KI-Avatare für Trauernde

Schwarze Silhouetten menschlicher Köpfe
Durch Avatare mit Verstorbenen sprechen

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist eines der ältesten Motive in Literatur, Musik und Religion. In der griechischen Sage um Orpheus und Eurydike sollen Liebe und Kunst den Tod besiegen: Orpheus erhält von den Göttern die Chance, seine verstorbene Geliebte aus der Unterwelt zu befreien, hält sich dabei aber nicht an die Regeln – und verliert Eurydike für immer. Was die Kunst nicht kann, soll nun der Künstlichen Intelligenz gelingen: Durch Avatare, also digitale Zwillinge von Personen, sollen Trauernde mit Toten „sprechen“ können. Traum oder Albtraum? Im Interview erläutert Emotionsforscherin Prof. Dr. Katrin Döveling von der Hochschule Darmstadt, wie solche Technologien die Gefühle von Trauernden verändern.

Interview: Christina Janssen, 19.2.2025

impact: In dem digitalen Sprachlernprogramm, das ich täglich nutze, kann ich mich auf Spanisch, Tschechisch oder Französisch mit lustigen Avataren unterhalten. Wenn ich in meiner Arztpraxis anrufe, geht „Aaron“ ans Telefon, der stets beflissene digitale Assistent. Wie erleben Sie das in Ihrem Alltag?

Prof. Dr. Katrin Döveling: Auch mir begegnen Avatare schon überall. Und ich muss ehrlich sagen: Ich fühle mich damit nicht immer wohl, obwohl ich weiß, dass das heutzutage irgendwie schon dazugehört. Mir ist das persönliche Gespräch immer lieber.

impact: Heute sprechen wir über den Einsatz von KI und Avataren in einem sehr sensiblen Kontext: als „Trauer-Begleiter“. Welche Rolle spielen Avatare neuerdings auch hier?

Döveling: Dafür müssen wir erst einmal darüber sprechen, was Trauer überhaupt ist. Jeder, der schon einmal einen nahestehenden Menschen verloren hat, weiß, dass dies eines der einschneidendsten Erfahrungen ist, die man im Leben haben kann. Oder durchleben muss. Diese Verlusterfahrung löst eine spezielle Form der Trauer aus. Im Englischen gibt es sogar ein eigenes Wort hierfür, das „bereavement“. Und diese Form des Trauerns ist kein linearer Prozess, sondern ein oszillierender: Man bewegt sich zwischen verschiedenen Phasen hin und her – zwischen verlustorientierten und wiederherstellungsorientierten Phasen. Damit ist natürlich nicht eine „Wiederherstellung“ der verlorenen Person gemeint, sondern der eigenen Identität und deren emotionalen Stabilität. Trauernde stecken manchmal – und dies ist vor allem zu Beginn des „bereavement-Prozesses“ der Fall – in Phasen fest, in denen es schwer ist, den Verlust auszuhalten. Dann wiederum gibt es Phasen, in denen die Personen in der Situation einen gewissen Sinn erkennen und verstehen, dass Tod und Verlust zum Leben gehören. Dann sind Trauernde bereit, ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Leben zu richten, nicht (nur) auf die Verlusterfahrung, die sie ja dennoch im Leben weiter „begleitet“, also Teil ihres Lebens ist und bleibt.

impact: Dem Tod einen Sinn abzuringen, ist schwierig.

Döveling:  Ja, auch weil der Tod aus unserem alltäglichen Leben verdrängt wird. Wir alle werden sterben, das ist ein sensibles Thema. Wir verdrängen es, weil es Angst macht.

impact: Und nun kommt die KI ins Spiel, die Trauernden scheinbar das gibt, was sie sich am meisten wünschen: ein „Wiedersehen“ mit dem geliebten Verstorbenen.

Döveling: Das ist eine relativ neue Entwicklung. KI-Avatare eröffnen die Möglichkeit, sich dem digitalen Zwilling eines Verstorbenen zuzuwenden. Gerade Jahrestage, Weihnachten oder Familienfeiern sind Tage, an denen Trauernde die Verlusterfahrungen besonders stark spüren. Dass man sich dann einem digitalen Zwilling zuwenden und sich mit ihm unterhalten kann, ist auf den ersten Blick vielleicht gruselig, aber es erfüllt bei den Betroffenen oft eine tiefe Sehnsucht.

impact: Wie findet so eine Begegnung statt – sehe ich die Person auf einem Bildschirm, höre ich die Stimme…?

Döveling: Diese „Begegnungen“ werden immer realistischer. Ein Beispiel ist Fall eines Krebspatienten, über den ich in einem Interview mit der Tagesschau bereits berichtet habe: Der Mann wusste, dass er sich im Endstadium dieser furchtbaren Krankheit befindet. Er hat tagtäglich alle möglichen Informationen über sich selbst in einen KI-Generator eingespeist. Auf dieser Grundlage konnte die KI später seine Stimme imitieren, die äußere Erscheinung, Emotionen entsprechend wiedergeben und so weiter. Die technische Entwicklung ist noch relativ am Anfang, aber die Entwicklung schreitet schnell voran. 

impact: Funktioniert das auch mit Humor, Ironie oder anderen sehr persönlichen Eigenheiten?

