Starkregen-Prävention Mühltal

Viele Menschen stehen bei der Bürgerversammlung zum Thema Starkregen in Frankenhausen um die Präsentationswände von h_da-Studierenden herum und diskutieren
Praktische Hilfe für das Mühltal

Wetterextreme sind eine Folge des Klimawandels. Mit Überschwemmungen nach heftigen Regenfällen haben die Ortschaften entlang des Waschenbachs in Mühltal im Landkreis Darmstadt-Dieburg immer wieder zu kämpfen. In einem Praxisprojekt haben Studierende der Studiengänge Umweltingenieurwesen und Public Management der Hochschule Darmstadt gemeinsam für und mit Anwohner*innen Konzepte erarbeitet, wie Starkregen-Ereignissen vorgebeugt und entgegengewirkt werden kann. Und wie die Kommunen geeignete Maßnahmen am besten umsetzen können. In einer Bürgerversammlung in Frankenhausen stellten die Studierenden ihre Ergebnisse nun vor.

Von Astrid Ludwig, 24.2.2026

In zahlreichen Kurven schlängelt sich die Kreisstraße von Nieder-Ramstadt über Waschenbach auf die Höhe nach Frankenhausen. Rund fünf Kilometer führen durch ein schmales Tal, vorbei an alten Mühlen, einem riesigen Steinbruch, Feldern, Wiesen und bewaldeten Hängen. Doch was schön anzusehen ist, kann bei heftigen Gewittern und Wolkenbrüchen zum Problem werden. Wasser und mitgeführtes Erdreich rauschen aus den Wäldern und von den Hängen herunter in die Ortschaften, die wegen der engen Tallage und begrenzten Rückhalteräumen die hohen und schnell anfallenden Wasser- und Schlammmassen nicht aufnehmen und abfließen lassen können. Der Waschenbach oder weiter unten im Tal die Modau treten über die Ufer, fließen in Keller und überfluten Straßen. Zuletzt war das im Herbst 2025 und im Sommer 2024 der Fall.

Nasser Projektstart

Birte Frommer und Jochen Hack, Professoren am Fachbereich Bauingenieur- und Umweltingenieurwesen der h_da, erinnern sich gut daran. Zum Start des Wintersemesters 2025/26 hatten sie gerade ihre Bachelorstudierenden mit dem Projekt „Wasser in Bewegung, Konzept zur Starkregenresilienz für die Klimaregion Modau 2045“ beauftragt, als der Waschenbach im Oktober nach einem Starkregen Straßen der Gemeinde Mühltal in Seen verwandelte. Ein überaus realistischer Einstieg in das Studienprojekt für die angehenden Umweltingenieure und -ingenieurinnen.

Bewusst hatten Frommer und Hack das praxisnahe Thema mit Bezug zur Region ausgewählt. Darauf gestoßen waren sie und ihre Kolleginnen Prof. Friederike Edel und Dr. Karin Bugow vom Studiengang Public Management am Fachbereich Wirtschaft der h_da nach dem Hinweis einer Bürgerinitiative. Engagierte des Projekts „Klimaregion Modau 2045“ hatten sich nach einem Radiobeitrag über das Projekt Klimaanpassung im Public Management (PuMaK) an die Wissenschaftlerinnen gewandt und die Hochschule um Ideen und Unterstützung angefragt.

Großes Interesse der Bürgerinnen und Bürger

Was dabei herausgekommen ist, haben die Studierenden nun Mitte Februar bei einer Bürgerversammlung in Frankenhausen vorgestellt. An dem Abend sind alle Stühle im Gemeinschaftshaus besetzt. Anwohnerinnen und Anwohner aus allen Ortsteilen der Kommune Mühltal sind gekommen, um sich über die Vorschläge der Studierenden zu informieren. Bürgermeister Niels Starke freut sich über das große Interesse. Das Thema Hochwasserschutz gehe schließlich alle an, sagt er. Die Gemeinde hat in diesem Punkt schon etwas vorzuweisen: Eine sogenannte Starkregengefahrenkarte existiert für Mühltal bereits. Auf die konnten die Studierenden für ihre Konzepte zurückgreifen. Der Rathauschef lobt die „tolle Dienstleistung“, die die h_da der Kommune mit der Projektarbeit biete. „Viele schlaue Köpfe haben sich Gedanken gemacht“, betont Starke.

Im Publikum sitzen an diesem Abend auch Dr. Jürgen Metzen und Dr. Christine Metzen. Das Paar aus Frankenhausen engagiert sich im Projekt „Klimaregion Modau 2045“. Sie waren es, die die Hochschule Darmstadt kontaktierten und warten nun gespannt auf die Präsentationen der jungen Leute. „Wir sind froh über die Vorschläge der Studierenden“, sagt Jürgen Metzen. Dr. Walter Heinz, Vorsitzender und Gründer der Klima-Initiative Ober-Ramstadt, findet es „großartig“, dass die h_da sich in der Region engagiert und Konzepte erarbeitet. Probleme mit Wetterextremen gebe es vielerorts und die Klimaanpassung sei überall gefragt.

Transdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Studierenden der Studiengänge Umweltingenieurwesen und Public Management präsentieren in der Bürgerversammlung ihre Ergebnisse gemeinsam. Die angehenden Ingenieur*innen hatten sich für das Projekt in sechs Gruppen aufgeteilt, die jeweils einen Ortsteil und einen speziellen Aspekt der Thematik Starkregen unter die Lupe genommen haben. Während sie mögliche Bauwerke, planerische Gegenmaßnahmen und Kommunikationskonzepte erarbeiten, befassten sich die Public Management-Studierenden mit der konkreten Umsetzung, mit Fördermöglichkeiten oder damit, wie Bürgerinnen und Bürger sensibilisiert und eingebunden werden können.

