Vibe Shift und Wirtschaftswachstum
Noch vor Kurzem war der Klimawandel in der öffentlichen Debatte allgegenwärtig. Heute erlebt das Thema zwar anlässlich sommerlicher Hitzerekorde hier und da eine kleine Renaissance, die Schlagzeilen bestimmen aber andere Fragen: Reformstau, Inflation, Rechtspopulismus, transatlantische Zerwürfnisse und die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten. Der Ökonom und Soziologe Prof. Dr. Thomas Döring von der h_da beobachtet einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Stimmungswandel. Im aktuellen impact-Interview spricht er über den sogenannten Vibe-Shift, über Zukunftsängste, nachhaltiges Wachstum und darüber, warum Verzicht allein keine Antwort auf die ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit ist.
Interview: Christina Janssen, 6.7.2026
impact: Nach dem Wahlsieg von Donald Trump 2024, sprach der Historiker Niall Ferguson von einem globalen Vibe-Shift, politische und kulturelle Grundwerte seien weltweit im Wandel. Beobachten Sie das auch in Deutschland?
Prof. Dr. Thomas Döring: Ja, das würde ich auch für Deutschland so sehen. Interessanterweise wird dieser Wandel schon seit einiger Zeit in der Soziologie beschrieben. Ingolfur Blühdorn etwa spricht davon, dass nicht nur unser bisheriges Wachstumsmodell an seine Grenzen stößt. Seiner Analyse zufolge ist auch das ökologisch-emanzipatorische Projekt gescheitert. Stattdessen beobachtet er eine Gesellschaft, die sich zunehmend von diesen Zielen verabschiedet und stärker auf Ausgrenzung, Nationalismus und autoritäre Regierungsformen setzt.
impact: Damit steht Blühdorn nicht allein.
Döring: Nein. Auch der Soziologe Philipp Staab beschreibt den Übergang von einer Gesellschaft der Selbstentfaltung zu einer Gesellschaft des Selbsterhalts. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass die Probleme inzwischen größer geworden sind als unsere Fähigkeit, sie zu lösen. Deshalb versuchen viele Menschen vor allem zu bewahren, was sie erreicht haben. Das beschreibt auch der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch Verlust: Moderne Gesellschaften leben vom Versprechen, dass es den Menschen immer besser gehen wird. Seit der Jahrtausendwende sind die wahrgenommenen Verluste aber größer als die Gewinne. Dadurch entstehen Enttäuschung und Zukunftsängste – und genau das stärkt wiederum die Tendenz zum Selbsterhalt. Das deckt sich sehr gut mit dem, was heute unter dem Begriff Vibe-Shift diskutiert wird.
impact: Und Sie teilen diese Diagnose?
Döring: Ja. Ich glaube, dass sich die Wertvorstellungen in den westlichen Demokratien deutlich verschoben haben. Vielleicht nicht ganz so stark wie in den USA, aber auch in Deutschland erleben wir einen echten Bruch.
Wie der Klimaschutz aus dem Fokus geriet
impact: Vor zwei Jahren waren die Themen Klimawandel und grünes Wachstum politische Kernagenda – heute sind sie beinahe ein Minderheitenthema. Was ist passiert?
Döring: Ich würde sogar noch etwas weiter zurückgehen. Für mich war die Corona-Pandemie der eigentliche Einschnitt. Die Klimaproteste verschwanden praktisch über Nacht, weil plötzlich andere Krisen dominierten. Danach folgten der russische Angriff auf die Ukraine, die Energiekrise und weitere geopolitische Konflikte. Diese Kette von Krisen hat den Klimawandel aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt.
impact: Obwohl das Problem geblieben ist.
Döring: Das Problem verschwindet ja nicht, nur weil kaum noch darüber gesprochen wird. Wir werden seine Folgen mit Sicherheit noch deutlich zu spüren bekommen.
impact: Warum werden komplexe, langfristige Themen von aktuellen Krisen an den Rand gedrängt?
Döring: Weil Menschen sehr stark auf das Hier und Jetzt reagieren. Psychologen sprechen von einer Gegenwartspräferenz, und wir Ökonomen kennen dieses Phänomen ebenfalls. Akute Krisen überlagern langfristige Entwicklungen. Deshalb haben Themen wie Klimawandel oder Artenverlust politisch einen schweren Stand, obwohl sie auf lange Sicht enorme Folgen haben.