Döveling: Auch das wird zunehmen, sodass Trauernde sich dann zum Beispiel an den Computer setzen und sagen kann „Ach, ich vermisse Dich so!“. Dann werden sie von einem Avatar getröstet, der der verstorbenen Person sehr ähnlich ist.

impact: Sind solche Avatare am Ende nicht eher Wunschbilder als Abbilder? Kein Mensch gibt gerne seine Unzulänglichkeiten preis. Und auch wenn Hinterbliebene einen Avatar „füttern“, neigen sie vermutlich dazu, ihre Verstorbenen zu idealisieren.

Döveling: Das ist die wichtige Frage, die wir noch nicht richtig abschätzen können, weil es dazu bislang kaum Forschung gibt. Was passiert beispielsweise, wenn dieser Avatar etwas sagt, das nicht im Sinne des Verstorbenen oder der Hinterbliebenen ist. Das wühlt extreme Emotionen auf. Und das ist im Trauerprozess, den ich vorhin beschrieben habe, nicht unbedingt förderlich.

impact: Ein weiteres Problem ist ebenfalls offenkundig: Der digitale Zwilling altert nicht. Wenn ich also mit 50 meinen etwa gleichaltrigen Mann verliere, unterhalte ich mich im Zweifel 20 Jahre später immer noch mit einem 50-Jährigen. Ich selbst habe mich in dieser Zeit verändert, der Avatar aber nicht. Können „Trauer-Avatare“ trotz all dieser Nachteile einen Nutzen haben?

Döveling: Es kann durchaus tröstend sein, sich einem solchen Avatar zuzuwenden – insbesondere an den bereits genannten „Triggertagen“. Die Gefahr ist allerdings, dass man sich dann zu oft an den Avatar wendet und der Trauerprozess nicht mehr so stattfindet, wie er sollte, weil man sich immer wieder zurückzieht und den Avatar adressiert.

impact: Wenn ich einen verstorbenen Menschen immer in digitaler Form bei mir haben kann, verharre ich also eher im Zurückschauen, statt irgendwann auch wieder vorauszuschauen?

Döveling: Die Gefahr ist, dass man sich in eine Art „Refugium“ mit dem Verstorbenen begibt und sich den Möglichkeiten neuer Vernetzungen und dem realen Leben entzieht, indem man in diese digitale Welt abtaucht. Dann ist es ganz wichtig, dass man ein funktionierendes soziales Umfeld hat, das sensibilisiert und informiert ist, dass ein digitaler Zwilling existiert. Und dass eine gewisse Medienkompetenz vorhanden ist: Der Tote bleibt tot. Und der Avatar bleibt eine KI-generierte Visualisierung, so realistisch diese auch sein mag.

Prof. Dr. Katrin Döveling ist an der h_da Professorin für Kommunikationswissenschaften und Medienkommunikation mit Forschungs- und Lehrschwerpunkten Emotionsforschung und Digitalisierung. Zuvor war sie als Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt, an der Universität Leipzig und der TU Dresden tätig, außerdem als Assistenzprofessorin an der FU Berlin und der TU Ilmenau. Promoviert hat sie an der Universität Erfurt mit einer internationalen Analyse medial vermittelter Emotionen in Vergemeinschaftungsprozessen. An der Universität Leipzig habilitierte sie 2016 mit einer multimethodischen und interdisziplinären Analyse von interpersonaler Kommunikation und Emotionen. Weitere Stationen ihrer Lehre waren u.a. Gastprofessuren in Frankreich, Kambodscha und Vietnam. Ihr internationales Engagement spiegelt sich auch in ihren Publikationen wider. So hat sie das weltweit erscheinende Routledge International Handbook of Emotions and Media, das in der zweiten Auflage auch online erschienen ist, herausgegeben, ein zentrales Referenzwerk. Döveling gilt als eine der federführenden interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftler*innen in diesem Bereich.

impact: Im koreanischen Fernsehen begegnete vor einigen Jahren eine Mutter ihrer an Leukämie verstorbenen Tochter in Form eines digitalen Zwillings wieder. Ein herzzerreißendes Video, das sich auf YouTube Millionen Menschen angesehen haben. Wird über die ethischen Aspekte von KI-Anwendungen überhaupt ausreichend diskutiert?

Döveling: Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn eine Mutter sich noch einmal von ihrer Tochter verabschieden möchte, sollte ihr klar sein, dass der digitale Zwilling nicht ihre Tochter ist. Das ist schon der erste Gedankenfehler. Hier müsste im Vorfeld Aufklärungsarbeit geleistet werden. Das ist ein ethischer Aspekt. Über einen weiteren haben wir schon gesprochen: Was geschieht, wenn die KI etwas „Falsches“ sagt. Und auch die Kommerzialisierung solcher Angebote wirft ethische Fragen auf. Diese drei Aspekte stellen uns auch in ethischer Sicht vor Herausforderungen.

impact: Ist unsere Gesellschaft darauf vorbereitet?

