Demokratiebildung an Hochschulen

Prof. Andreas Haidvogl im Interview
„Wir müssen die Demokratie schützen“

Wie viel „Neutralität“ kann sich eine Hochschule leisten, wenn die Demokratie unter Druck gerät? Der Politikwissenschaftler Andreas Haidvogl von der h_da vertritt dazu einen klaren Standpunkt: Es sei keine Option, sich gegenüber demokratiefeindlichen Gruppierungen neutral zu verhalten. Hochschulen und Universitäten stünden in der Pflicht, die Demokratie zu verteidigen – auch durch konkrete Angebote zur Demokratiebildung. Junge Menschen müssten systematisch dazu befähigt werden, extremistische Ideologien zu verstehen und ihnen argumentativ zu begegnen. Ein Gespräch über die Grenzen der Neutralität, über Bildung als Hebel gegen Extremismus und die Gründe für einen AfD-Verbotsantrag.

Interview: Christina Janssen, 26.8.2026

impact: Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die Umfragewerte der AfD liegen bei 42 Prozent. Wie schauen Sie auf diesen Wahltag?

Prof. Dr. Andreas Haidvogl: Natürlich mache ich mir große Sorgen. Aber diese Sorgen fokussieren sich nicht alleine auf den Wahltag. Wir gehen davon aus, dass die AfD in Sachsen-Anhalt wahrscheinlich die stärkste Partei werden wird. Es könnte sogar sein, dass sie die absolute Mehrheit gewinnt und damit alleine die Regierung stellen kann. Dieser Wahltag wird aber nur ein weiterer bedenklicher Höhepunkt im Rahmen einer Entwicklung sein, die mir insgesamt Sorge macht: Wir sehen seit einiger Zeit eine massive Rechtsverschiebung in Europa – und auch in Deutschland.

impact: Sie beschäftigen sich in Forschung und Lehre mit vielen Formen von Extremismus – mit Rechts- und Linksextremismus, Islamismus, mit der „Tradwives“-Bewegung, Verschwörungsmythen und Fake News. Von wo droht der Demokratie derzeit die größte Gefahr?

Haidvogl: Die größten Gefahren für Demokratien kommen in aller Regel von innen und nicht von außen. Wir sehen die russischen Angriffe auf die Ukraine, wir sehen Formen von externer Gewalt, die auf Demokratien einwirken. Aber in aller Regel beobachten wir, dass Demokratien von innen heraus geschwächt werden, kaputt gehen. Die größte Gefahr ist derzeit in meiner Wahrnehmung ganz klar der Rechtsextremismus. Die Demokratie steht – das klingt jetzt sehr dramatisch, aber ich meine es durchaus ernst – am Scheideweg und vor den größten Herausforderungen seit 1945. Das ist meiner Ansicht nach vielen Menschen noch nicht bewusst.

„Spätestens dann endet die Neutralität“

impact: Welche Rolle spielen die Hochschulen und Universitäten in dieser Situation? Sie sagen, die Hochschulen dürften sich hier nicht neutral verhalten, gleichzeitig verpflichtet das Grundgesetz die Hochschulen aber zu parteipolitischer Neutralität. Ist das nicht ein Dilemma?

Haidvogl: Nein, das ist kein Dilemma, denn das Neutralitätsgebot wird oft falsch verstanden. Wir haben es bei der der AfD mit einer Partei zu tun, die vom Verfassungsschutz in großen Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Das bedeutet, dass es in dieser Partei starke Bewegungen gibt, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik gerichtet sind. Spätestens an dieser Stelle endet die Neutralität staatlicher Institutionen, also auch der Hochschulen. Wir sind verpflichtet, die freiheitlich-demokratische Grundordnung und das Grundgesetz zu wahren und zu schützen. Auch wir als Lehrpersonal, von dem der Großteil verbeamtet ist und auf die Hessische Verfassung einen Diensteid geschworen hat, sind dazu verpflichtet.

impact: Wie genau kann sich eine Hochschule engagieren?

Haidvogl: Ich finde es großartig, dass die Hochschule Darmstadt über eine Antidiskriminierungsstelle verfügt, die spannende Veranstaltungen auf den Weg bringt und tolle Gäste an unsere Hochschule einlädt. Gleichwohl ist die Reichweite naturgemäß beschränkt. Wir haben als Hochschule einen noch sehr viel größeren Hebel in der Hand, und dieser Hebel ist die Lehre: Wir haben tausende von Studierenden, die Lehrveranstaltungen besuchen. Bildung ist unsere Aufgabe, sie ist der Schlüssel.

„Extremistische Botschaften erkennen und Gegenargumente entwickeln“

impact: Die Demokratiebildung ist als Auftrag auch im Hessischen Hochschulgesetz formuliert. Dort heißt es, die Ausbildung solle junge Menschen zu „verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat befähigen“. Wie setzen Sie persönlich diesen Anspruch in der Lehre um?

