Deutsch-ukrainische Kooperation in der Sozialen Arbeit
Der Krieg stellt Helferinnen und Helfer vor enorme Herausforderungen. Bei einer Autumn School in Darmstadt tauschten sich ukrainische und deutsche Fachleute und Studierende über Hilfsangebote und Traumabewältigung aus. Dabei wurde deutlich, wie viel beide Seiten voneinander lernen können – und wie wichtig jede Form der Unterstützung ist.
Von Kilian Kirchgeßner, 2.11.2026
Dieses Bild fällt Ruslan Zhylenko sofort ein, wenn er über die Lawine spricht, die manchmal über ihn hereinbricht. Über die tausend und abertausend Binnenflüchtlinge aus der ganzen Ukraine, die ganz im Westen des Landes Zuflucht suchen, in der Stadt Uzhhorod. Über die Kinder und Jugendlichen, die traumatisiert dort landen, manche gezeichnet vom Kriegsgeschehen, manche gerade zu Waisen geworden. „Wir arbeiten wie in einem Feldlazarett“, sagt Zhylenko, der zu den Pionieren der Sozialen Arbeit in der Ukraine gehört: „Um diejenigen kümmern wir uns zuerst, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen.“ Jetzt kam der Professor zusammen mit Kollegen und einigen seiner Studierenden zu einer International Autumn School nach Darmstadt – zu einem denkbar intensiven Austausch, der bei vielen Beteiligten den Blick auf ihr Fach neu geprägt hat.
Der Kontakt zwischen der h_da und der Universität in Uzhhorod ist indes schon älter. Seit dem Jahr 2013 besteht eine Partnerschaft, und die Darmstädter Professorin Katrin Luise Läzer war selbst 2017 zum ersten Mal an der Universität Uzhhorod – fünf Jahre vor der russischen Vollinvasion. Läzer ist spezialisiert auf klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters und leitet den Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit PLUS Migration und Globalisierung. „In Uzhhorod gab es den ersten Studiengang für Soziale Arbeit in der gesamten Ukraine“, sagt sie mit Blick auf die Anfänge der Partnerschaft: „In vielen Ländern ist es so, dass entweder Soziologie oder Psychologie angeboten werden, aber Soziale Arbeit als eigene Profession ist nicht überall verbreitet.“ Und so entstand eine enge Verbindung zwischen den Hochschulen, Studierende nahmen an Summer Schools teil und absolvierten Austauschsemester im jeweils anderen Land. Auf einer internationalen Konferenz am Fachbereich Soziale Arbeit 2021 hielt Ruslan Zhylenko einen bemerkenswerten Vortrag. Darin ging es um die ukrainischen Kriegsveteranen, die bereits 2014 beim russischen Überfall auf die Krim verwundet wurden. Zhylenko und seine Mitstreiter haben sich jahrelang dafür eingesetzt, dass ein soziales Rehabilitations-Programm für diese Veteranen und ihre Familien vom Staat anerkannt wurde. Darüber sprach Zhylenko in seinem Beitrag – ohne damals zu ahnen, dass dieses Thema schon wenige Monate später eine ganz andere Dimension annehmen würde.
„Unzählige Formen von Hilfsbedarf“
Tatsächlich sind die Zahlen, die derzeit in der Ukraine kursieren, geradezu unfassbar: Mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche sind nach Russlands Überfall zu Vollwaisen geworden, und nach vorsichtigen Schätzungen bräuchten selbst bei einem sofortigen Kriegsende schon jetzt rund eine Million Menschen die Unterstützung von Experten für Soziale Arbeit – bei der Re-Integration in die Gesellschaft, bei der Trauma-Bewältigung, beim Umgang mit Verwundungen und der Rückkehr in ihre Familie. Das ist es, worauf Ruslan Zhylenko mit seiner Metapher vom Feldlazarett anspielt: „Allein schon mit Blick auf Kinder und Jugendliche haben wir unzählige unterschiedliche Formen von Hilfsbedarf“, sagt er. Manche müssen ihre Fluchterfahrung verarbeiten, andere sind selbst Opfer von Gewalt geworden, wieder andere mussten sich Unvorstellbares aus nächster Nähe ansehen, dazu kommen die Erfahrungen von Tod und Verstümmelung im nächsten Familienumfeld.
