Forschung zu Vermögenssteuer

Vier Personen aus dem Team lächeln in die Kamera
Die Finanzierung des Wandels

Klimakrise, soziale Ungleichheit und knappe öffentliche Kassen werden meist als getrennte Themen diskutiert. Das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschungsprojekt „Vermögensbezogene Steuern in der sozial-ökologischen Transformation“ an der Hochschule Darmstadt (h_da) zeigt jedoch: Vermögensbezogene Steuern könnten die sozial-ökologische Transformation finanzieren, politische Steuerungsimpulse setzen und Verteilungskonflikte verringern. Eine weitere Erkenntnis: Viele dieser Instrumente stoßen auf breite Zustimmung, werden politisch bislang aber trotzdem kaum genutzt. Im aktuellen impact-Interview stellen Projektleiter Professor Ulrich Klüh und Leah Sinsel vom Fachbereich Wirtschaft der h_da gemeinsam mit Dr. Julia Teebken vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) die Ergebnisse ihrer Forschung vor.

Interview: Christina Pfänder, 6.7.26

impact: Was war die Motivation für Ihr Forschungsprojekt – und welche zentrale Frage hat Sie dabei geleitet?

Prof. Dr. Ulrich Klüh: Wir haben untersucht, welchen Beitrag vermögensbezogene Steuern zur sozial-ökologischen Transformation leisten können – also zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und weiteren ökologischen Herausforderungen. Die Motivation war, dass vermögensbezogene Steuern in drei zentralen Bereichen bislang erstaunlich wenig Beachtung finden: bei der Finanzierung dieses Umbaus, bei seiner politischen Steuerung und bei den damit verbundenen Verteilungsfragen. Denn dieser Wandel bringt Gewinner und Verlierer hervor.

impact: Sie beschreiben die aktuelle Situation als „Polykrise“. Was macht diesen Begriff für Ihr Projekt so wichtig?

Klüh: Aus Sicht vieler Menschen ist die Transformation ins Stocken geraten. Wir erleben eher einen Greenlash oder Backlash – also Rückschritte. Deshalb wollten wir nicht länger nur von Transformation sprechen, sondern deutlich machen, dass wir es mit verschiedenen, eng miteinander verschränkten Krisen zu tun haben. Vor diesem Hintergrund hat uns besonders interessiert, warum die Verknüpfung von Klima-, Finanzierungs- und Verteilungsfragen bislang nur selten in konkrete politische Strategien übersetzt wird.

impact: Was sind die zentralen Erkenntnisse Ihres Projekts?

Klüh: Unser Projekt zeigt, dass vermögensbezogene Steuern weit mehr sind als ein Finanzierungsinstrument. Sie können auch politische Steuerungsimpulse setzen und machen sichtbar, wie eng Verteilungsfragen und ökologische Veränderungen zusammenhängen. Ein Beispiel ist die Grundsteuer. Sie wäre grundsätzlich gut geeignet, den Flächenverbrauch zu reduzieren, indem große und flächenintensive Immobilien stärker belastet werden. Dadurch entstünden Anreize für einen sparsameren Umgang mit Fläche.

impact: Wie ließe sich die sozial-ökologische Transformation aus Ihrer Sicht finanzieren?

Klüh: Hier ist eine allgemeine Vermögensteuer ein wirksames Instrument. Wir wissen, dass sich immer mehr Vermögen in den Händen sehr weniger Menschen konzentriert. Eine Vermögensteuer auf sehr hohe Vermögen könnte gezielt eingesetzt werden, um ökologische und soziale Projekte zu finanzieren – etwa im Gesundheitswesen. Dort zeigt sich schon heute, dass der Klimawandel erhebliche zusätzliche Investitionen erfordert.

impact: Im Mai haben Sie einen Abschlussworkshop zu Ihrem Forschungsprojekt veranstaltet. Welche konkreten Themen wurden diskutiert?

Klüh: Im Workshop ging es vor allem darum, welche vermögensbezogenen Steuern sich für unterschiedliche politische Ziele eignen und wie sie konkret ausgestaltet werden könnten. Diskutiert wurde beispielsweise die Frage, ob eine Erbschaftsteuer oder eine allgemeine Vermögensteuer der geeignetere Ansatz ist. Interessant war dabei, dass in Wissenschaft und Politik häufig die Erbschaftsteuer bevorzugt wird, während die Bevölkerung eher einer allgemeinen Vermögensteuer zustimmt. Zur Debatte stand auch, ob eher das Gesamtvermögen oder gezielt bestimmte Vermögensgegenstände – etwa große Immobilien, Yachten oder Privatflugzeuge – stärker besteuert werden sollten. Auffällig war zudem, dass zwischen den Beteiligten deutlich mehr Konsens bestand als erwartet – politisch spiegelt sich das bislang allerdings kaum wider.

impact: Ziel war es, Perspektiven aus Sozial-, Klima-, Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik zusammenbringen. Ist das gelungen?