Drei Säulen des grünen Wachstums
impact: Die Frage nach einer langfristig tragfähigen und nachhaltigen Ökonomie zieht sich als roter Faden durch Ihre Forschung. Können wir Wachstum, Wohlstand und Nachhaltigkeit miteinander verbinden – oder müssen wir uns auf eine „Postwachstumsökonomie“ einstellen, also ein Wirtschaften unter Verzicht auf weiteres Wachstum?
Döring: Ich glaube, über die Diagnose besteht weitgehend Einigkeit: Unser bisheriges Wachstumsmodell hat materiellen Wohlstand geschaffen, stößt aber an ökologische Grenzen und hat zugleich die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen vergrößert. Darüber herrscht inzwischen ein breiter Konsens. Mein Problem mit der Postwachstumsökonomie ist, dass sie viele Zutaten für eine bessere Gesellschaft beschreibt, aber selten den Weg dorthin. Nachhaltige Entwicklung umfasst immer drei Dimensionen: die ökologische, die soziale und die ökonomische. Genau das war die Grundidee des Brundtland-Berichts, in dem die Vereinten Nationen 1987 den Begriff des nachhaltigen Wachstums erstmals definiert haben. Nachhaltigkeit bedeutet, diese drei Ziele miteinander zu verbinden. Wenn ich eine dieser Säulen ausblende, geht die Kernidee verloren.
impact: Ist dann das viel beschworene „Grüne Wachstum“ der richtige Weg, ein Wirtschaftswachstum durch gesellschaftliche Innovation und Investitionen in Zukunftstechnologien?
Döring: Ja – aber nicht so, wie es oft dargestellt wird. Häufig wurde der Eindruck vermittelt, der Umstieg auf nachhaltige Technologien führe automatisch zu neuen Wachstumsschüben. Das halte ich für ein falsches Versprechen. Zunächst ersetzen wir lediglich alte Produktionsgrundlagen durch neue. Das macht unsere Wirtschaft klimafreundlicher, erzeugt aber noch kein zusätzliches Wachstum.
impact: Wie entsteht dann wirklich nachhaltiges Wachstum?
Döring: Es entsteht erst dann, wenn Innovationen die Produktivität erhöhen. Erst wenn neue Technologien oder soziale Innovationen dafür sorgen, dass wir mit den vorhandenen Ressourcen effizienter wirtschaften, entsteht tatsächliches Wachstum.
impact: Viele Menschen glauben aber, dass mehr Wachstum nur durch Konsum und Ressourcenverbraucht möglich ist.
Döring: Das halte ich für ein Missverständnis. Die eigentliche Quelle wirtschaftlichen Wachstums ist nicht der Verbrauch von immer mehr Ressourcen, sondern neues Wissen. Der knappe Faktor ist nicht das Material, sondern die Fähigkeit, bessere Ideen zu entwickeln und vorhandene Ressourcen intelligenter zu nutzen.
impact: Wie sieht das konkret aus?
Döring: Nehmen wir das Beispiel Mobilität. Es reicht nicht, Verbrenner einfach durch Elektroautos zu ersetzen. Wir müssen den öffentlichen Verkehr attraktiver machen, in die Infrastruktur investieren, neue Speichertechnologien entwickeln, leichtere Materialien einsetzen oder das Recycling verbessern. Genau an solchen Fragen wird auch an der h_da in verschiedenen Fachbereichen geforscht.
impact: Im Moment scheint Deutschland diesen Wandel eher zu verschlafen.
Döring: Das sehe ich auch so. Gerade bei der Elektromobilität haben wir uns zu lange auf den Erfolgen der Verbrennertechnologie ausgeruht. Andere Länder wie China haben inzwischen die Innovationsführerschaft übernommen. Wenn wir wieder wettbewerbsfähig werden wollen, reicht es nicht, Bestehendes aufzuholen. Wir brauchen die nächste Innovationsstufe.
Politik schürt falsche Erwartungen
impact: Viele Menschen empfinden Veränderungen als Bedrohung.
Döring: Das ist verständlich. Jeder Strukturwandel bringt Gewinner und Verlierer hervor. Das eigentliche Problem entsteht aber, wenn Politik den Eindruck vermittelt, bestehende Strukturen dauerhaft erhalten zu können. Dadurch werden Erwartungen geweckt, die sich langfristig nicht erfüllen lassen – und genau daraus wachsen Zukunftsängste.