Haidvogl: Ich arbeite im Interdisziplinären Studienbereich Sozial- und Kulturwissenschaften (SuK) der h_da. Dort biete ich Seminare zu Themen wie „Demokratie“ und „Rechtsextremismus“ an.  In diesen Kursen geht es darum, wie die Demokratie im Moment herausgefordert wird, und darum, den Rechtsextremismus in seinen alten und neuen Formen besser zu verstehen. Wissen ist immer auch die Grundlage, um zu argumentieren und sich zu engagieren.

impact: Wie kann man denn lernen, extremistische oder demokratiefeindliche Aussagen zu erkennen, wenn sie nicht als offensichtliche Parolen daherkommen, sondern sich in Memes, Social-Media-Posts, Verschwörungsmythen oder Euphemismen wie „Remigration“ oder „Migrationswende“ verstecken?

Haidvogl: Zunächst einmal schauen wir uns die Grundbegriffe an: Was bedeutet rechts, was ist Rechtsradikalismus, was ist Rechtsextremismus? Die zentrale Problematik beginnt beim Extremismus. Dann schauen wir uns Felder an, die in diesem Zusammenhang besonders relevant sind: Genderpolitik, Identitätspolitik, Integrationspolitik. Wie positioniert sich die extreme Rechte und vor allem die neue Rechte dazu, mit welchen Strategien arbeitet sie, um ihre Ziele zu erreichen, und wie können diese Strategien entlarvt werden. Wir schauen uns Reden von AfD-Abgeordneten im Bundestag oder in Landtagen an und versuchen Formeln, die gebetsmühlenartig benutzt werden, zu identifizieren und zu analysieren. Außerdem untersuchen wir, wie die neue Rechte versucht, ihre Botschaften gerade jungen Menschen über Social Media nahezubringen. Wir arbeiten in Projekten ganz praktisch daran, diese extremistischen Botschaften zu erkennen, zu dekonstruieren und gezielt Gegenargumente zu entwickeln.

Themen, die die Studierenden auf den Nägeln brennen

impact: Ihre Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Wie erleben Sie die Diskussion mit den jungen Menschen?

Haidvogl: Die Diskussionen sind immer spannend und inspirierend. Besonders beeindruckt mich, wie groß das Interesse und das Engagement meiner Studierenden ist. Viele von ihnen sind politisch interessierte Menschen und verfolgen die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen genau. Sie erleben es als sehr positiv, dass an der Hochschule Formate angeboten werden, in denen sie sich über Themen austauschen können, die ihnen unter den Nägeln brennen.

impact: Sie sagen, die Grundlage für Widerstand ist Wissen. Im Alltag häufen sich allerdings die Begegnungen mit Menschen, die mit Fakten und guten Argumenten kaum noch zu erreichen sind. So ist die Zuwanderung für den größten Teil der AfD-Wählerinnen und -Wähler weiterhin das entscheidende Thema, obwohl die Zahlen beständig rückläufig sind. Was hilft in Situationen, in denen ein Dialog über Fakten aussichtslos erscheint?

Haidvogl: Das ist eine schwierige Frage. Bei den Wählerinnen und Wählern von rechtsextremen Parteien gibt es ein breites Spektrum. Und sicherlich sind auch einige davon bereit, in einen demokratischen Diskurs einzutreten. Aber auf der anderen Seite müssen wir wohl einfach damit leben, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die mit rationalen Argumenten nicht mehr erreicht werden können.

impact: Und die sind für alle Zeit für die Demokratie verloren?

Haidvogl: Das kann ich nicht seriös beantworten. Jedenfalls ist es schwierig, denn viel dreht sich beim Rechtsextremismus um Wut, um Angst. Das ist ein zentraler Mechanismus, mit dem rechtsextreme Populisten arbeiten – sie versuchen Ängste zu konstruieren und zu schüren. Angst ist ein irrationales Gefühl, das wir mit rationalen Argumenten nicht so einfach wegwischen können. Vielleicht sollten wir uns aber nicht gleich vornehmen, alle Menschen zu überzeugen, die aus dem demokratischen Spektrum rauszufallen drohen oder es bereits verlassen haben. Vielleicht geht es zunächst einmal darum, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Nein, das sehe ich anders. Auch das ist eine Form des diskursiven Widerstands. Denn damit wird sichtbar, dass es viele Menschen gibt, die solche Positionen nicht teilen. Um diesen Widerstand leisten zu können, brauchen wir aber erst einmal eine Wissensbasis.

impact: Es geht also darum, junge Menschen zu sensibilisieren – und zum Widerspruch zu ermutigen?

Haidvogl: Ja, denn es ist die zentrale Strategie der neuen Rechten, einen hegemonialen Kulturkampf zu führen, den Kampf über den Diskursraum. Was ist sagbar, was ist nicht sagbar? Das müssen wir erkennen und aus einer demokratischen Perspektive laut widersprechen.

impact: Wie viel „Preaching to the Converted“ ist das, oder anders gefragt: Kommen in Ihre Seminare auch mal Teilnehmende, die ganz andere Positionen vertreten?

