Wie EUT-Studierende sich für die Startup-Gründung rüsten

Gruppenfoto aller BIP-Teilnehmenden
Bestens gerüstet fürs eigene Start-up

Zum neunten Mal ist die Hochschule Darmstadt (h_da) Gastgeber eines Erasmus Blended Intensive Programme (BIP), bei dem Studierende und Lehrende der European University of Technology (EUT+) zusammenkommen. Dabei wird virtuelles Lernen mit einer einwöchigen Praxisphase an einer Hochschule des europaweiten EUT+-Verbunds kombiniert. Im Juli besuchten 29 Studierende und fünf Lehrende von sechs Hochschulen die h_da und beschäftigten sich damit, wie Künstliche Intelligenz die Gründung von Unternehmen beeinflusst. Federführend waren Stefan Kohn, Professor am Fachbereich Wirtschaft der h_da und Jacqueline Nyalwal vom EUT+-Management.

Von Annette Wannemacher-Saal, 14.8.2026

Wenn Stefan Kohn von der „Höhle der Löwen“ spricht, klingt das furchteinflößend. Doch die Stimmung bei der Präsentation der Pitches zum Abschluss des fünftägigen „BIP“ an der Hochschule ist alles andere als das. Jedes der neun Teams, das dem Auditorium seine Start-up-Idee in zehn Minuten vorstellen soll, wird mit aufmunternden Worten von Stefan Kohn begrüßt und mit frenetischem Applaus der Zuhörer verabschiedet. „Es war eine heiße Woche mit großartigen Ergebnissen“, lobt Kohn die Studierenden zum Abschluss der Veranstaltung auf dem Campus der h_da.

Künstliche Intelligenz verdrängt Jobs bei Berufseinsteigern

Doch der Reihe nach. Wie schon in den Vorjahren ist die Hochschule auch 2026 Gastgeber eines BIP, eines von Erasmus+ geförderten „Blended Intensive Programme“ im Rahmen der EUT+-Allianz. Ziel ist, dass sich Studierende innerhalb Europas länderübergreifend vernetzen. In diesem Jahr steht das Thema „AI & Entrepreneurship in Innovation Ecosystems“ auf dem Programm. „Künstliche Intelligenz verdrängt viele Jobs vor allem bei den Berufseinsteigern“, begründet Kohn, Professor für Entrepreneurship, die Themenwahl. „Wir wollen den Studierenden Fähigkeiten vermitteln, damit sie sich an eine Selbstständigkeit herantrauen.“ Dafür brauche es Kompetenzen, die man im Rahmen eines BIP trainieren könne.

Ein Highlight der EUT+-Praxiswoche in Darmstadt: Der Besuch der GSI mit der Teilchenbeschleunigeranlage FAIR (Facility for Antiproton and Ion Research) – eine weltweit einzigartige Großforschungseinrichtung, die am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung gebaut wird. Alle BiIder: h_da / Samira Schulz

Knapp 30 Studierende aus sieben (der neun) EUT+-Länder meldeten sich zu der Veranstaltung an, die virtuell beginnt und Mitte Juli mit der Präsenzveranstaltung an der Hochschule zu Ende geht. Neben fachlichen Inhalten wie Design Thinking und Pitches stehen dabei auch eine Stadtführung, Firmenbesuche und Vorträge beim Technologie- und Gründerzentrum HUB31, dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung (GSI), dem Pharma- und Chemieunternehmen Merck, dem Flughafen Frankfurt und dem House of Logistics and Mobility (HOLM) an. „Es ist ein super Programm“, so das Fazit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Italien, Rumänien, Irland, Bulgarien, Zypern, Deutschland und Spanien. Dass die Spanier während der Fußball-Weltmeisterschaft für besonders ausgelassene Stimmung bei den Abendveranstaltungen sorgen, versteht sich von selbst und steht auf einem anderen Blatt.

Straffes Programm und klare Aufgaben

Doch während abends gefeiert und Kontakte intensiviert werden, steht tagsüber ein straffes Programm an, darunter ein Besuch des HUB 31, wo sich die internationalen Gäste mit Vertretern unterschiedlicher Start-ups austauschen können. „Informationen aus erster Hand“, sagt Kohn. Diese sind wichtig für die Studierenden, die bis zum Ende der Woche ein eigenes Start-up so weit entwickelt haben sollen, dass es sich auch auf dem Markt behaupten kann. „Was gehört zu dem Geschäftsmodell?“ „Wie kann man die Idee verkaufen?“ „Wo kann KI hilfreich sein?“ „Wie steht es um die Finanzen?“ sind Fragen, die dabei geklärt werden müssen.

Klimawandel, Parkplatzprobleme, Umzugshilfen

Aus 18 Vorschlägen zu Beginn der Woche kristallisieren sich neun heraus, die in Gruppen von drei oder vier Studierenden ausgearbeitet werden. Es geht um Klimawandel, Parkplatzprobleme, Hilfestellung bei psychischen Problemen, Umzugshilfen. Genau zehn Minuten haben die Teams jeweils Zeit für ihre Pitches, dem schließen sich fünf Minuten für Fragen aus dem Plenum an. Mit den Worten: „Boing, ten minutes from now!“ schickt Kohn die Teams ins Rennen, eine Jury aus mitgereisten Lehrenden anderer Hochschulen und lokalen Experten vergibt am Schluss Punkte für die Präsentation und den Inhalt. Denn natürlich geht es auch um Lehre und wichtige Credit Points.

