Demokratie-Training
Wie können wir Demokratie als echte Alltagskompetenz leben? Damit befassten sich 45 Studierende aus dem Studiengang Public Management der h_da an einem „Demokratie-Trainingstag“. Mit Übungen trainierten sie aktives Zuhören, andere Perspektiven zuzulassen oder Meinungsverschiedenheiten auszuhalten. Am Ende stand etwa die Erkenntnis, wie wichtig es ist, einfach mal richtig zuzuhören. Die Studiengangsleitung sieht weiteren Bedarf – auch wegen der wachsenden Unzufriedenheit mit Staat und Politik.
Von Alexandra Welsch, 8.2.2026
Sie stehen beieinander, reden, hören sich gegenseitig zu. Mal wird angeregt diskutiert, mal gelacht, lebhafte Gesten unterstreichen Gedanken, ernste Gesichter zeigen Anteilnahme. Und dann, in der Aktion, kanalisieren sich Ansätze, werden Haltungen sichtbar. Da nehmen sie als „Revolutionäre“ etwa Propaganda oder Wahlbetrug in den Blick, zusammengetragen per Flipchart. Oder halten Bekenntnisse in Form von Schildern hoch: „Wir kämpfen für Bildung!“ steht darauf. Oder: „Liebe statt Hass – gegen Rassismus“.
Wie können wir Demokratie auch jenseits von Wahlen und Parlamenten als echte Alltagskompetenz leben? Diese Frage stand über einem Demokratie-Trainingstag im Wintersemester 2025/26 an der Hochschule Darmstadt. Unter Anleitung zweier Fachleute des Vereins „Mehr Demokratie e.V.“ haben 45 Studierende des Studiengangs Public Management im Fachbereich Wirtschaft nebst einigen Lehrbeauftragten einen Tag hindurch ihre Demokratiemuskeln spielen lassen und trainiert. „Gemeinsam erforschen wir, wie wir unseren Alltag demokratischer gestalten können“, so die Ankündigung: „besser zuhören, konstruktiv streiten, Konflikte als Chance begreifen, uns selbst reflektieren und neugierig auf die Beweggründe anderer schauen.“
Alle Bilder: h_da / Samira Schulz
Warum das ein Anliegen war und ist, macht Friederike Edel als Leiterin des Studiengangs, deutlich. „Wir müssen alles daransetzen, dass unsere Verwaltungen demokratische Werte verteidigen“, sagt die Professorin für Public Value Management. Schon bei dessen Profilentwicklung 2020 habe sich in begleitenden Interviews Demokratie als starkes Thema erwiesen. Denn: „Die Unzufriedenheit mit dem Staat wächst und die Angriffe nehmen zu.“ Öffentliche Verwaltungen seien damit konfrontiert und müssten im Umgang damit gestärkt werden. Unabhängig davon, sieht sie das auch angesichts des breiten Spektrums von Studierenden an der h_da als zentrales Thema: „Ich finde, an der Hochschule üben wir Demokratie.“
Dieser Ansatz wurde an dem Studientag für Studierende des ersten bis dritten Semesters professionell vertieft: unter Anleitung der beiden Trainer für Demokratiebildung Achim Wölfel, Politikwissenschaftler und nordrhein-westfälischer Landesgeschäftsführer von „Mehr Demokratie e.V.“, und Andrea Adamopoulos, Betriebswirtin und Vorstandsmitglied des Landesverbands. Nach dem aus Dänemark stammenden Konzept der „Demokratie-Fitness“ galt es, einige der zehn für das Programm definierten „Demokratie-Muskeln“ zu aktivieren und zu spüren – wie aktives Zuhören, Mobilisierung oder Umgang mit Meinungsverschiedenheiten.
„Demokratie ist ein Kofferwort“, gibt Achim Wölfel zu Bedenken. „Wir packen da gerne vieles rein.“ Doch werde es oft vage, wenn es darum geht, das in die Praxis umzusetzen. „Wenn wir es auf die Alltagsebene holen, können wir konkreter werden.“ Ein Beispiel: aktives Zuhören – ein Demokratiemuskel, der im Workshop intensiv trainiert wurde. So setzten sich bei einer Übung je zwei Teilnehmende zunächst zusammen und erzählten sich gegenseitig, für welches Thema sie am meisten brennen. Zwei Minuten lang galt es, ausschließlich zuhören, ohne Rückfragen. „Das pädagogische Konzept dahinter ist, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen und andere Positionen zuzulassen“, erläutert der Trainer.
