Demokratie bauen
Die gebaute Umwelt und deren Auswirkungen auf die darin lebenden Menschen stand im Zentrum des 7. h_da Dialog-Forums am 29. Januar auf der Mathildenhöhe. 70 Gäste besuchten das zweite von drei Events unter dem Leitmotiv „Demokratie gestalten“. Das Motto des Abends im Fachbereich Gestaltung der h_da lautete „Demokratie bauen: Wie Design und Infrastruktur Menschen verbinden können“.
Von Daniel Timme, 2.2.2026
„Die Stadt in der Demokratie ist nicht einheitlich und gleichförmig, sondern vielfältig, brüchig und nicht an allen Stellen schön“, eröffnete Michael Kolmer sein Impulsreferat mit einem abstrakteren Gedanken. Im weiteren Verlauf des Abends war der Stadtrat und Planungsdezernent der Wissenschaftsstadt Darmstadt dann ganz in der Rolle des Realpolitikers zuhause. Kolmer hatte eine Fülle konkreter Beispiele dafür parat, wie in Darmstadt samt seiner Stadtteile Orte geplant, geschaffen und programmiert werden.
Die vier Panelisten sprachen eingangs jeweils rund zehn Minuten. Prof. Dr. Mario Rund, der an der h_da zur Sozialen Arbeit im Gemeinwesen lehrt und forscht, nahm eine stärker theoretische und häufig institutionenkritische Perspektive auf das Thema ein. Eine These seines Eingangsstatements: „Wenn Menschen erleben, dass Infrastruktur nicht oder nur für Teile der Bevölkerung zugänglich ist, erleben sie das als ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Partizipationsmöglichkeiten.“
„Wir können demokratiefördernd oder antidemokratisch gestalten“, stellte Prof. Dr. Gesa Foken fest, Expertin auf den Feldern Verantwortung im Design sowie künstlerisch-gestalterische Didaktik und Forschung am gastgebenden Fachbereich Gestaltung. Sie stellte exemplarisch ein partizipatives Gestaltungsprojekt aus dem laufenden Semester vor, in das Oberstufenschülerinnen und -schüler eingebunden sind. „Es braucht eine Gestaltungsethik“, forderte sie.
„Für Kinder ist Verbindung mit ihrer Umwelt keine Option, sondern Voraussetzung“, betonte Dr. Eszter Tóth, die an der h_da zu kinderfreundlicher und ko-kreativer Stadtentwicklung forscht. Ihr Praxisbeispiel: Das Reallabor Kinderfreundliche Stadt Vác. In der ungarischen Stadt wurde unter anderem eine Grünfläche als Raum erschlossen und damit neue Verbundenheit ermöglicht. „Kinderfreundliche Städte sind zugleich nachhaltige Städte“, warb sie für die Perspektive der jüngsten Menschen.
Spielräume und Spiel-Räume im Quartier
Ein breitbandiges Nebeneinander von Perspektiven auf das Thema also, das Simon Vogt, bekannt unter anderem vom Talk-Format „arte saloon“, da zu moderieren hatte. Seine lockere, ruhige Art trug zur guten Gesprächsatmosphäre bei: Man hörte zu, ließ sich aussprechen und nahm Rücksicht. Immerhin die Diskussion verlief also im besten Sinne demokratisch. Trotz der diversen fachlichen und beruflichen Hintergründe zeigte sich so bald Verbindendes.
„Wo erleben Menschen im Alltag Demokratie am unmittelbarsten?“, eröffnete Vogt die Podiumsdiskussion. „In deinem Quartier“, sagte Michael Kolmer. „Wo du dich treffen, schwätzen und gemeinsam statt vereinzelt leben kannst.“ Mario Rund übersetzte das in den wissenschaftlichen Begriff des Sozialraums, der auch die Beziehungsnetzwerke einschließt. Um an Sozialräumen zu partizipieren, bräuchten Menschen Handlungsspielräume, ergänzte er. Eine Vorlage für Eszter Tóth, die sogleich auf die Bedeutung von „Spiel-Räumen“ für Kinder verwies. „Nur wenn man sich begegnet, kann man sich auch als Gesellschaft wahrnehmen“, gab Gesa Foken zu bedenken – und erntete breite Zustimmung. Sie mahnte, den Fokus nicht auf Städte zu verengen: „Wie gelingt uns die Übertragung in den ländlichen Raum?“
Die Laufzeit von Bauvorhaben beeinflusse das Demokratie-Erleben, sagte Michael Kolmer: „Eine gute Quartiersentwicklung dauert zehn Jahre. Die Beteiligten, die es mitgestaltet haben, wohnen dann vielleicht gar nicht mehr dort – und die, die dort wohnen, haben es nicht mitgestaltet.“ Beispiele für partizipative Stadtplanung fand Kolmer auf zwei Konversionsflächen. In der Lincoln-Siedlung werde der Quartiersplatz mit mehr Bäumen nachträglich an die tatsächliche Nutzung der dort Lebenden angepasst; im Ludwigshöhviertel werde auf Wunsch der Nutzenden eine ursprünglich nicht geplante Nord-Süd-Verbindung für Autos geschaffen. Die partizipative Entwicklung des Stadtteils Kranichstein bezeichnete Kolmer als „Bürgerbeteiligung im reinsten Sinne“. Seine verblüffende Erkenntnis: „Die wichtigste Maßnahme war aber der Bau der Straßenbahnlinie – die hat das Selbstbild des Stadtteils total verändert.“
