Demokratieforschung
Die Demokratie steht unter Druck – so viel ist schnell gesagt. Doch was genau bedeutet das eigentlich, jenseits von Schlagzeilen und Wahlprognosen? Und wie zeigt sich dieser Druck dort, wo Demokratie im Alltag gelebt wird: in Vereinen, Initiativen und lokalen Netzwerken? Im hessenweiten Forschungsverbund „DemoReg“ untersucht Charlotte Dany, Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation an der Hochschule Darmstadt, wie sich demokratische Regression in der Zivilgesellschaft bemerkbar macht. Ein Gespräch über Vereinnahmung und Offenheit, über Fakten und Gefühle – und über die Frage, wie viel Konflikt eine Demokratie aushalten muss.
Interview: Christina Janssen, 2.2.2026
impact: Der Forschungsverbund ist groß, die Themen komplex. Worum geht es bei „DemoReg“?
Dany: „DemoReg“ steht für demokratische Regression. Der Verbund umfasst rund 35 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Hessen, aus Universitäten, Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Zunächst geht es um die grundlegende Frage: Was bedeutet demokratische Regression überhaupt? Wir hören ständig, Demokratie sei in der Krise oder auf dem Rückzug. Regression ist ein Konzept, mit dem wir diese Entwicklungen genauer fassen wollen.
impact: Was ist der Unterschied zwischen Regression und Rückschritt?
Dany: Rückschritt – oder auch Fortschritt – impliziert eine lineare, zeitliche Entwicklung. Aber so einfach ist das nicht. Demokratie war immer umkämpft und hat sich ständig verändert. Regression verstehen wir deshalb eher als komplexen Transformationsprozess, der nicht linear verläuft. Es geht nicht einfach nur vor oder nur zurück, sondern um Verschiebungen und Neuverhandlungen demokratischer Praxis oder eben auch deren Aushöhlung.
impact: Welche spezifische Perspektive bringt die Hochschule Darmstadt in das Forschungsprojekt ein?
Dany: Wir untersuchen, wie sich demokratische Regression auf die Zivilgesellschaft auswirkt – konkret auf Vereine und Initiativen in Hessen. Also auf Sportvereine, Feuerwehren, kulturelle oder politische Initiativen. Das sind Orte, an denen Demokratie im Alltag gelebt wird, an denen sie aber auch unter Druck geraten kann.
impact: Was genau meinen Sie damit?
Dany: Wir beobachten derzeit den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in vielen europäischen Ländern und eine Normalisierung rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung. Das zeigt sich nicht nur bei Wahlen, sondern auch im Alltag, in der Familie, in Gesprächen, im Vereinsleben. Rechtsextreme Akteure versuchen gezielt, über Vereine Menschen zu erreichen, Vertrauen aufzubauen, besonders bei Jugendlichen. Man könnte von Unterwanderung oder Vereinnahmung sprechen.
Prof. Dr. Charlotte Dany ist seit März 2023 Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Hochschule Darmstadt. Zuvor leitete sie drei Jahre lang als Geschäftsführerin die Friedensakademie Rheinland-Pfalz, eine Einrichtung zu Friedens- und Konfliktthemen in Wissenschaft und Gesellschaft. Davor war sie mehrere Jahre als Postdoktorandin an der Goethe-Universität Frankfurt tätig. Charlotte Dany ist habilitierte Politikwissenschaftlerin. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit Friedens-, Konflikt- und Demokratieforschung, insbesondere mit NGOs, Zivilgesellschaft sowie Fragen der Krisenhilfe, Nothilfe und humanitären Organisationspolitik. Foto: h_da / Samira Schulz
impact: Ist das schon ein Beispiel für „demokratische Regression“?
Dany: Das kann ein Ausdruck davon sein. Ein anderer Aspekt ist der wachsende politische und ökonomische Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen: Zweifel an ihrer Gemeinnützigkeit, Vorwürfe mangelnder Neutralität, der Entzug von Fördermitteln. Wenn dadurch Engagement behindert wird, sprechen wir von regressiven Tendenzen. Die Frage ob wir davon schon flächendeckend sprechen können, ist Teil unserer Forschung. Das Projekt zielt darauf ab, für Hessen herauszufinden: Wie schränken solche regressiven Tendenzen die demokratische Funktion von Zivilgesellschaft ein? Und wie können zivilgesellschaftliche Initiativen darauf reagieren?
impact: Wie gehen Sie methodisch vor?
Dany: Wir führen vor Ort qualitative Interviews. Wir sondieren das Feld, sprechen mit Verbänden und Beratungsstellen, etwa aus dem Bereich der Demokratiearbeit. Ziel ist es, exemplarische Konfliktfälle in Hessen zu identifizieren, die wir dann vertieft untersuchen – beispielsweise mit weiteren Interviews, Medienanalysen und partizipativen Formaten. Dabei haben wir aber nicht nur den Teil der Zivilgesellschaft im Blick, den man automatisch mit Demokratie und Vielfalt in Verbindung bringt, sondern zum Beispiel auch Schützenvereine oder die hessischen Landfrauen. Die leisten auch sehr viel Demokratiearbeit. Und natürlich gibt es auch zivilgesellschaftliche Gruppen, die wir als Gefahr für Demokratie betrachten müssen.
impact: Welche partizipativen Elemente sind Teil Ihrer Forschung?