In einem weiteren Schritt sei am Mobilisierungsmuskel angesetzt worden – in Form eines Planspiels. Kontrovers aufgeteilt in „Revolutionäre“ und „Demokraten“, sollten die Teilnehmenden in Kleingruppen Minikampagnen zu einem brennenden Thema ausarbeiten. Binnen zehn Minuten mussten sie sich unter Zeitdruck konkrete Methoden überlegen, um die Demokratie zu stürzen oder zu retten. Dabei geht es, wie der Politikwissenschaftler zu bedenken gibt, übergeordnet um die Frage, wie demokratisch schon der Prozess der Abstimmung in der Gruppe ablaufe.
Andrea Adamopoulos geht in diesem Zusammenhang auch die Herausforderung ein, Verbündete für seine Sache zu gewinnen, ohne anderen die eigene Meinung aufzudrücken. Eine Möglichkeit: „In einem ersten Schritt erzähle ich, was mir wichtig ist.“ Dann ziehe man das Gegenüber in sein Thema rein, etwa durch die simple Nachfrage: Wie würdest du das Thema groß machen? Denn: „Andere mobilisieren kann ich nicht“, betont die Trainerin. „Ich kann nur einen Raum schaffen, dass andere sich selbst mobilisieren.“
Für die beiden Studentinnen Karabella Pleil und Marlin Reuter hat beim Demokratie-Training eine Erfahrung besonderen Eindruck hinterlassen: Das aktive Zuhören. „Wir saßen zu zweit Rücken an Rücken, also nicht einander gegenüber“, erzählt Karabella, die im dritten Semester Public Management studiert. „Das hat begünstigt, dass man sich allein auf das Gesagte konzentriert.“ Einfach nur zuhören. Danach sollte man das Gesagte wiedergeben und konnte so selbst feststellen, wie gut man wirklich zugehört hat.
„Das war ein schönes Erlebnis“, findet auch Erstsemesterstudentin Marlin. Diese Übung habe am meisten nachgehallt. Bis hin zu einer Freundin, der Marlin vom Workshop berichtet habe. Deren Vater sei AfD-Anhänger. In einer Diskussion mit ihm habe die Freundin aufgrund der beschriebenen „Demoktratie-Methoden“ etwas souveräner damit umgehen können. Ähnlich hat es Karabella erlebt: „Ich habe in einer Situation bemerkt, dass ich mich in dieser Hinsicht gebessert habe.“ Durch aktives Zuhören sei sie weniger in Schubladendenken verfallen.
„Es hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun“, beschreibt Andrea Adamopoulos einen zentralen Hebel des Demokratie-Fitnesstrainings. Danach sei man vielleicht ein bisschen bewusster und gelassener im Umgang mit divergierenden Meinungen. Hier fällt das Stichwort: Ambiguitätstoleranz – Mehrdeutigkeiten und Widersprüche aushalten. „Das ist das absolute Fundament, auf dem Demokratie gebaut ist“, findet die Trainerin. „Und das sollte man regelmäßig üben.“ Am besten mit Menschen, die anderer Meinung sind.
„Hier waren wirklich Energie und Puls dahinter“, lobt auch Werner Stork, Professor für Organisation und Management an der h_da, diese Extra-Trainingseinheit in Sachen Demokratie. „Ich spüre, dass solche Themen uns auch in der Lehre helfen.“ Die Studierenden seien sehr unterschiedlich, auch Teamkonstellationen seien nicht immer leicht. Da sei es eine relevante Kompetenz, Widersprüche nicht nur auszuhalten, sondern als Gewinn zu erleben. „Vielfalt sehen und verteidigen“, das sei Demokratie.
Und daran würde Friederike Edel gern weiter anknüpfen. „Durch Corona haben wir teils verlernt, gut miteinander umzugehen“. Auch durch mehr Vereinzelung sei es schwerer, in den Austausch zu kommen. „Aber eigentlich ist der Mensch ein Gemeinschaftswesen“, stellt die Studiengangsleiterin fest. „Dafür ist so ein Demokratiemuskeltraining so essenziell.“ Sie würde das gerne weiter anbieten, mindestens im Studiengang Public Management. „Aber ich sehe auch Potenzial darüber hinaus.“ Und Erstsemesterstudentin Marlin pflichtet ihr absolut bei: „Es wäre total toll, wenn man das auch in der großen Runde macht!“
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