Dafür richten die Studierenden an dem Abend eigens einen Workshop ein, in dem Anwohner und Anwohnerinnen ihre Meinungen und Erfahrungen einbringen können. Dr. Karin Bugow vom Fachbereich Wirtschaft lobt die Zusammenarbeit: „Klimaanpassung ist nicht lösbar nur aus einer Disziplin heraus, sondern muss fachübergreifend angegangen werden.“ Dafür sei das Studienprojekt ein sehr gutes Beispiel.

Der Abend ist interaktiv und auf Gespräche zwischen Studierenden und Bürger*innen ausgerichtet. An Schautafeln zeigen die Studierenden, welche Konzepte sie für die jeweiligen Ortsteile erdacht haben. Lukas Früh hat mit Mitstudierenden Ideen für den Ortsteil Waschenbach erarbeitet. Auf Fotos und Schautafeln sind mögliche Orte für Retentionsflächen zu sehen, wohin das Wasser geleitet wird, verlangsamt und wo es versickern könnte, ohne große Schäden anzurichten. Darunter sind auch ein Spielplatz und der Sportplatz. Der Praxisbezug gefällt dem 26-Jährigen. „Das Projekt befasst sich mit einem realen Ort und echten Bürgern“, sagt er.

Impressionen von der Bürgerversammlung in Frankenhausen. Alle Bilder: h_da / Jens Steingässer

Mehrmals war er im Team vor Ort, hat mit der Bürgerinitiative und Anwohnenden Ortsbegehungen unternommen. „Wir waren auch privat dort, haben uns nochmals umgeschaut oder Messungen vorgenommen“, berichtet Lukas Früh. Das positive Feedback der Bürgerinnen und Bürger freut ihn. „Die Motivation für das Projekt ist größer, wenn man weiß, für wen und wofür man arbeitet“, findet er. „Service Learning für die Gesellschaft“ nennt Prof. Frommer das. „Die Studierenden lernen für ihr späteres Berufsleben.“

Praxisnähe motivierend

Die große Praxisnähe findet auch Julian Eder reizvoll. „Das ist spannender, als wenn es um Projekte auf dem bloßen Papier geht“, so der 27-Jährige. Zumal das Thema hochaktuell ist. Dabei erleben die jungen Leute aber auch, dass so mancher Vorschlag anfangs auf Skepsis stößt. „Die Idee, den Sportplatz zu fluten, fanden nicht alle gut“, berichtet Lukas Früh. Eine Möglichkeit sei aber, den Platz mit Kies zu unterlegen, sodass das Wasser besser abfließen kann, ohne große Schäden anzurichten, erklärt er.

Erdwälle anlegen, um das Wasser umzuleiten, das Bachbett mäandrieren lassen, verbreitern und naturnaher gestalten, Flächen und Parkplätze entsiegeln, die Wiesen mehr als Stauräume nutzen – Vorschläge haben die Studierenden vielfältig erarbeitet. „Es gibt viele kleine Stellschrauben und Maßnahmen“, so Umweltingenieurwesen-Student Jakob Lauterbach. Darunter ist auch die Idee, den Steinbruch zwischen Frankenhausen und Waschenbach bei Starkregen als Retentionsraum zu nutzen. Der könne bis zu zwei Millionen Kubikmeter Wasser fassen. „Das hat großes Potenzial“, so Lauterbach. Bisher fließe der Bach in Rohrleitungen unter dem Gelände. Es gebe die Idee, einen Schieber zu bauen, um Wasser oberirdisch umzuleiten. Pumpanlagen für das Grundwasser, die genutzt werden könnten, seien vorhanden. Wichtig sei in so einem Fall aber die gute Kommunikation mit dem privatwirtschaftlichen Unternehmen.

Kommune will Ideen umsetzen

Überlegt haben sich die Studierenden auch Maßnahmen, die die Bürger und Bürgerinnen im Notfall selbst ergreifen können. Eine Schautafel listet Handlungsempfehlungen für den privaten Objektschutz auf, die von Sandsäcken und Pumpen bis hin zum Einbau von Rasensteinen, Zisternen und Mulden im Garten reichen. Bei den Anwohner*innen kommen die Ideen der Studierenden gut an. „Da sind sicherlich Vorschläge dabei, die helfen und umsetzbar sind“, sagt eine Waschenbacherin. Ihr Nachbar in Frankenhausen hat schon im eigenen Garten vorgesorgt und eine Zisterne angelegt. „Wir müssen uns besser vorbereiten auf Wetterextreme“, betont er. Die Konzepte der Studierenden findet er sehr informativ. „Davon lernen wir alle“, glaubt er.

Professor Jochen Hack ordnet die Wirksamkeit solcher Praxisprojekte in einen noch größeren Rahmen ein: „Die von den Studierenden erarbeiteten Lösungen dienen oftmals nicht nur dem Schutz vor Starkregen, sondern machen die Gemeinde insgesamt klimaresilienter, etwa auch gegenüber Hitzeereignissen“, erläutert er. Bürgermeister Starke kann dem nur zustimmen. Er bezeichnet die Konzepte der Studierenden am Ende des Abends als sehr „gewinnbringend“. „Wir werden jetzt als Kommune schauen, was wir davon umsetzen können“. Er ist überzeugt, dass die Ergebnisse des Studienprojektes Mühltal über die Jahre begleiten und hoffentlich auch in anderen Ort angewandt werden können. „Die Mitarbeit der Hochschule ist keine Luftnummer“, betont er. „Das ist eine Investition in die Zukunft und wird in den Haushalt der Kommune einfließen.“

Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
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Fotografie: Jens Steingässer