Spannung am Abschlusstag: Die Teams präsentieren ihre Geschäftsideen und werden von Stefan Kohn und den drei mitgereisten Kolleginnen von der TU Cluj-Napoca, Adriana-Mirela Sava, Anca Constantinescu-Dobra, Veronica Maier, noch einmal intensiv gecoacht. Alle Bilder: h_da / Samira Schulz

Ein Team möchte der Erwärmung der Innenstädte mit Kletterpflanzen an Laternenpfosten und Dächern entgegenwirken, ein anderes mittels grüner und schattiger Pavillons, andere eine Parkplatz-App installieren, die mehrere Teilnehmer füttern und sich so gegenseitig mit Infos über freie Plätze informieren. Andere wollen mit modernen Bewegungsmeldern die Verschwendung von Straßenlicht verringern, das nächste Team den Zugang zu Hilfestellung bei psychologischen Problemen erleichtern. Gleich zwei Start-ups haben sich Gedanken über die Erleichterung beim Umzug gemacht und Apps entwickelt, die nicht nur auf funktionaler, sondern auch auf emotionaler und sozialer Ebene unterstützen sollen. Und schließlich haben sich zwei Teams mit dezidierten KI-Themen befasst: Ein Team hat KI in Bezug auf Job-Einstellungen unter die Lupe genommen, ein anderes möchte Nutzerinnen und Nutzern bei der Wahl des richtigen KI-Tools unter die Arme greifen. 

KI als „Bedroher“ und „Ermöglicher“

Künstliche Intelligenz spielt bei allen Pitches eine wichtige Rolle. „Auf der einen Seite ist KI ein Bedroher, auf der anderen Seite ein Ermöglicher“, sagt Stefan Kohn, der am Ende aller Pitches kurze Rückmeldung gibt. Denn auch das Präsentieren will gelernt sein. „Immer mehrere Testläufe machen, damit man nicht improvisieren muss!“, lautet ein Tipp. „Laut und deutlich sprechen!“ „Folien nicht überladen!“, rät er. Dennoch ist Kohn sehr zufrieden mit den Studierenden, die sich ganz offensichtlich auch privat gut verstehen und nicht mit Beifall geizen – auch wenn’s mal etwas holprig läuft beim Showdown.

Teamarbeit steht im Vordergrund

Vor allem aber nehmen alle eines mit: Das Selbstbewusstsein, ein Start-up auf die Beine stellen zu können und das nötige Handwerkszeug dafür bekommen zu haben. Ganz gleich, ob als Einzelkämpfer oder im Team. „Ich habe mehr Selbstvertrauen bekommen und vom Austausch mit den Studierenden anderer Länder profitiert“, sagt Georgi Ivanov (29) aus Sofia. „Teamarbeit ist ganz wichtig: vier Leute von vier EUT+-Hochschulen, vier Ansätze – und dann eine gemeinsame Lösung, das ist klasse.“ Die Inspiration durch das Team gefällt auch Angela Peters (43) aus Dublin: „Verschiedene Länder, verschiedene Perspektiven, verschiedene Erfahrungen, ein Ergebnis“, lobt sie. „Das Programm hat mir einen Werkzeugkasten gegeben und damit das Selbstvertrauen, mich selbstständig zu machen.“ Doch habe sie auch gelernt, wie KI ihr helfen kann, das Werkzeug zu verwenden.

Austausch mit Vertretern unterschiedlicher Startups aus der Rhein-Main-Region: Besuch des HUB31 in Darmstadt. Alle Bilder: h_da / Samira Schulz

Viviana Dohi aus Rumänien lobt die Struktur und Dynamik des Programms, vor allem aber auch die Möglichkeit, Einblick in internationale Firmen wie Merck oder Forschungseinrichtungen wie die GSI einerseits und Start-ups andererseits zu bekommen. Die Teams hätten sich durch ihre Vielseitigkeit ergänzt: „Spanier sind kreativ, Deutsche strukturiert, und die Rumänen sorgen für good vibrations“.

Ähnliche Rückmeldung gibt Yannik Woldetsadik von der h_da zu seinem Team: „Bulgaren sind energiegeladen und eifrig, sind immer fünf Schritte voran.“ Die Irin im Team sei strukturiert und akribisch, die Spanierin habe starke grafische Ideen eingebracht, er selbst eine lenkende Rolle übernommen. „Insgesamt hat mir die Mischung von Ausflügen und Wissen, das vermittelt wird, gut gefallen.“ Für Alejandro Martinez Guillermo aus Spanien war die Mischung der Nationalitäten und Temperamente persönlich ein Gewinn. Vor allem aber „fühle ich mich jetzt bereit, ein eigenes Unternehmen zu gründen.“

Gemeinsam kreativ und innovativ

Dass er das nicht als Einzelkämpfer, sondern nur im Team wagen würde, davon ist Presian Siderov aus Bulgarien überzeugt. Das Programm und die Begegnungen mit den Teilnehmenden der anderen EUT+-Hochschulen habe seine Erwartungen übertroffen, „es war so abwechslungsreich, und wir waren sehr produktiv“. Er kann sich jetzt vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen: „Idee, Planung, Durchführung – wir haben alles in einer sicheren Umgebung trainiert.“ Doch würde er den Schritt in die Selbstständigkeit nur im Team wagen. „Alle großen Innovationen sind in Gruppen entstanden. Nur gemeinsam können wir kreativ und innovativ sein.“

Kontakt zur h_da-Wissenschaftsredaktion

Christina Janssen
Wissenschaftsredakteurin
Hochschulkommunikation
Tel.: +49.6151.533-60112
E-Mail: christina.janssen@h-da.de

Fotografie: Samira Schulz

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