereitgestellt, die, wo nötig, Unterstützung leisteten.

Wie kann das Schlossgrabenfest inklusiver werden

Rollifahrer Bröse ist voll des Lobes für die Idee und ihre Umsetzung. Dabei hat er selbst auch dazu beigetragen. Der Darmstädter ist regelmäßig Gast im Seminar „Inklusion bauen: Architektur-Barrieren-Behinderung“, das zum interdisziplinären Studienbereich Sozial- und Kulturwissenschaften (SuK) des Fachbereiches Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule Darmstadt gehört. Bauliche Barrierefreiheit ist ein Schwerpunkt des Seminares, das von Studierenden aller Fachbereiche belegt werden kann. Gemeinsam mit Menschen mit Behinderung, dem Club Behinderter und ihrer Freunde, vertreten durch Diplom-Ingenieur Michael Müller, und den Organisatoren des Darmstädter Schlossgrabenfestes gingen sie ein Semester lang der Frage nach, wie Hessens größtes Musikfestival mit mehr als 100 000 Besucher*innen, 60 Bands und Events inklusiver werden kann.

Die Tribüne war Teil einer ganzen Reihe von Vorschlägen, die im Seminar erarbeitet wurden. Aufgabe war, betonen die Seminarleiter Prof. Kai Schuster und Diplom-Ingenieur Michael Müller, das Schlossgrabenfest konzeptionell als Ganzes zu betrachten und inklusive Ideen für alle Bereiche zu entwickeln. Kai Schuster ist Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und hat den Themenschwerpunkt des Seminares vor rund 15 Jahren initiiert.

Der Anlass war ein sehr persönlicher: Nach einem Unfall saß er selbst drei Monate lang im Rollstuhl. Für ihn war es eine nachhaltige Erfahrung, „sich in diese Lebenswelt einzufügen“. Schuster holte Michael Müller vom „Club Behinderter und ihrer Freunde Darmstadt“ an Bord – und seither betreuen sie gemeinsam das Seminar, das jedes Jahr einen anderen Aspekt der baulichen Barrierefreiheit behandelt und immer auch Betroffene dazu einlädt. Auf das Festivalthema stießen sie durch Hinweise von Rollstuhlfahrenden, die schlechte Erfahrungen auf Konzerten beklagten.

Mit Rollstuhl und Blindenstock über den Campus

Student Felix Bärenz studiert Architektur im zehnten Semester. Barrierefreiheit, sagt er, ist eigentlich vom Beginn des Studiums an ein Thema für angehende Architekten*innen, „aber nie in einer Tiefe wie in diesem Seminar“, betont er.  Was sonst oftmals in Form von Standardmaßen Eingang in die Lehre findet, wurde hier für ihn zum praktischen Erlebnis. Die Seminarleitung schickte die rund 20 Studierenden nicht nur mit dem Zollstock durch Gebäude, um Türen oder Gänge zu vermessen. Die jungen Leute sammelten auch mit dem Blindenstock – dem Langstock – und im Rollstuhl Erfahrungen am eigenen Leib. Immer zu zweit ertasteten sie sich mit verbundenen Augen und im Rolli ihren Weg über den Campus, über Treppen, Gehwegkanten, Pflaster oder Rasenunebenheiten. „Es war wirklich eindrücklich zu erfahren, welche Hürden behinderte Menschen in ihrem Alltag nehmen müssen“, sagt Felix Bärenz.

Der Student hat vor seinem Architekturstudium eine Ausbildung als Schreiner gemacht. Gerade schreibt er an seiner Abschlussarbeit. „Mein Verständnis für Barrierefreiheit hat sich seit diesem Seminar sehr verändert“, sagt er. In seine künftige Arbeit als Architekt will er diese Erfahrungen neben seinen handwerklichen Fertigkeiten einfließen lassen. „Man muss sich immer über die Nutzer und Nutzerinnen seiner Arbeit Gedanken machen“, findet er.