Zur Person
Prof. Dr. Thomas Döring ist Professor für Politik und Institutionen mit Schwerpunkt Öffentliche Finanzen und Institutionenökonomik am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Hochschule Darmstadt (h_da). Er leitet einen Arbeitskreis der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft zur Reform der Kommunalfinanzen. Zudem moderiert er öffentliche Diskussionsveranstaltungen und ist gefragter Interviewgast im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in überregionalen Zeitungen. Foto: h_da / Markus Schmidt
impact: Lässt sich ein solcher Wandel überhaupt sozial verträglich gestalten?
Döring: Ganz ohne Belastungen wird das nicht gelingen. Strukturwandel war immer schmerzhaft. Denken Sie an den Niedergang des Bergbaus, der Stahlindustrie oder der Textilbranche in verschiedenen Regionen in Deutschland. Entscheidend ist, dass gleichzeitig neue Wirtschaftszweige entstehen. Politik sollte deshalb weniger Geld darauf verwenden, alte Strukturen – wie etwa in der Automobilindustrie – künstlich zu erhalten, sondern bessere Rahmenbedingungen für neue schaffen.
impact: Wie oder ob unser bisheriges Modell zu wirtschaften noch funktioniert, erleben und beobachten Bürgerinnen und Bürger tagtäglich vor Ort: in den Städten und Gemeinden. Wie bewerten Sie die Lage der Kommunen?
Döring: Sie ist dramatischer als je zuvor. So hohe kommunale Defizite wie derzeit hat es seit Gründung der Bundesrepublik nicht gegeben. Allein in den vergangenen drei Jahren haben sich die Defizite auf mehr als 60 Milliarden Euro summiert. Das zeigt: Wir haben hier wirklich ein strukturelles Problem.
impact: Woran liegt das?
Döring: Die Einnahmen der Kommunen wachsen zwar, aber längst nicht so schnell wie ihre Ausgaben. Gleichzeitig leidet die deutsche Wirtschaft seit Jahren unter schwachem Wachstum. Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht: Die Kommunen erhalten rund 15 Prozent der gesamtstaatlichen Steuereinnahmen, müssen aber etwa 25 Prozent der öffentlichen Ausgaben tragen. In wirtschaftlich guten Zeiten ließ sich diese Lücke noch schließen. Heute funktioniert das nicht mehr.
impact: Ist das Problem durch die Einigung von Bund und Ländern zur Entlastung von Ländern und Kommunen gelöst? Ab sofort gilt das Prinzip „Wer bestellt, zahlt“.
Döring: Grundsätzlich ja. Wer Aufgaben beschließt, sollte sie auch finanzieren. Das entspricht dem Konnexitätsprinzip. Allerdings habe ich den Gesetzentwurf noch nicht gesehen. Nach allem, was bisher bekannt ist, erscheint mir zum einen das Volumen der Entlastung deutlich zu gering. Zum anderen soll die neue Regel nur für zukünftige Aufgabenübertragungen gelten. d.h. an den bestehenden Konnexitätslücken ändert sich durch diese Entlastung nichts.
impact: Was sind die Kostentreiber, die den Kommunen zu schaffen machen?
Döring: Anders als oft behauptet, sind es nicht in erster Linie Bürgergeld oder Asylbewerberleistungen. Besonders stark steigen die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe und für die Eingliederungshilfe. Über diese Leistungen entscheidet der Bund, finanziert sie aber nur teilweise. Die Hauptlast tragen die Kommunen.
Investitionen in Forschung, Bildung und Entwicklung
impact: Eine viel diskutierte Möglichkeit, Geld ins System zu bringen, wäre eine Vermögenssteuer, wie sie auch Ihr Fachkollege Ulrich Klüh von der h_da fordert. Sehen Sie das ähnlich?