Döveling: Wir sind hier gesamtgesellschaftlich gefordert, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auch auf politischer Ebene sollte das eine Rolle spielen. Die Frage, ab welchem Alter so etwas überhaupt genutzt werden darf, ist zum Beispiel nicht geregelt. Ein Kind, das Vater oder Mutter verloren hat, möchte vielleicht auch so einen Avatar ansprechen dürfen. Deshalb müssen sich auch Schulen stärker dem Thema Medienkompetenz und KI widmen. Der Sogeffekt solcher Angebote kann enorm sein – und am Ende vergessen die Menschen, dass sie es mit einer KI zu tun haben. Das gilt auch für ältere Menschen, die mit solchen Technologien nicht vertraut sind. Als Emotionsforscherin finde ich das äußerst kritisch.

impact: Wie sieht Forschung zu solch einem sensiblen Thema aus, mit welchen Methoden arbeiten Sie?

Döveling: Man kann inhaltsanalytisch vorgehen, indem man sich anschaut, was die KI von sich gibt, inwiefern das tatsächlich dem Verstorbenen entspricht. Wir arbeiten außerdem mit Rezeptionsanalysen, also Wirkungsanalysen: Wie wird das von der KI Gesagte aufgenommen und verarbeitet, wie wirkt das? Da bin ich natürlich beim Thema Emotionen und der Frage: Was macht das mit den Hinterbliebenen? Dazu würde ich gerne Befragungen durchführen. In Frage kommen aber auch Beobachtungsstudien, sogenannte Interaktionsanalysen. Ich würde also gerne die Kommunikation zwischen Hinterbliebenen und Avataren untersuchen – auch vor dem Hintergrund der Gefahren, über die wir gerade gesprochen haben. Und natürlich geht das bei so einem sensiblen Thema nur anonymisiert unter Berücksichtigung und Wahrung aller nötigen Persönlichkeitsrechte.

impact: Unsere Gesellschaft wird säkularer, die Heilsversprechen der Religionen verlieren ihre Strahlkraft. Sind neue Technologien ein Ersatz dafür?

Döveling: So weit würde ich nicht gehen. Eine Ergänzung ist das für einige sicherlich. Ich nehme eine Hoffnung und eine Entwicklung wahr, eine Lücke füllen zu können, die durch den Tod entsteht. Zuspruch also durch KI – und nicht durch Religion. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man versucht, alle Krankheiten zu heilen und den Tod zu verbannen, in die Krankenhäuser beispielsweise. Und dann ist er plötzlich doch da. Damit fertig zu werden, ist sehr schwer. Der Avatar ist dann orts- und zeitungebunden verfügbar. Computer an und los geht’s. Das klingt einfach, aber ich sehe auch die Gefahren.

impact: Das Thema berührt auch das Phänomen von Einsamkeit und Vereinzelung in unserer Gesellschaft. Wie kommen wir raus aus der „Einsamkeitskrise“ – ohne die Hilfe von KI?

Döveling: Ich appelliere hier noch einmal an das soziale Umfeld: Selbst, wenn es nur eine Person gibt, die einem Trauernden nahesteht, sollte diese Person sich kümmern und den Trauernden nicht allein lassen. Es kann völlig in Ordnung sein, wenn die KI am Anfang oder an besonderen Tagen wie Weihnachten unterstützt. Man sollte aber trotzdem versuchen, sich der Welt da draußen wieder zuzuwenden – im Sinne der „wiederherstellungsorientierten“ Trauer. Dabei brauchen Menschen Unterstützung – von echten Menschen.

impact: Man hört von Trauernden oft, dass sie gerade am Anfang in Träumen oder Tagträumen immer wieder intensiv mit Verstorbenen sprechen. Vielleicht ist das ein Weg, Abschied zu nehmen?

Döveling: Durchaus. Aber auch hier sollte man sich dessen bewusst sein, dass man den Verstorbenen oder die Verstorbene dadurch nicht zurückholt. Wenn man noch etwas loswerden will, kann man vielleicht besser ans Grab und sagen: „Mensch, Du, hättest Du mal…!“ Oder ein Gebet sprechen, zum Geburtstag nochmal einen Brief schreiben, einen guten Gedanken schicken. Denn eine KI ist und bleibt eine KI.

Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de

Sie könnten sich vorstellen, Ihre Erfahrungen im Rahmen eines Forschungsvorhabens zu teilen? Bitte kontaktieren Sie Professorin Döveling direkt unter: katrin.doeveling@h-da.de

Quellen

SWR Kultur, 20.6.2024: „Durch KI und Avatare mit den Toten sprechen“

Spiegel online, 14.2.2020: Mutter begegnet Tochter in der virtuellen Realität

Cordis – Forschungsergebnisse der EU, 28.7.2022: Treffen Sie Ihren digitalen Zwilling