Kontinuität auf der Beziehungsebene zählt
Mario Rund lobte die Gemeinwesenarbeit der Stadt Darmstadt, die es in allen Stadtteilen gebe. „Dass dauerhaft Ansprechpersonen vor Ort sind, denen man vertraut, ist entscheidende Voraussetzung für Beteiligung.“ Das deckt sich mit Kolmers Erfahrung: „Es ist wichtig, dass da jemand erreichbar und ansprechbar ist und sich kümmert.“ Dabei sei Kontinuität sehr wichtig, zumal: „Die Personalkosten pro Quartier sind nicht hoch“. In dieselbe Kerbe schlug Eszter Tóth: „Egal, wie schön etwas gebaut ist: Wenn die Beziehungsebene nicht mitgedacht wird, wird es nicht angenommen.“
„Die Menschen müssen nicht im Detail verstehen, wie ein Planfeststellungsverfahren funktioniert – aber sie können den Beteiligungsprozess daran dennoch als positiv erleben und darin Selbstwirksamkeit erfahren“, sagte Rund. Mitunter gehe es dann gar nicht primär ums Ergebnis, sondern um die grundsätzliche Möglichkeit, auf dieses Einfluss zu nehmen. Auch Gesa Foken brach eine Lanze für echte, ernst gemeinte Beteiligung: „Ganz schwierig ist es, wenn man sich dabei als Statist fühlt.“ Zudem sei es wichtig zu kommunizieren, wo im Prozess man gerade stehe.
Simon Vogts Abschlussfrage machte dann wieder die unterschiedlichen Hintergründe der Panelisten sichtbar. „Welche infrastrukturelle Stellschraube könnte in den nächsten zehn Jahren den größten positiven Effekt auf die Demokratie haben?“, wollte er wissen. Es müsse gelingen in Kommunikation und Austausch zu bleiben, sagte Gesa Foken. „Mobilität ist zentrale Voraussetzung für Teilhabe“, fand Mario Rund; dem stimmte Eszter Tóth auch aus Sicht von Kindern und Jugendlichen zu.
Kolmer erklärt, kritisiert und lobt
Zum Ende der Diskussionsrunde brachten die Besucherinnen und Besucher eigene Impulse und Fragen ein – die zumeist auf den Stadtrat gemünzt waren. Ein Besucher kritisierte aus eigenem Erleben das städtische Beschwerdemanagement. Kolmer räumte ein, dass da aus personellen Gründen Luft nach oben sei, was das schnelle Erledigen angehe, und führte die seit Jahren angespannte finanzielle Situation an: „Die Kommunen sind ausgeblutet.“ Deshalb sei man darauf angewiesen, neue Wege zu gehen und beispielswiese Tools wie den Mängelmelder einzusetzen, über den Bürgerinnen und Bürger Schäden oder Störungen melden könnten. „Klar, das holt nicht alle ab, aber es funktioniert relativ gut.“
Eine Zuhörerin stellte infrage, wie demokratisch die Wettbewerbsverfahren bei städtischen Bauprojekten wirklich seien. In seiner Antwort beförderte Kolmer die Frage auf eine höhere Ebene: „Wir müssen uns fragen, welche Dissonanzen durch die parlamentarische Demokratie entstehen und wie demokratische Prozesse organisiert sind.“ Schon zuvor hatte er den Wunsch nach einer Staatsreform im Bereich der Deregulierung geäußert und kritisiert, „wie wir in Deutschland unsere gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen anwenden“. Als Negativbeispiel nannte er die ICE-Anbindung Darmstadts: „Die Diskussion darüber hat schon vor Beginn meines Berufslebens begonnen – und ich bin nicht sicher, ob ich arbeitend noch Züge auf einer fertigen Strecke fahren sehe.“
Deregulierung könne bewirken, dass Menschen ihre Stadt besser gestalten könnten. „Zu viele Normen halten zum Beispiel den Bau von Radwegen in einer engen Stadt eher auf. Da müssen wir mutiger werden“, sagte Kolmer. Wenn sinnvolle Maßnahmen an überbordenden Vorgaben scheiterten, fördere das Demokratieverdrossenheit. Kritik des Politikers an der politischen Praxis – auch dafür bot das h_da Dialog-Forum Raum. Passend dazu sprach Kolmer abschließend der praxisnahen Forschung in Darmstadt ein Lob aus: „Die Hochschulen sind Corporate Citizens. Aus ihnen quillen ständig Ideen, die in die Stadt wirken.“
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Christina Janssen
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Am 16. April folgt ein weiteres h_da Dialog-Forum unter dem Leitmotiv „Demokratie gestalten“. Das Thema: „Wer darf hier entscheiden? Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Der erste Teil der Veranstaltungs-Trilogie am 4.12.2025 trug den Titel „Demokratie im Netz: Zwischen Desinformation und Technophobie“. Den Bericht finden Sie hier.
Link: Pressebeitrag
Das Darmstädter Echo hat ebenfalls vom 7. h_da Dialog-Forum berichtet. Den Beitrag finden Sie unter diesem Link (Bezahlschranke).