Döring: Ja. Ich halte es für einen Fehler, dass die Vermögensteuer in den 1990er Jahren im Zuge der Deutschen Einheit abgeschafft wurde. Seitdem hat sich die Vermögensungleichheit weiter vergrößert. Man könnte auch bei der Erbschaftssteuer ansetzen. Beides könnte dazu beitragen, öffentliche Investitionen zu finanzieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Den Kommunen kämen diese Einnahmen allerdings nur zugute, wenn sie über den kommunalen Finanzausgleich weitergegeben würden. Das geschieht bislang kaum.
impact: Bundeskanzler Friedrich Merz ist der Auffassung, man könne viele Probleme durch mehr Arbeit lösen. Stimmt das?
Döring: Das greift aus meiner Sicht zu kurz. Die Zahlen der OECD zur Arbeitsleistung pro Kopf in den Mitgliedsländern werden häufig missverstanden. Deutschland hat eine sehr hohe Teilzeitquote, das führt zu Verzerrungen in der Statistik. Ein Beispiel: Von einem Ehepaar arbeitet ein Partner 100 Prozent, der andere zuerst gar nicht, im nächsten Jahr beginnt er oder sie aber eine Teilzeitbeschäftigung mit 50 Prozent. Statistisch haben wir dann im ersten Jahr pro arbeitender Person 100 Prozent und im zweiten – bei zwei arbeitenden Personen – nur noch 75 Prozent. Das Arbeitsvolumen sinkt also auf dem Papier, insgesamt wird aber nicht weniger gearbeitet, sondern mehr. Sinnvoller als längere Arbeitszeiten zu fordern wäre es, die Rahmenbedingungen zu verbessern, damit Menschen, die mehr arbeiten möchten, das auch können – etwa durch bessere Kinderbetreuung oder die Reform des Ehegattensplittings.
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impact: Das entscheidende Problem liegt also an anderer Stelle.
Döring: Entscheidend ist die Produktivität. Deutschland ist in den vergangenen Jahren weniger innovativ geworden. Darauf hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – die „Fünf Weisen“ – schon vor Jahren hingewiesen. Deshalb brauchen wir vor allem Investitionen in Forschung, Entwicklung und Bildung. Das sind die eigentlichen Grundlagen künftigen Wachstums.
impact: Es geschieht aber vielerorts das Gegenteil, Landesregierungen wie hier in Hessen sparen an den Hochschulen.
Döring: Genau das ist das Problem. Wenn wir ausgerechnet bei Forschung und Entwicklung sparen, schwächen wir unsere Zukunftsfähigkeit. Das gilt auch mit Blick auf den hessischen Hochschulpakt.
impact: Wenn Sie der Bundesregierung ein Sofortprogramm empfehlen müssten – was stünde ganz oben?
Döring: Ich will nicht nur über die Bundesregierung meckern. Positiv finde ich, dass bei der Reform der Rentenversicherung endlich Bewegung entstanden ist. Ähnlichen Mut brauchen wir auch bei der Kranken- und Pflegeversicherung. Gleichzeitig müssen wir deutlich stärker in Infrastruktur investieren. Der Investitionsrückstand der Kommunen ist enorm und lässt sich mit den bisherigen Programmen nicht abbauen.
impact: Was wäre außerdem wichtig?
Döring: Forschung und Entwicklung müssen stärker gefördert werden, wir brauchen Investitionen in Schulen und Hochschulen. Wer heute in Bildung investiert, schafft die Grundlage für den Wohlstand von morgen. Dort entscheidet sich, ob Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen kann.
impact: Warum fällt der Politik das so schwer?
Döring: Weil Strukturreformen kurzfristig oft unpopulär sind. Regierungen stehen immer unter dem Druck der nächsten Wahl und bedienen deshalb häufig einzelne Interessengruppen. Langfristige Investitionen zahlen sich dagegen oft erst Jahre später aus.
impact: Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: dem Vibe-Shift. Ist der auch Ausdruck eines mangelnden Vertrauens in die Zukunft?
Döring: Wenn Politik vor allem versucht, Bestehendes zu bewahren, statt Zukunft aktiv zu gestalten, verstärkt das den Eindruck des Stillstands. Genau daraus entstehen Unsicherheit und Zukunftsängste.
impact: Sind Sie trotzdem optimistisch?
Döring: Ja. Aber nur, wenn wir den Mut aufbringen, wieder stärker in die Zukunft zu investieren – in Innovation, Bildung, Forschung und eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur. Transformation gelingt nicht durch Stillstand, sondern dadurch, dass wir Veränderung gestalten. Darin liegt die eigentliche Aufgabe von Politik.
Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion
Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
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