Dany: Wir planen Veranstaltungen mit Teilnehmenden aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Im Frühjahr planen wir einen Workshop mit jugendlichen Engagierten an der Universität Kassel für einen Austausch und Vernetzung. Gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Frankfurt denken wir über eine Veranstaltung nach, die die Stadtöffentlichkeit in Frankfurt zusammenbringen soll – möglichst unterschiedliche Menschen, das gesamte Spektrum. Wir möchten zuhören, wie worüber diskutiert wird. Das nehmen wir in unsere Forschung auf.
impact: Ist nicht bei Gesprächen mit Menschen unterschiedlicher Wertvorstellungen oft das Problem, dass Fakten nicht fruchten? Studien zeigen, dass man Menschen eher über die Gefühlsebene erreicht. Wie gehen Sie als Wissenschaftlerin damit um?
Dany: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man weiß natürlich: In einem Konflikt hilft es nicht, aus einer Position der „Wissenden“ heraus Fakten auf den Tisch zu legen. Im Gegenteil: Man muss bereit sein zuzuhören. Wenn es um Demokratie geht, geht es auch um Emotionen. Diese Emotionen zeigen uns was, zum Beispiel, wie stark ein Konflikt ist oder wo er herrührt. Das nehmen wir in unserer wissenschaftlichen Arbeit erstmal so auf, ohne selbst unsere Emotionen zu stark in den Vordergrund zu stellen oder gleich vermeintliche Fakten dagegen in Anschlag zu bringen.
impact: Am Ende geht es aber auch um den praktischen „Nutzen“. Was soll aus dem Projekt hervorgehen?
Dany: Neben wissenschaftlichen Publikationen wollen wir etwas entwickeln, das für Vereine konkret nutzbar ist: keinen starren Maßnahmenkatalog, sondern eher einen Wegweiser. Welche Dilemmata gibt es? Welche Strategien haben sich bewährt? Viele Vereine haben bereits eigene Lösungen entwickelt. Diese wollen wir bündeln, systematisieren und sichtbar machen. Außerdem gibt es aus den ostdeutschen Bundesländern schon gute Forschungsstudien, die sehr praxisorientiert sind. Wir möchten schauen, was wir aus diesen Erfahrungen auf Westdeutschland übertragen können.
impact: Sie sprechen von Dilemmata. Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Dany: Stellen Sie sich vor, eine engagierte Person in einem Verein hat eine führende Rolle in einer rechtsextremen Jugendorganisation. Sie ist fachlich kompetent, beliebt, vielleicht ein Vorbild für Jugendliche. Ausschluss widerspricht dem Ideal von Offenheit und Inklusion, Nichtstun kann aber ebenso demokratische Werte untergraben. Dieses Spannungsfeld ist schwer aufzulösen – rechtlich, moralisch und praktisch.
impact: Was motiviert Sie persönlich, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen?
Dany: Mich motiviert die Idee von Zivilgesellschaft als demokratischer Kraft. Und es freut mich, dass das Projekt DemoReg die Gelegenheit bietet, die Zivilgesellschaft zu stärken. Biografisch geprägt hat mich mein Wohnort Hambach. Das Hambacher Schloss ist ein Ort der Demokratiegeschichte. Als wir dorthin zogen, begannen gerade die rechten Aufmärsche um das Schloss herum, „Reenactments“ des Hambacher Festes – immer im Namen der Demokratie. Die Kommune und die verwaltende Stiftung wollten darauf erst einmal gar nicht reagieren, vielleicht hat man das Problem nicht gesehen oder wollte nicht als „Nazi-Ort“ abgestempelt werden. Das fand ich von Anfang an nicht richtig. Und es zeigte sich, dass es auch keine gute Strategie war. Deshalb hat die Kommune später ihre Strategie geändert, auch auf Druck zivilgesellschaftlicher Initiativen. Und das hat mich zu meinem aktuellen Thema gebracht. Ich habe mich gefragt: Wo findet das noch statt und wie kann man sich wehren, wenn der Kampf von beiden Seiten im Namen der Demokratie geführt wird.
impact: Das Projekt DemoReg läuft bis 2028. Was möchten Sie bis dahin erreicht haben?
Dany: Eine solide empirische Basis, belastbare Analysen und vor allem Ergebnisse, die auch außerhalb der Wissenschaft Wirkung entfalten. Demokratieprobleme verschwinden nicht von selbst. Umso wichtiger ist es, vorbereitet zu sein – gemeinsam mit denen, die Demokratie im Alltag tragen.
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Christina Janssen
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