Haidvogl: Wir wissen aus der empirischen Forschung, dass Studierende nicht besonders anfällig sind für rechtsextremen Populismus. Gleichwohl sind Studierende ja nicht nur Studierende. Sie sind auch Freund, Freundin, Tochter, sie sind in Vereinen, sie sind in der sozialen Welt engagiert. Und fast alle meine Studierenden berichten, dass es in ihrem sozialen Umfeld schon mal problematische Äußerungen gegeben hat. Deshalb ist es wichtig zu lernen, wie man die Formeln der Populisten entzaubern und mit so etwas umgehen kann. Unsere Studierenden gehen als Multiplikatoren in die Gesellschaft.

„Wir dürfen die Probleme nicht allein der Politik überlassen“

impact: Welche Rolle spielt der Rechtsextremismus in Ihrer Forschung?

Haidvogl: In meinem aktuellen Forschungsprojekt geht es darum, den Erfolg von kleinen, sich spontan entwickelnden Widerstandsbewegungen gegen Rechtsextremismus auf lokaler Ebene zu betrachten. Ich denke da zum Beispiel an die „Omas gegen Rechts“, das „Bündnis gegen Rechts“, „Bunt ohne Braun“ oder „Lorsch bleibt stabil“. Die Zivilgesellschaft ist in der Demokratie ein zentraler Faktor. Wir dürfen nicht alle Probleme allein der Politik überlassen. Wir alle haben die Pflicht für die Verfassung, für die Spielregeln einzustehen, die unser soziales und demokratisches Miteinander ausmachen.

impact: Würden Sie sich für einen AfD-Verbotsantrag aussprechen?

Haidvogl: Ja.

impact: Warum ist das für Sie – bei allen Risiken und Gegenargumenten – so klar?

Haidvogl: Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich so klar positioniert habe. Man kann das eigentliche Problem mit einem Verbotsantrag nicht aus der Welt schaffen. Wir können vielleicht Parteien verbieten, aber das Denken nicht. Die AfD ist laut aktuellen Umfragen inzwischen aber auch auf Bundesebene die mit Abstand stärkste Partei. Wie lange wollen oder können wir noch warten? Wir brauchen Rechtssicherheit.

impact: Was heißt Rechtssicherheit?

Haidvogl: Rechtssicherheit würde bedeuten, dass das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein Parteiverbot gegen die AfD ausspricht. Die Verfassungsschutzorgane auf Länder- und auf Bundesebene haben für viele Teile der Partei klare Indizien, dass es sich um eine rechtsextremistische Partei handelt, die eine ethnisch-völkische Politik verfolgt, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist, und sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik richtet. Das sind für mich gute Gründe, so rasch wie möglich Rechtssicherheit anzustreben und ein Verbotsverfahren einzuleiten. Wie das ausgeht, weiß niemand. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass ein Verbotsantrag scheitert. Das ist ein großes Risiko – aber wir brauchen Klarheit.

„Ich habe Angst, irgendwann in einem Land zu leben, in dem man Angst haben muss“

impact: Klarheit wünschen sich ganz besonders die Bildungs- und Kultureinrichtungen in Sachsen-Anhalt. Die Sorge vor radikalen Eingriffen nach einem möglichen Wahlsieg der AfD ist groß.

Haidvogl: Ja, ich denke da vor allem an unsere Kolleginnen und Kollegen an den Hochschulen in Magdeburg, Halle, Merseburg oder an den Kulturbetrieb. Die AfD hat bereits angekündigt, fundamental in die Bildungs- und Kulturpolitik eingreifen zu wollen. Denken wir an die unsägliche Kritik am Bauhaus oder die Forderung, dass nur noch Kunstprojekte eine staatliche Förderung erhalten sollen, die einen Beitrag zur „deutschen Identitätsfindung“ leisten – was auch immer das bedeuten soll. Auch für die Hochschulpolitik werden groteske Forderung wie beispielsweise die Abschaffung der Genderstudies gefordert. Damit steht letztlich auch die Freiheit von Wissenschaft und Lehre zur Disposition. Und nicht zuletzt deswegen dürfen wir uns als Hochschule nicht zurücklehnen.

impact: Sie zeigen Gesicht in dieser Debatte. Haben Sie Angst?

Haidvogl: Ich begreife es nicht nur als Bürger dieses Landes, sondern als Politikwissenschaftler und auch als Beamter an einer deutschen Hochschule als meine Pflicht, mich antidemokratischen Bewegungen entgegenzustellen. Ich habe keine Angst um meine Person, aber ich habe Angst, irgendwann in einem Land zu leben, in dem man Angst haben muss. In der dunkelsten Geschichte dieses Landes gab es schon mal eine Zeit, in der viele Menschen große Angst haben mussten. Und wir müssen heute alles dafür tun, was in unserer Macht steht, damit das niemals wieder passiert.

Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
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Fotografie: Samira Schulz