Ruslan Zhylenko engagiert sich auf mehreren Feldern: Er bildet als Professor an der Universität künftige Experten für Soziale Arbeit aus – und er ist zugleich Vorsitzender der Karpaten-Stiftung, die ihrerseits zahlreiche Initiativen aus der Zivilgesellschaft finanziell unterstützt. „Wir decken mehrere Regionen im Westen der Ukraine ab“, sagt er, dutzende Projekte haben Rückenwind durch die Stiftung bekommen. Und immer wieder, wenn er über seine Arbeit erzählt, wird deutlich, wie allumfassend die Hilfe sein muss und wie sehr die Ukrainer im Alltag improvisieren, um sich gegenseitig zu unterstützen und die Situation zu bewältigen: An der Uni in Uzhhorod kamen zu Spitzenzeiten mehr als 2.000 Binnenflüchtlinge provisorisch in den Lehrräumen unter, derzeit sind es noch rund 400. Improvisation ist das Gebot der Stunde – und sie ist eine der Disziplinen, in denen die Ukrainer gezwungenermaßen Meisterschaft erlangt haben.
Intensiver Austausch – während der Autumn School und auf institutioneller Ebene: Die Partnerschaft zwischen der h_da und der Universität Uzhhorod besteht bereits seit dem Jahr 2013.
Lernen in beide Richtungen: Wie die Studierenden vom Austausch profitieren
Diese Improvisation betrifft auch zahlreiche Felder der Sozialen Arbeit, und genau das war eines der Themen des Darmstädter Treffens. De-Institutionalisierung ist eines der wichtigen Schlagwörter dabei. Während bislang in der Ukraine alle Fragen von Adoption, Pflege-Elternschaft und der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, in der Hoheit der Regierung lagen, wird dieser Bereich jetzt an die Kommunen vor Ort delegiert, weil sie die Situation und die Kapazitäten besser einschätzen können. Es ist ein Modell, wie es in Deutschland schon seit vielen Jahren üblich ist. Dies war eines der Ziele der International Autumn School in Darmstadt: Die ukrainischen Teilnehmenden schauten sich die legislativen Grundlagen dieser kommunalen Zuständigkeit an – und sie blickten in den zuständigen Behörden hinter die Kulissen, um Tipps für die Praxis zu bekommen.
Umgekehrt konnten die deutschen Teilnehmenden viel von ihren ukrainischen Kolleginnen und Kollegen lernen, sagt Katrin Luise Läzer. „Es herrscht im Bereich der Sozialen Arbeit eine unglaubliche Dynamik in der Ukraine“, ist ihre Beobachtung. Die Zivilgesellschaft ist ungemein engagiert, und sie trifft dabei auf einen passenden Rahmen. Vereine und Organisationen etwa lassen sich innerhalb von drei Tagen gewissermaßen per App gründen, erzählt Läzer staunend – eine Flexibilität und Geschwindigkeit, die in Deutschland undenkbar wäre. Und zugleich beobachtet sie als erfahrene Psychotherapeutin, wie in der Ukraine der aktuelle Stand der Wissenschaft auf dem Feld der Trauma-Bewältigung mit kreativen Ideen kombiniert wird, um den Bedürftigen bestmöglich zu helfen. Die Nachfrage ist kaum zu bewältigen, das ist angesichts der vielen Millionen Betroffenen völlig klar – „aber entscheidend ist, dass niemand das Gefühl bekommt, es sei niemand da, der ihm hilft. Jede Begegnung, jedes Hilfsangebot ist sehr wichtig, selbst wenn es um die kleine zwischenmenschliche Geste des Hinschauens und des Zuhörens geht.“ In der Forschung ist das schon seit vielen Jahren bekannt, aber in der Ukraine ist tagtäglich zu erleben, wie zutreffend diese Grundlagen sind. Ruslan Zhylenko erzählt von einer Kollegin, die in der Nacht aus ihrem Haus evakuiert wurde und bis heute nicht zurück kann. „Nie im Leben hat mir ein Kaffee so gut geschmeckt wie der, den ich am nächsten Tag in der Flüchtlingsunterkunft von einer Helferin bekommen habe“, so sagt sie es immer wieder.
Turbo à la Ukraine: Der neueste Forschungsstand, kombiniert mit kreativen Ideen
Wie wichtig das Treffen in Darmstadt war, zeigte sich auch im Verlauf der einwöchigen International Autumn School: Am Anfang waren die Studierenden aus Deutschland vorsichtig und zurückhaltend im Kontakt mit ihren ukrainischen Kommilitonen – stets darauf bedacht, die richtigen Formulierungen zu finden und niemanden mit unbedachten Äußerungen zu verletzen. „Wie spricht man über das Unsagbare?“, stand als Frage unausgesprochen über dem Treffen. Und dann, nach den ersten Tagen, staunten die Deutschen darüber, wie stark das Engagement und die Hilfsbereitschaft in der Ukraine sind – und stellten fest, wie ansteckend und vitalisierend das wirkt.
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