Eine „gute, vernetzte Architektur zu schaffen“, ist das Anliegen von Prof. Kai Schuster. Barrierefreiheit sollte nicht eine Besonderheit sein, sondern von vorherein als Ganzes gedacht werden. Er will seinen Studierenden eine „konsequent menschenorientierte und auf Qualität für alle“ ausgerichtete Architektur vermitteln. Die Planung an den Bedürfnissen der Nutzungsgruppe zu orientieren, sei der sozialwissenschaftliche Aspekt der Architektur, betont der Professor. Wichtig ist den Seminarleitern daher auch, die Studierendengruppe möglichst interdisziplinär aufzustellen und die Architekturstudenten*innen immer auch mit Studierenden aus dem Umwelt- und Bauingenieurwesen, aus den Naturwissenschaften oder Gesellschaftswissenschaften zu vereinen. „Die unterschiedlichen Sichtweisen sind sehr spannend“, kann Felix Bärenz bestätigen.

Organisatoren des Festes an Bord geholt

Einen besonderen Schub erfuhr das Seminar, als Schuster und Müller den Betreiber des Darmstädter Schlossgrabenfestes, Thiemo Gutfried, in den Kurs holten. „Das hat einen Domino-Effekt ausgelöst“, sagt Michael Müller. Der Vertreter des Clubs Behinderter und ihrer Freunde betont, dass das Schlossgrabenfest schon vorher ein fortschrittliches Festival war, doch die Ideen der Studierenden kamen so gut an, dass sie weitere Verbesserungen angestoßen haben. Die Rolli-Tribüne, gebaut aus ganz normalen Bühnenmodulen, war dabei ein wichtiger Baustein in der Riege der Ideen für eine bessere Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen. Doch auch die Orientierung auf so einem großen Fest kann schwerfallen. Entworfen haben die h_da-Studierenden daher auch einen Plan mit detaillierter Beschilderung.

Dabei geht es nicht nur darum, wie die behindertengerechten Toiletten gut zu erreichen sind. Wie komme ich als gehbehinderter Mensch unbeschadet über die teils sehr massiven und dicken Kabel, die für die Festivaltechnik auf dem Platz verlegt werden müssen? Wo gibt es Kabelbrücken, mit denen Rollstühle solch ein Hindernis leichter überwinden können? Auf einer Webseite des Festivals haben die Studierenden jetzt behindertenfreundliche Wege ergänzt und beschrieben und Kabelbrücken kartiert. Um sich problemloser auf dem Festgelände zurecht zu finden, hat Student Felix Bärenz zudem ein taktiles Modell erschaffen, dass Menschen mit Sehbehinderung ertasten können. Das gefiel den Festival-Organisatoren so gut, dass sie es gleich eingepackt und mitgenommen haben.

Ausgewiesen sind auf dem Orientierungsplan aber auch Ruhezonen, in denen sich nicht nur Menschen mit Behinderung im lauten und vollen Festivaltreiben eine Auszeit gönnen können. Ebenfalls ein Vorschlag der Studierenden, der gut ankam. „Das ist das Schöne an dem Seminar. Dass man vieles ausprobieren und experimentieren kann – mal abseits von Normen und Standards“, findet Prof. Schuster. Er ist von den Vorschlägen der Studierenden angetan: „Ich liebe es, verblüfft zu werden“. Und auch die Festival-Organisatoren zeigten sich offen und flexibel. „Obwohl Platz immer die wichtigste Währung auf einem solchen Event ist“, weiß Müller.

Rolli-Bühne vielleicht auch im nächsten Jahr

Auf dem nächsten Schlossgrabenfest werden wohl noch mehr Ideen der h_da-Studierenden in die Tat umgesetzt werden. „Die Erfahrungen mit dem Podest für Rollstühle wurden dokumentiert und wir werden das im Club Behinderter und Freunde diskutieren“, kündigt Michael Müller an. Mit den Fest-Betreibern will er weiter in Kontakt bleiben. Er hofft, dass es die Rollstuhl-Tribüne auch beim nächsten Schlossgrabenfest geben wird.

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Christina Janssen
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