Julia Teebken: Ja. Besonders wertvoll war der Austausch zwischen Akteuren und Akteurinnen aus Bereichen, die sonst nur selten gemeinsam diskutieren. Zunächst haben wir die verschiedenen Krisen aus ihren jeweiligen Blickwinkeln betrachtet und anschließend immer konkreter über einzelne Politikfelder gesprochen. Dabei zeigte sich, dass die diskutierten Steuerinstrumente sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten können: Während etwa die Grundsteuer Anreize für einen sparsameren Umgang mit Fläche setzen kann, könnte eine allgemeine Vermögensteuer gezielt ökologische und soziale Investitionen finanzieren. In der politischen Debatte wird diese Differenzierung häufig zu wenig berücksichtigt. Mehr Praxisperspektiven hätten wir uns allerdings gewünscht – insbesondere aus Kommunen sowie der Arbeitsmarkt- und Umweltpolitik.

Klüh: Der Workshop hat außerdem gezeigt, dass Menschen aus der Umwelt- und Klimapolitik Finanzierungsfragen häufig nicht mitdenken – und umgekehrt. Dabei hängen diese Themen eng zusammen und müssten viel stärker gemeinsam diskutiert werden.

impact: Gab es Themen oder Konfliktlinien, bei denen die Meinungen besonders weit auseinanderlagen?

Klüh: Überrascht hat mich, dass die Unterschiede bei den vermögensbezogenen Steuern selbst kleiner waren als erwartet. Kontrovers diskutiert wurde weniger über die Ziele als über die Frage, welche Instrumente – etwa eine Erbschaftsteuer, eine allgemeine Vermögensteuer oder die stärkere Besteuerung bestimmter Vermögensgegenstände – dafür am besten geeignet sind.

Leah Sinsel: Die größten Differenzen zeigten sich bei der Frage nach dem Wirtschaftswachstum. Die einen waren überzeugt, dass wirtschaftliches Wachstum auch künftig möglich ist – allerdings unter anderen Rahmenbedingungen und mit einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise. Andere hielten eine sozial-ökologische Transformation langfristig nicht mit weiterem Wachstum für vereinbar. Dazwischen lagen viele Abstufungen, aber diese Debatte zog sich durch den gesamten Workshop.

impact: Sie wollten im Workshop nicht nur über einzelne Steuerinstrumente diskutieren, sondern auch darüber, wie gesellschaftlicher Wandel insgesamt gelingen kann. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die politische Praxis ableiten?

Teebken: Mich hat beeindruckt, dass viele der diskutierten Ansätze – von der Erbschaftsteuer über die gezielte Besteuerung besonders großer Vermögen bis hin zu Abgaben auf sehr ressourcenintensive Luxusgüter – auf breite Zustimmung stoßen und Veränderungen trotzdem ausbleiben. Deshalb sollten wir besser verstehen, wo Wandel blockiert wird und welche Interessen dahinterstehen. Politische Prozesse sind häufig darauf ausgerichtet, Konflikte zu vermeiden. Tatsächlich müssen wir Verteilungskonflikte aber offen austragen und unterschiedliche Interessen sichtbar machen.

Sinsel: Unsere Medienanalyse hat deutlich gemacht, dass Befürworter vermögensbezogener Steuern meist mit Gerechtigkeit argumentieren, während Gegner wirtschaftliche oder praktische Einwände anführen – etwa Verwaltungsaufwand, Kapitalflucht oder geringere Investitionen. Daraus lässt sich ableiten, dass diese Argumente stärker aufgegriffen und mit konkreten Konzepten beantwortet werden müssen.

impact: Was spricht aus Ihrer Sicht gegen diese häufig geäußerte Annahme, vermögensbezogene Steuern schadeten der Wirtschaft?

Klüh: In England hat eine Vermögensteuerkommission diese Argumente vor einigen Jahren sehr gründlich untersucht. Wenn man ihre Ergebnisse zusammenfasst, lässt sich sagen: Solange vermögensbezogene Steuern nicht so hoch sind, dass sie als Enteignung empfunden werden, lassen sich viele dieser Probleme lösen. So gibt es etwa sogenannte Exit Taxes: Wer Vermögen ins Ausland verlagert, wird beim Wegzug noch einmal besteuert. Darüber hinaus existieren unterschiedliche Möglichkeiten, vermögensbezogene Steuern wirksam auszugestalten. Es gibt inzwischen sogar Forschung, die zu dem Schluss kommt, dass die starke Konzentration von Vermögen in den Händen weniger die wirtschaftliche Dynamik eher bremst. Insofern können vermögensbezogene Steuern unter bestimmten Voraussetzungen wirtschaftliche Entwicklung sogar fördern.

impact: Was passiert nun mit den Ergebnissen des Projekts – und was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Teebken: Aus dem Workshop entstehen zwei Publikationen. Das eine richtet sich an Praxisakteure und soll zeigen, welche Rolle vermögensbezogene Steuern in unterschiedlichen Politikfeldern spielen können. Im zweiten geht es um politische Optionen und darum, welche Strategien sich für den Umgang mit der Polykrise ableiten lassen. Besonders der zweite Workshoptag hat gezeigt, wie produktiv der gemeinsame Austausch war. Ihm würden wir beim nächsten Mal noch mehr Raum geben.

Klüh: Inhaltlich knüpfen wir mit unseren nächsten Forschungsvorhaben an mehreren Stellen an das Projekt an. Ein Thema sind makroökonomische Modelle, die wir unter anderem im Rahmen von Leah Sinsels Dissertation und eines europäischen Forschungsprojekts weiterentwickeln.

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